Das Leere wird gefüllt

Liebe Gemeinde,

der 2. Adventssonntag fällt dieses Jahr auf den 6. Dezember. Bis heute gedenkt man an diesem Tag des Heiligen Nikolaus, zumindest in einer sehr profanen Form. Wir wollen aber sehen, ob Nikolaus auch etwas mit unserem Sonntag zu tun hat. Aber zuvor, damit Sie ein wenig das Bild aus dem Kopf bekommen, welches ein berühmter Getränkehersteller aus Nikolaus gemacht hat und ihn so bis heute als „Weihnachtsmann“ verkauft, der in seinen Weihnachtstrucks umherfährt: zunächst also ein wenig von den Legenden, die noch den echten Nikolaus zu beschreiben suchen.

Viele Geschichten von der Seefahrt sind dabei, denn Nikolaus ist ja u.a. der Schutzpatron der Seefahrer. Z.B. jene Geschichte von den Seeleuten, die anderen Menschen in ihrer Hungersnot nicht helfen wollten. Nikolaus musste sie erst mühsam dazu überreden, von ihren Schätzen, in diesem Fall Getreide, etwas herzugeben, damit die Bevölkerung nicht verhungerte. Gesagt, getan, füllte sich aber auf wundersame Weise die Getreideladung des Schiffes wieder auf. (Seitdem ist er übrigens auch noch Schutzpatron der Bäcker und mancherorts gibt es eigenes Nikolaus-Gebäck.) Und zum Gedenken an dieses wundersame Füllen der Leere, so lautet ein – auch gut biblisches Thema – heute stellt man Stiefel vor die Türe, die sich nachts auffüllen mit Geschenken in Form von Essbarem. In manchen Gegenden sind es keine Stiefel sondern kleine Schiffe, die die Kinder vor die Türe stellen.

Nikolaus aber hat noch mehr erreicht durch sein stetiges Einsetzen für andere Menschen: er half unschuldig Verurteilten und ist seitdem auch Schutzpatron für Gefangene und – hört, welch Sinnbild: auch für die Richter! Er half den Armen, wo er konnte. Ein eindrückliches Beispiel sind die drei Jungfrauen, deren Vater zu arm war, um ihnen eine ordentliche Mitgift auf den Weg geben zu können. Nikolaus schenkte ihnen auf verborgenem Wege je eine goldene Kugel. So konnten sie endlich in Ehre und erhobenen Hauptes heiraten. Seitdem ist er auch Schutzpatron der jungen, heiratsfähigen Mädchen, aber eben auch derjenigen, die es im Sinne dieser Geschichte nicht geschafft haben, ehrbar zu heiraten, weil ihnen das Geld dazu fehlte: Nikolaus ist damit auch der Schutzpatron der Prostituierten geworden. Und, liebe Gemeinde, sie werden es schon wissen, aufgrund dieser Geschichte ist er auch zum Schutzpatron derjenigen geworden die sich mit goldenen Kugeln im weitesten Sinne befassen: Nikolaus als Schutzpatron der Goldhändler und Banker. Und die Gold- und anderen -kugeln, die Sie sich vielleicht an den Weihnachtsbaum hängen, mögen Sie daran erinnern: sie sind nicht Ausdruck Ihres Besitzes und hängen nicht dort, weil man sich im Golde so schön selber spiegeln kann – sie hängen dort, weil sie erinnern wollen an die Tat desjenigen, der den Armen beisteht und ihnen in ihrer Not hilf und als Mahnung es diesem Heiligen nachzueifern.

Noch viele weitere Geschichten könnten erzählt werden von diesem großen Heiligen, der so viel Um- und Fehldeutungen, wie sonst wohl kaum einer in der Geschichte erfahren hat. Eines aber heute dennoch: wieder die Rettung eines Schiffes und der Mannschaft, diesmal aus einem schlimmen Unwetter auf See. Interessant ist, wie dort Nikolaus rettet: die Mannschaft und der Kapitän sind träge geworden, sie haben den Mut verloren und bringen nicht mehr die Kraft auf, die Taue zu kappen, die die Segel halten, damit das Schiff ruhiger wird. Schließlich rufen sie in ihrer Not zu Nikolaus. Der erscheint und vollbringt die nötige Arbeit und erst jetzt – angespornt durch sein Vorbild – raffen sich die Männer auf.

Die Mannschaft und der Kapitän sind träge geworden, sie sind schon fast bereit, sich dem brausenden Unwetter hinzugeben und somit unterzugehen: sie haben den Mut verloren. Hören wir mit dieser Geschichte im Hintergrund unser Predigtwort von heute. Wir lesen es im Jakobusbrief im 5. Kapitel, die Verse sieben und acht:

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Den Mut verlieren. So ging es wohl auch der Gemeinde, der jene Worte aus unserem Predigtwort geschrieben wurde. Sie war des Wartens müde. Hieß es nicht, die Wiederkunft des Herrn stehe kurz bevor? Und was hatte man nicht alles aufgegeben für diesen neuen Glauben! Ja, man hatte es sogar gewagt, sich gegen die Welt zu stellen, nur im Vertrauen auf dieses Wort des Jesus von Nazareth und seiner Verkündiger willen. Und nun passierte nichts. So lange schon, dass all die Spötter wieder erwachten und anfingen, mit dem Finger auf diese armseligen Christen zu zeigen.

