Ostererfahrungen

Erst eine Woche ist es her, dass wir Ostern gefeiert haben, dieses einzigartige Mutmach-Fest! Aus vollen Kehlen haben wir gesungen: „Der Herr ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden“. Wir haben auf die biblischen Ostererzählungen gehört und ihre unglaubliche Botschaft vernommen: Die Macht des Todes ist gebrochen! Das Leben siegt über den Tod!

Und jetzt, nur eine Woche später, was ist jetzt damit? War es doch nur ein „Alle-Jahre-wieder-Fest“? Was ist mit der Osterhoffnung? Lebt sie in uns oder liegt sie eingemottet auf dem Speicher wie die Krippefiguren am 7. Januar?


Wer kennt sie nicht, diese Erfahrung: Kaum sind wir wieder mit den Schwierigkeiten und Sorgen des Alltag konfrontiert, da überfällt uns kleinliche unösterliche Angst. Von österlichem Mut scheint nicht viel übrig zu bleiben. 

Doch genau in diesem Zwiespalt kommt uns diese späte Ostergeschichte zu Hilfe. Sie erzählt von Petrus und den anderen sechs Jüngern. Gerade war ihnen das allererste Ostern widerfahren. Der auferstandene Christus war ihnen begegnet, hatte sie ausgesandt und ihnen den Heiligen Geist zugesprochen. Doch kurz darauf sind sie in der Mühsal des Alltags versunken. Man wundert sich: Wie können die nur so kurz darauf wieder in ihr altes Leben zurückfallen – als wäre Ostern nicht geschehen! Aber genau so sind sie uns ganz nahe. Schauen wir, was mit ihnen passiert. An fünf Stationen halten wir inne.



Station 1: 
„In dieser Nacht fingen sie nichts“

Die Jünger fahren nachts wie gewohnt zum Fischen hinaus. Das ist ihr Alltag, darin sind sie Profis. Doch in dieser Nacht hat sie das Glück verlassen. Kein einziger Fisch zappelt im Netz. Alle Mühe umsonst! Das sind bittere Momente im Leben. Wenn man die Vergeblichkeit so hautnah erfährt. Wie schnell schwindet da österlicher Lebensmut. 

Immer wieder sind wir selbst so dran wie die Jünger damals:
 – Da unternimmt jemand alle möglichen Anstrengungen, dass ein suchtkranker Mensch einen Ausweg findet aus seiner Abhängigkeit. Hoffnung keimt auf – doch dann wird er rückfällig. Es war umsonst.
- Da ringt eine Frau darum, dass ihre Beziehung doch noch gerettet wird. Immer wieder nimmt sie Anläufe, um eine neue Nähe in der Partnerschaft herzustellen. Aber jedes Mal laufen die Versuche ins Leere. „Ich erreiche den anderen einfach nicht. Jetzt kann ich auch nicht mehr!“
- Oder: Da fragen sich Eltern, was geblieben ist vom Glück der Kindheitsjahre? Dort geht der Sohn, die Tochter jetzt hin, allein und auf ganz anderen Wegen, als sie es sich vorgestellt hatten.

Ja, die vergeblichen Nächte und die vergeblichen Tage gehören zum Leben. Und es ist gut, wenn wir solche Erfahrungen uns selber und auch einander eingestehen. Dann gehen wir barmherziger miteinander um. 



Station 2: 
„Da es aber jetzt Morgen war, stand Jesus am Ufer“

Die Jünger meinten, sie seien allein, als sie mit dem Schiff hinausfuhren, sie seien allein, als sie die Netze leer aus dem Wasser zogen, sie seien allein, als sie bitter enttäuscht heimkehrten – aber der Schein trügt. In Wirklichkeit hatte er, der auferstandene Christus, alles vor Augen und war immer dabei. Er stand am Ufer. Er war ihnen viel näher als sie ahnten, als sie wussten. 

Was eine Niederlage besonders schlimm machen kann, ist das Gefühl: „Jetzt steh ich alleine da. Keiner weiß wirklich, wie’s mir jetzt geht!“
 Aber jene Ostergeschichte vom See sagt ihm, sagt ihr: Ich weiß es anders. Er steht auch bei dir am Ufer, wenn du zurückkehrst mit leeren Händen und trostlosem Herzen – und er empfängt dich. Auch deine erfolglose Nacht, die sich so endlos dahin zieht, ist vor seinen Augen. 
Eine Nacht, von der man das weiß, liebe Gemeinde, ist anders. 
Ein Tag, wie schwierig er sein mag, ist anders, wenn ich ahne, dass er in meiner Nähe ist. 
Und auch die letzte Nacht, die jeder von uns noch vor sich hat und durchschreiten muss, die Nacht des Todes, ist anders, wenn ich weiß: Wenn es Morgen ist, steht Jesus am Ufer. 



