Erde, atme auf!

Predigt
Dekanatsgottesdienst 2011
03. Juli 2011
2.S. nach Trinitatis

Erde, atme auf!

Liebe Gemeindemitglieder, liebe Gäste, liebe Schwestern und Brüder,

fangen wir doch gleich mit einer Frage an. Woran denkt der brave Mann? Wie heißt es bei Schiller? Richtig! Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt. Zur Freude aller Rechtschreibfeinde empfiehlt das Grimm´sche Wörterbuch noch, das Wörtchen „brav“ mit „f“ zu schreiben. Ferner klärt es auf, was das kleine Wort bedeutet: brav heißt mutig sein. Der Mensch, der Mut hat in seiner Seele, der denkt an sich selbst zuletzt.

Um diesen Mut soll es gehen. Um Lebenszuversicht. Das wollen wir uns wieder ins Herz zurückrufen, in unseren Sinn und unseren Verstand: Dass wir frei atmen können, weil Gott über uns waltet, weil Gott uns beschenkt hat.

Unser Lebensgefühl mag anders sein. Wir leben als Gejagte, leben in großer Hektik ohne Zeit und ohne Ruhe. Wir lassen uns jagen von immer neuen Nachrichten, von Katastrophen und all dem, was heute so bedrängend aktuell und morgen schon längst wieder vergessen ist: Atom-Katastrophe in Japan, Dioxin in Eiern, Todeskeime in Sprossen, Krieg in Libyen.

Viele Menschen erleben es als beklemmend: Es müsste sich so vieles ändern und wandeln, neu werden und frisch. Viele Menschen leben aber auch in ständiger Sorge und Angst, im Wandel das Leben zu verlieren, nicht mehr genug vom Leben zu bekommen, nicht alles sehen, hören und schmecken zu können.

Darüber vergessen wir, wie reich wir eigentlich sind.

Diesen Reichtum des Lebens, den wir haben, will ich uns ins Herz zurückrufen. Wir haben das Leben, wir haben Gemeinschaft, wir haben die Schöpfung, wir haben – gebe es Gott – auch Glauben. Darum: Erde, atme auf! Lass ab von deiner Lebensangst.

Mit drei Schritten durchmessen wir unser Thema. Der erste trägt die Überschrift:

1. Lebensgabe und Lebensverantwortung

„Aus dem wird mal etwas“, raunt man sich zu, wenn man von einem jungen Menschen begeistert ist. Ehrlich gesagt, fand ich diesen Satz schon immer irgendwie blöd. Denn aus jedem Menschen wird etwas! Die wunderbare Gabe des Lebens, aus dem etwas wird, ist kein Vorrecht nur weniger. „Gott will, dass allen Menschen geholfen wird“, heißt es in der Bibel 1. Timotheus 2,4. Die Lebensgabe, die wir aus Gottes Hand erhalten, verträgt keine Einschränkungen. Ich sage das wohl wissend darum, wie viele Schranken das Leben erschweren; Wege in die Zukunft verstellen; das Leben zur Last machen.
Frei atmen, aufatmen können wir dort, wo diese Schranken nieder brechen. Die wunderbare Lebensgabe ist uns allen gemeinsam. Niemand hat ein Recht, diesen Weg mit Steinen zu erschweren. Davon wird noch zu reden sein.

Aus jedem wird etwas. Denken sie diesen Satz nicht zynisch zu Ende! Aus jedem wird etwas. Das sei besonders betont in unserer Zeit, in der wir uns allzu sehr daran gewöhnt haben, in neugieriger Geilheit nur das Leben derer wahrzunehmen, die wir „prominent“ nennen. Als hätten sie das Leben und wir nur die Zuschauerränge.

Belassen wir es bei diesen Gedanken. Sie sollen uns den theologischen Ort umreißen, von dem her wir glauben und denken können.

Mit jeder Gabe ist Verantwortung verbunden. Dieser Gedanke wird uns auch in dieser Predigt begleiten.

Gehen wir kurz darauf ein, welche Verantwortung in der Lebensgabe liegt. Ich sage es einmal so: In der Lebensgabe liegt zugleich die Verantwortung, das Leben, mein Leben zu gestalten. Klingt so selbstverständlich und ist es doch nicht. Für unsere Erzieherinnen ist es längst selbstverständlich, dass Dreijährige noch mit Windeln in den Kindergarten kommen. Lehrer/innen sollen sich auch gleich selbst um die Erledigung der Hausaufgaben kümmern, die sie den Kindern geben. Damit will ich nichts gegen Entlastungen junger Familien sagen, die Kitas und Schulen ja auch gerne anbieten. Nur einen Eindruck will ich formulieren: Mancher nutzt all diese Angebote auch gerne dazu, sich aus der Verantwortung für die Lebensgestaltung zu verabschieden. Verantwortlich sind immer die anderen: Die Schule, der Staat, die Ärzte, die Kassen. Und ich selbst?