Vielleicht, liebe Gemeinde, ist diese Situation gar nicht so weit weg von der der Seeleute, die schließlich Nikolaus zu Hilfe riefen. Der Sturm der Welt braust um sie herum und sie sind müde und träge geworden. Der Mut hat sie verlassen. Warum sollen sie noch weiter kämpfen? Ist es nicht besser unterzugehen? Und noch weiter, liebe Gemeinde: vielleicht ist auch diese Situation gar nicht so weit entfernt von unserer heute: die Stürme des Lebens zerren an unserem kleinen Boot, mit dem wir unterwegs sind und immer wieder stürzen gefährliche Brecher über Bord und drohen, uns mit in die Tiefe zu reißen. Welche Namen haben diese Brecher? Z.B. die Frage nach dem Sinn, angesichts von sinnlosem Leid und Tod. Aber auch die Frage nach dem Ausgleich hier auf Erden: warum geht es den Gottlosen oft besser als mir, der ich doch vertrauen will auf Gottes Wort? Dies ist die Frage der Psalmbeter. Warum sollen wir noch warten? Vielleicht kommt doch eh nichts nach! Und dieser Glaube ist nur das, was die Kritiker behaupten: ein Haschen nach Wind und ein großer Selbstbetrug! Der Verfasser des Jakobusbriefes weiß um all das. Und er spricht uns Mut zu: wartet geduldig, lasst nicht nach, gebt nicht auf! Der Herr wird kommen! Vielleicht anders, als ihr euch das erwartet, auch was die Zeit angeht, aber er wird kommen und es wird werden das große Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, nach dem ihr euch sehnt!

Heute, am 2. Advent, soll dies Thema sein: das Warten üben, auch im Glauben. Nicht, dass einer den anderen belehre und zu ihm sagt: „So schlimm ist doch dein Leid gar nicht – halte nur stille und sei geduldig! Dein Jammern mag keiner hören!“ So nicht: das wäre ein Frevel vor deinem Nächsten. Aber doch so, dass jeder in sich diese Hoffnung wieder hochhalte, dass nichts umsonst geschieht und nichts unbegleitet in seinem Leben, auch im tiefen Tal oder auf stürmischer See.

Weihnachten will auch dies wieder stärken: dein Erlöser ist geboren, die Rettung wird dir geschenkt werden. Advent heißt auch: wir sind noch nicht so weit, dass wir es „vollkommen“ nennen könnten. Und dennoch: „macht hoch die Tür, die Tor macht weit“! Bereitet Euch vor, dass Gott Euch nicht träge findet, sondern stellt Euch ein auf diesen Gott, der in Eure Herzen kommen möchte! Werft Euer ganzes Vertrauen auf ihn!

Warten wie der Bauer auf die Frucht der Felder. Ein schönes Bild, weil jeder hier weiß, dass der Bauer ja trotzdem etwas tun muss in dieser Zeit. Es ist ja nicht so, dass er nur Däumchen dreht, während die Frucht am Felde wächst und reift. Vorbereitung also, dass Weihnachten in Euren Herzen geschehen kann, nicht nur unter dem Weihnachtsbaum, dem Christbaum, mit allen Geschenken, sondern dort, wo es wichtig ist: im Herzen, im Gemüt, im Verstand. Christus kommt, um mich zu erlösen! Zurück zum Bild: der Bauer weiß dennoch, dass er das Reifen der Frucht nicht wirklich beschleunigen kann, ein bisschen vielleicht mit diversen Tricks, die heute möglich sind. Aber doch bringt es nichts, wenn er morgens auf sein Feld ginge und an jedem grünen Halm, der gerade zu sprießen beginnt, zöge, damit er schneller wachse! Nein, jeder weiß, er würde damit die Frucht nur zerstören. So tut es übrigens auch jeder, der heute schon die Endzeit ausruft. Nein: Christus wird dies selber tun. Die Frucht wird kommen und das Wesentliche der Frucht haben wir nicht selbst in der Hand: dass es ausreichend Feuchtigkeit gibt oder Sonnenschein. Nein, das wird von woanders her geschenkt.

Bleibt also stark im Warten, so heißt es im Predigtwort. Lasst nicht nach in der Vorbereitung auf das Kommen des Herrn!

Nikolaus kann uns heute als Beispiel dienen. Durch sein Erscheinen ermutigt, haben die Seeleute angefangen, das zu tun, was sie schon längst hätten tun sollen: selber mit Hand an legen, das Boot auszurichten im Sturm und zu halten, so gut es geht, anstatt alles nur treiben zu lassen.

Und auch das Füllen dessen, was vorher leer war. Gott füllt uns unsere Hände, wenn wir ihn darum bitten. Nicht mit Geld und Gold, sondern mit dem, was wir wirklich zum Leben brauchen. Und das, liebe Gemeinde, ist wie in den Geschichten des Nikolaus paradoxerweise oft das, was mein Nächster zu Leben braucht. Der Eine darf es durch die Hand des Anderen bekommen und somit erfahren, was Gottes Liebe mit uns meint.

Lasst uns in dieser Adventszeit darum bitten, dass wir selbst in diesen Dienst gestellt werden, damit wir nicht träge werden im Warten, sondern lebendige und mutige Zeugen dieses kommenden Reiches Gottes werden!

Und der Friede Gottes, der weiter reicht, als wir zu hoffen wagen, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.

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