Station 3: 
„Kinder, habt ihr nichts zu essen?“

Liebevoll, aber auch entwaffnend direkt spricht sie der Fremde vom Ufer aus an. Habt ihr etwas, das euch nährt? Habt ihr eine Hoffnung, die Enttäuschungen standhält? „Kinder“ nennt er sie. Erwachsene Männer werden zu Kindern. Die Jünger spüren: In der Nähe dieses Unbekannten brauchen wir uns nicht zu verstellen, wir können offen sein wie Kinder. Und so kommt ohne Ausflüchte und Beschwichtigungsformeln ihr „Nein“. Sie trauen sich, dem ins Auge zu sehen, dass sie nichts in der Hand haben – und dass eine große Leere in ihnen ist. 

Liebe Gemeinde, unsere Gottesdienste würden anders aussehen, wenn wir uns dieser Frage von Jesus ehrlich stellen würden: 
„Kinder, habt ihr etwas, das euch satt macht?“

„Übersättigt bin ich, ja“, das könnten viele heute sagen. Übersättigt durch die Arbeit. Durch ein pralles Freizeitangebot. Durch Märkte und verkaufsoffene Sonntage, Unterhaltungsmöglichkeiten drinnen am Bildschirm, im Internet und draußen – ohne Ende. 

„Übersättigt – ja, aber etwas, das meine Seele wirklich satt macht – nein, wenn ich ehrlich bin, das habe ich nicht.“

Liebe Gemeinde, darauf käme es an, dass die Menschen – wir Menschen – wieder unseren Hunger spüren. Dass wir entdecken, dass – vielleicht tief verborgen oder ganz verschüttet – eine Sehnsucht nach Gott in uns steckt. Eine Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach Nähe und Verstandenwerden, eine Sehnsucht, die nur Gott stillen kann. Hier in der Kirche haben wir einen Raum der Besinnung. Einen Raum, in dem ich spüren kann, was ich wirklich brauche. Einen Raum, der mir Begegnung mit Gott ermöglichen will. 

Zurück zur Geschichte: Der Erzähler hält die Spannung aufrecht, indem wir als Hörer bzw. Leser mehr wissen als die Jünger. Für uns ist längst klar: der Unbekannte am Ufer wird sich als Jesus herausstellen. Aber für die Jünger ist er noch ein Fremder. Sie spüren zumindest: In seiner Nähe brauchen wir uns nicht zu verstellen. Sie spüren es und erkennen ihn doch nicht. 
Und genau darin sind sie uns wieder ganz nah. Wie oft kommt Jesus uns entgegen, spricht zu uns und wir erkennen seine Stimme nicht? Möglicherweise erkennen wir ihn deshalb nicht, weil sein Wort unserer Menschenlogik ab und zu kräftig widerspricht.



Station 4: 
„Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden…“

Was für eine verrückte Aufforderung! Warum sollten denn auf der anderen Seite des Kiels mehr Fische sein? Und überhaupt: Jetzt ist doch Tag, da fischt kein vernünftiger Mensch. Aber die Jünger geben diesem Zweifel nicht statt. Sie reagieren voll Vertrauen – wie Kinder – und lassen sich auf das ein, was ihnen der fremde und doch vertrauenswürdige Mann vom Ufer aus zuruft. 

Liebe Gemeinde, an das, was wir gewohnt sind, an das, was logisch und vernünftig erscheint, ist Gott nicht gebunden. Er ist ein Gott der Überraschungen. Und er sucht Menschen, die bereit sind, sich auf Überraschungen einzulassen. 
Wie viele wichtige Gespräche bleiben ungeführt!
Wie viele wichtige Begegnungen und Besuche geschehen nicht – 
weil wir zu viel wissen:
Weil wir wissen, dass wir dafür sowieso keine Zeit haben;
dass wir nicht die richtigen Worte finden werden;
dass der andere uns nicht versteht usw. 
Wir wissen alles, nur nicht, 
dass Gott bei uns ist und dass er immer für Überraschungen gut ist. 
Dieser Gott, der an Ostern gezeigt hat, dass er mit Null und Nichts etwas Neues anfangen kann. 
Dass er aus dem Tod neues Leben weckt und dass er leere Netze unerwartet füllen kann. 
Dieser Gott kann auch mit uns etwas anfangen. 
Geben wir nicht unserem oft so kleinlichen und kleingläubigen Wissen nach. 
Lassen wir uns von ihm überraschen!



Station 5: 
„Da warfen sie das Netz aus und konnten´s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische“

Es mutet einen fast wie ein Märchen an: In der Nacht leere Netze und jetzt machen sie den Fang ihres Lebens. So etwas haben sie noch nie erlebt. Was ist da passiert? Was für ein Geheimnis verbirgt sich hier?