In einem sehr tiefsinnigen Gleichnis legt uns Jesus diesen Gedanken nahe: Gott wird uns dereinst fragen, was wir aus dem wunderbaren Geschenk des Lebens gemacht haben.

Aus jedem wird etwas. Mit Freude und Zuversicht dürfen wir das Geschenk des Lebens und damit auch die Verantwortung dafür aus Gottes Hand entgegen nehmen. Ein glaubendes Herz kann frei sein von jeder Lebensangst, kann immer wieder davon frei werden.

2. Gemeinschaftsgabe und Gestaltungsverantwortung

Wie denkt der brave Mann? Ich verrate ihnen, wie das Schiller-Zitat vollständig lautet: Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt, Vertrau auf Gott und rette den Bedrängten.
Damit sind wir beim 2. Schritt zur Erkundung all dessen, was uns gegeben ist.

Die zweite Gabe, die wir haben ist Gemeinschaft. Klingt auch so selbstverständlich. Natürlich gibt es Situationen, in denen andere uns die Luft zum atmen rauben. Aber darauf wollen wir nicht schauen. Uns ist Gemeinschaft mit anderen gegeben. Wer allzu oft Einsamkeit ertragen muss, weiß, wie wunderbar dieses Geschenk ist. Frei atmen kann, wer in der Liebe anderer Menschen Heimat hat.

Uns ist Gemeinschaft gegeben von Gott. Daran wollen wir uns freuen, an dieser Gabe. Uns ist Gemeinschaft gegeben und damit – sie ahnen was kommt – auch die Verantwortung dafür. Ein weites Thema. Dazu nur zwei Gedanken.

Was sicherlich nicht nur mir auffällt ist dies: Wir sichern uns gegeneinander ab. Das weiß jeder Internet-Kundige, der etwas online kauft. Überall muss man ein Häkchen machen: ja, ich habe die Geschäftsbedingungen gelesen. Ja, ich habe den Lizenzvertrag zur Kenntnis genommen. Im Krankenhaus kommt der juristisch geschulte Berater vor der Operation.
In den ferien hatte ich ein Auto gemietet. „Signatura qui“, sagte die junge Dame, „ et qui, qui, qui…“. Sechsmal folgte ich ihrem Finger und unterschrieb. Wollte man verlangen, die Texte vorher lesen zu dürfen, die man unterschreibt, würde man für absonderlich gelten.

Die Verrechtlichung des Lebens durchdringt immer mehr Bereiche. Für alles und jedes muss man Unterschriften leisten. Nun ist nichts gegen ordentliche Aufklärung zu sagen. Doch darum geht es ja nicht. Es geht darum, im möglichen Prozess auf das gesetzte Häkchen hinzuweisen. Kaum ein anderes Volk beschäftigt seine Rechtsanwälte so sehr, wie wir. Nur die Amerikaner, von denen wir das wohl abgeschaut haben, sind noch „besser“. Nicht, dass sie mich falsch verstehen, ich will keiner Rechtsunsicherheit das Wort reden. Einem Mensch, der sein Leben an der Bibel orientiert, fällt aber auf, wie unüberschaubar groß die Nachkommenschaft der Pharisäer geworden ist. Denen kam es – pointiert gesagt – darauf an, das Leben in Vorschriften, Gesetze und starre Regeln zu pressen. Darin aber zerstören wir die Gemeinschaft des Lebens, weil wir uns in Gedanken als Gegner, und nicht – ich sag es einmal bewusst sehr fromm und christlich – nicht mehr als Bruder und Schwester begegnen. Wenn bereits in Kindergärten und in Grundschulen Rechtsanwälte aufmarschieren, dann stimmt etwas nicht mehr.

Da ist uns das Geschenk der Gemeinschaft verloren gegangen, die Freiheit, miteinander zu leben und auch die Freiheit, ohne Anwalt einen Konflikt auszutragen.

Woran das liegt? Es könnte drei Gründe haben: Wir haben kein gutes Bild mehr, an dem wir unser gemeinsames Leben orientieren. Wir sind, wie es kalt und nüchtern in der Juristensprache von der Ehe heißt, eine Zugewinn-Gemeinschaft geworden. Und das mag der zweite Grund sein: Was unsere Gemeinschaft trägt, ist oftmals kaum mehr als die kollektive Gier nach Geld und Reichtum. Man schaue nach Spanien, wie dort einer jungen Generation der Weg zum Leben versperrt wird, weil Korruption und hemmungslose Gier alles Leben in Form von Geld in den eigenen Taschen wissen will. Was unser Zusammenleben zerstört, ist der kalte Geist des neoliberalen Denkens, vergöttert von der einen oder anderen Zwergpartei.

