Vertrauensvoll in die Zukunft gehen

In der Bibel finden wir auch ganz normale Familiengeschichten. Manchmal etwas zugespitzt, aber bei weitem nicht so konstruiert, wie das, was das Fernsehen uns mitunter als reality vorspielt.

So auch in der Geschichte von der Volkwerdung Israels, den Nachkommen Abrahams. Jakob, der Enkel Abrahams mit dem Beinamen Israel hatte 12 Söhne, von denen 11 ihren Bruder Joseph verkauften. Gut, er war ein wenig überheblich und selbstherrlich und wurde vom Vater bevorzugt. Kurz gesagt, er ging ziemlich auf die Nerven. Aber gerade dieser Verkauf in die Sklaverei nach Ägypten war die Rettung für seine Familie, weil Joseph die rechte Hand des Pharao geworden war und in der Hungersnot seine Familie am Leben erhalten konnte. So lebte die Familie friedlich beisammen in Ägypten. Vater Jakob war die Integrationsfigur.

Als der stirbt, haben die 11 Brüder Angst und es spielt sich Folgendes ab:

[TEXT]

Der Tod eines Menschen schafft Verunsicherung. Ein soziales Gefüge ist zerbrochen. Alte Verlässlichkeiten haben ihren Wert verloren. Ob man sich noch trauen darf über die Brücke zu gehen, für die der Tote gerade gestanden hat? Alte Rechnungen bekommen neuen Wert. Das schlechte Gewissen überwindet die Sorglosigkeit.

Die 11 Brüder wissen um die normalen Abläufe im Alltag. Sie haben Angst und sie wollen nicht über ihre Angst reden. Sie wollen sich an ihren Gefühlen und ihrer Schuld vorbeimogeln.

Das kommt mir bekannt vor. Wie oft versuchen wir geschickt an unserer Schuld vorbeizukommen, sie anderen in die Schuhe zu schieben oder uns hinter so genannten Sachzwängen zu verstecken. Wie oft versuchen wir, wenn uns etwas peinlich ist, zur Tagesordnung über zu gehen?

Bei ihnen funktioniert das prächtig, in dem sie ihren Vater zitieren. Der kann sich ja nicht mehr wehren und so bleibt es gleichgültig, ob er das wirklich gesagt hat oder nicht. Es ist ein klassisches Ausweichen.

Joseph macht diese Trickserei traurig. Weil er spürt, dass die Schuld seiner Brüder sie immer noch trennt. Solange der Vater lebte, hat er Einiges überdeckt, war das verbindende Glied zwischen Joseph und seinen Brüdern. Nun steht er allein da und spürt ihre Angst und merkt, dass es vielleicht nie wieder gelingen wird, dass sie ganz normal als Geschwister miteinander umgehen können. Sie haben nicht begriffen, dass auch ihre Schuld Teil von Gottes Heilsplan war.

Darum fragt er nun ganz direkt: ‚Stehe ich denn an Gottes Statt?‘ = Bin ich denn wie Gott? Joseph will nicht gegen Gottes erklärten Willen leben. Er versteht sich selber als Teil des Heilsplanes Gottes mit seinem Volk. Damit auch in Widerspruch zu seinem Amt als Stellvertreter des Pharao. Der Pharao war ja schließlich nicht ein König, sondern ein Gott. Trotzdem macht er deutlich, dass es Gott – der wahre Gott – ist, der über ihnen allen steht und ihr Schicksal lenkt.

Diesem Gott ist er dankbar für sein Schicksal, das mit Sicherheit nicht leicht war, aber ihn dorthin geführt hat, dass er Leben retten konnte, seine Familie vom Hungertod bewahren durfte. Seine Lebensleistung sieht er nicht in dem Posten, den er innehat, sondern in dem Segen Gottes, der ihn begleitet hat durch alle Tiefen und Höhen. Dieser Segen ist nicht sein Verdienst, sondern eine Lebensqualität, die Gott ihm beilegt. Das ist ein weiter Weg dahin, zu begreifen, dass das Größte in meinem Leben Geschenk Gottes ist. Und dass die größte Leistung darin bestehen kann, dieses Geschenk anzunehmen. Ein bisschen wie bei der Geburt eines Kindes. Da ist nichts eigene Leistung, sondern alles Geschenk. Aber es ist das Größte.

‚Gott segne euren Blick zurück und eure Schritte nach vorn‘ Dieses Wort kommt aus einer Agende zum Ehejubiläum. Dieses Wort passt an Schaltstellen unseres Lebens. Besonders gut aber zum gemeinsamen Leben. Der Blick zurück kann ein Blick voller Bitterkeit sein. Das befürchten 11 Brüder von Joseph, dass er nun zurückblickt und die Keule rausholt. Er kann aber auch ein gesegneter Blick sein, voller Dankbarkeit auf die Führung Gottes und voller Dankbarkeit, dass es gelungen ist, sich nicht zu verlieren. So schaut Joseph zurück: Voller Dankbarkeit, dass die Familie wieder zusammen ist, weil Gott bei ihr geblieben ist.

Aus solcher Dankbarkeit können auch gesegnete Schritte nach vorne Kraft gewinnen. Ich bin dankbar durch frühere Schwierigkeiten gekommen zu sein und gehe vertrauensvoll in die Zukunft, die Gott mir bereitet.

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