Liebe Gemeinde, die berstend vollen Netze weisen darauf hin, dass in Jesus das Leben sich in einer Fülle, einem Reichtum zeigt wie noch nie. In ihm kommt ein Leben ans Licht, das auch von bitteren Erfahrungen und Enttäuschungen, ja nicht einmal vom Tod aufgehalten werden kann. 
Und darum geschieht durch ihn etwas Umstürzendes. Wir kennen die eine Reihenfolge – und sie scheint unabänderlich: Leben und dann der Tod, auf das Werden folgt das Vergehen, die Hoffnungen blühen auf und viele davon scheitern dann doch. Aber der auferstandene Christus wendet die Reihenfolge um: Nicht Leben und Tod – Tod und Leben heißt es nun, seit Christus erstanden ist. Davon erzählt unsere Ostergeschichte, von dieser umgedrehten Reihenfolge. Nicht Hoffen und dann am Ende Müdesein, Enttäuschung und verlorener Zukunftsmut – nein, leere Hände zwischendurch und die Erfahrung der Vergeblichkeit, und dann doch Hoffnung und eine neue Begegnung mit Gott am Morgen und ein neues Beginnen unter Gottes Angesicht und mit neuem Zukunftsmut. 

Ich denke da an eine Sendung, die kürzlich gesehen habe über einen 28jährigen Mann: Nick Vujicic.
Er erzählt: 

„Als meine Mutter mich nach der Geburt sah, weinte sie und mit ihr die Krankenschwestern – denn ich hatte keine Arme und keine Beine. 
Ihr Kind – das war nur ein Kopf und ein Rumpf. 
Meine Eltern waren Christen, aber nun verstanden sie Gott nicht mehr:
Für mich gab es in ihren Augen doch keine Zukunft!“

Er selber – so erzählte er – machte eine fürchterliche Zeit durch. 
Mit acht Jahren versuchte Nick, sich in der Badewanne umzubringen. 
„Es ging mit mir erst dann bergauf, als mir klar wurde: 
Obwohl ich alles andere als perfekt bin, bin ich trotzdem ein Gedanke Gottes. Und es steckt viel an Entwicklungsmöglichkeiten in mir! 
Wir glauben viel zu oft das, was andere über uns sagen und machen uns selber klein. Aber wer seine Träume aufgibt, der steckt Gott in eine kleine Box. 
„Meine Familie und ich“, so sagt Nick Vujicic, „hatten eines übersehen: 
Meine Behinderung – mein „Fluch“ – konnte genauso ein Segen sein. 
Ich kann auf eine ganz spezielle Weise andere erreichen, mich in sie hineinfühlen, ihren Schmerz nachempfinden und ihnen Trost spenden. 
Ich habe mich entschieden, dankbar zu sein für das, was ich tun kann, 
und nicht wütend zu sein über das, was ich nicht tun kann.“ 
Nick Vujicic lebt heute in Kalifornien. 
Er ist weltweit unterwegs als ein viel gefragter Evangelist und Redner. Er spricht vor Mangern ebenso wie vor Schülern. Er spricht über die Themen, Behinderung, Hoffnung, Lebensmut und Sinn im Leben. 
Es war sehr eindrücklich, in dem Film zu sehen, wie der 28jährige mit einem ungefähr 9jährigen deutschen Jungen, der keine Beine hatte, zusammen traf. 
Der Junge durfte Fragen stellen und Vujicic hat ihm erzählt, 
wie er mit den Härten seiner Behinderunge umgeht,
was er an Schönem erleben darf. 
Auf dem sehr ernsten Gesicht des Jungen war nachher ein Lächeln zu sehen. 
Was hier geschehen ist, hätte wohl kein gesunder Mensch fertig gebracht – weder Arzt noch Therpeut. 
Nur dieser Mann, der selber mit so vielen Schwierigkeiten kämpfen muss, konnte diesen Zukunftsmut an den Jungen und seine Eltern weiter geben. 
Das sind Ostererfahrungen: 
Wenn wir spüren dürfen, wie Gott da ist in unserem leben. 
Und dass er durch Niederlagen und Hindernisse hindurch etwas Neues wirkt. 
Wenn wir erfahren, dass wir mitten in der Angst und in der Enttäuschung von Gott umgeben sind. Und dass seine Kraft stärker ist. 

Ostern sagt uns: 
Am Ende steht nicht das Scheitern, 
am Ende wird sich Gottes Lebenskraft durchsetzen – gegen alle Widerstandskraft. 
Darum lasst euch den Mut nicht rauben. 
Es lohnt sich, an der Hoffnung auf den auferstandenen Christus festzuhalten.

drucken