Ein dritter Grund sei ebenfalls kurz skizziert: Wir haben den Respekt vor der Arbeit verloren. Wir sind Zugewinn-Gemeinschaft, nicht aber mehr ein Volk, das sich gemeinsam einer Aufgabe stellt. Sinnbild für die Missachtung der Arbeit sind für mich die unsäglichen vielen Spielsalons auch in unserer Stadt. Bayern ist das einzige Bundesland, dass es seinen Kommunen verwehrt, wenigsten sogenannte Automatensteuern einzunehmen. Dies wäre allemal geboten, denn die Gemeinschaft trägt die Kosten derer, die ihr Leben im wahrsten Sinne des Wortes verspielt haben. Sinnbild ist für mich auch die unsinnige Höhe der Gewinne, die sie für 10 richtig beantworte Fragen kassieren können. Solche Fernsehshows zelebrieren die Missachtung der Arbeit und wir freuen uns noch daran. Wenn man mit dem Wissen um den längsten Wurm der Welt zum Millionär, geben wir unser Jugend kein gutes Lebensziel.

„Vertrau auf Gott und rette den Bedrängten“. Nein, wir können die Verantwortung für die Gestaltung unseres Lebens in Gemeinschaft nicht bei anderen abgeben. Das ist keine Aufgabe nur für die Menschen mit politischen Ämtern. Die Rückgewinnung eines guten Lebens in Gemeinschaft mit unseren Brüdern und Schwestern ist uns allen als Aufgabe gestellt. Den Ausgang dazu mögen wir in der Freude nehmen über das uns von Gott gegebene Geschenk, dass wir nicht allein leben müssen, sondern mit anderen zusammen durch das leben schreiten können. Nehmen wir doch dieses Geschenk an in Freude. So atmen wir auf. Und falls sie danach suchen wollten, wie man denn das leben in Gemeinschaft gestalten könnte? Lesen sie doch in der Bibel nach. Es gibt keine bessere Quelle der Inspiration.

3. Altstadtfest

In diesen Tagen feiern wir das Kulmbacher Altstadtfest. Dem einen oder anderen mag das zu laut, zu wild, zu ausgelassen sein. Mancher kann nur die unschönen Begleiterscheinungen wahrnehmen. Aber darauf wollen wir nicht schauen. Noch einmal formuliere ich das, was so selbstverständlich klingen mag: Lasst uns doch eine tiefe Dankbarkeit dafür empfinden, dass wir in unserer Zeit solche Feste feiern dürfen. Ich will beides zusammen sehen: Die Feier unseres Heiligen Abendmahls und das fröhliche Stadtfest. Beide Feste sind darin geeint, dass sie Menschen zusammen führen. Hier empfangen wir Brot und Wein, die Symbole des Lebens. Hier nehmen wir das Bild Christi in uns auf. Hier nehmen wir die Verantwortung unseres Lebens vor Gott in Gesang, Gebet und im Hören auf sein Wort wahr. Was hindert uns, dieses Bild mit zu nehmen den Burgberg hinunter in das fröhliche Treiben?

Fremde Menschen lachen miteinander. Man redet mit Fremden! Wie viel Überwindung kostet das manch einem von uns in anderen Zusammenhängen. Heute darf es anders sein: Wir atmen auf. Die Last des Lebens mag einen Tag ohne uns auskommen! Wir atmen auf, weil wir uns als so reich beschenkte Menschen erleben dürfen. Im Abendmahl ruft Gott uns zusammen und schenkt uns das Leben in Christus. Im Altstadtfest mag auch das der tragende Grund sein: Wir leben zusammen in einer Welt, in der wir das Leben haben. Aus dieser Freude heraus stellen wir uns unserer Verantwortung.

Aus dieser Freude heraus gestalten wir unser Leben in Zukunft. Als Brüder und Schwestern, nicht als Feinde, nicht als Gegner im Wettlauf dem Mammon hinterher. Das zu lernen, das zu üben, das gemeinsam zu bedenken ist Aufgabe unserer Gottesdienste. Nun will ich nicht darüber klagen, dass so viele Menschen diese Feier des Lebens nicht aufsuchen. Täten sie es, so bin ich mir sicher, schaute unser Land anders aus: Es hätte Sinn und Mitte in Christus. Unser Zusammenleben wäre von einem anderen Geist getragen: von Liebe und Vergebung, die wir in Verantwortung füreinander lebten.

Unsere Kirchtürme weisen in den Himmel. Sie tragen an ihrer Spitze oft eine goldene Kugel. Damit wir nicht vergessen, wie reich wir sind aus Gott. Und die Fahne zeigt, wem wir gehören. Jesus hat sich zu den Menschen, die nur feiern können, an den Tisch gesetzt. Hat ihnen vom Lebensmut erzählt, der aus Gott kommt. Und so wünsche ich ihnen allen ein fröhliches Stadtfest in Frieden.

Woran denkt der brave Mann? Na, mancher denkt wohl jetzt schon an das kühle Bier!

Zeit aufzuhören.

Amen

drucken