Zechi, der Saubermann

Tja, das hat er nun davon, dieser Dummdösel! Gestern Vormittag war er noch ein ganzer Kerl mit anständigem Beruf und einem nicht üblen Einkommen, und ein paar Stunden später liegt er da mit diesem komischen Kauz aus Nazareth, trinkt und isst mit ihm und verschleudert sein ganzes Geld. Nicht wiederzuerkennen, dieser Zachäus. Dabei war das ein so fähiger Mann gewesen. Der hat den Leuten das Geld aus den Taschen geholt, sage ich ihnen, sagenhaft! Bei seinem Talent hätte er es bestimmt noch mal zu was gebracht: vielleicht Statthalter oder Prokonsul oder so etwas. Jedenfalls wäre ihm eine Position sicher gewesen, wo er seine Begabungen noch sehr viel effizienter hätte einsetzen können. Und das schmeißt er so mir nichts dir nichts einfach über den Haufen. Eine Schande ist das, ehrlich.

Als Kollege und Freund habe ich ihm immer gesagt: "Zechi" – wir von der Zollstation haben ihn immer liebevoll Zechi genannt, weil er doch etwas klein geraten ist und wir fanden, das passte irgendwie zu ihm – also, "Zechi", habe ich zu ihm gesagt, "wovor du dich am meisten hüten musst ist das Mitleid! Meide das Mitleid wie die Pest! Das ist der Tod im Topf und darüber hinaus auch noch schädlich für deine Karriere. Und wenn dich jemand noch so anjammert, wenn dich noch so treue Kinderaugen anschauen, oder wenn die weibliche Kundschaft noch so sehr mit ihren Reizen spielt – bleib ja standhaft. Das einzige, woran du denken musst, ist dein Vorteil. Du bist dir selbst der Nächste. Du kommst an erster Stelle und danach erst mal lange gar nichts! Darauf kommt es an. Alles andere ist Weibergeschwätz!" Dann hat er immer genickt und gleich bei der nächsten Schicht die Abgaben um zwei Schekel erhöht. Ich hab ja gesagt: der war ein Naturtalent. Richtig Stolz war ich auf ihn. So einen kann man bei uns gut gebrauchen.

Denn sie glauben ja gar nicht, was sich die Leute so alles einfallen lassen, um ihre Steuern nicht zahlen müssen – oder schlimmer noch, um von dem Geld anständiger Leute zu leben. Die miesesten Tricks lassen die sich einfallen, um von unserem schönen römischen Kuchen ein Stück abzubekommen. Manche weigern sich sogar, zu arbeiten! Und das schönste dabei ist, die behaupten auch noch, sie würden keinen Arbeitsplatz finden! Ehrlich, da geht einem manches Mal der Helm hoch, wenn man so etwas hört. Faulenzer sind das, Nichtstuer, die sich auf Kosten der anderen von unserem schönen reichen Staat aushalten lassen!

Aber noch schlimmer als die sind ja die ganzen Ausländer, diese Barbaren, die nachts unseren Limes überschreiten, irgendwo untertauchen und sich dann auf unsere Kosten reichschnorren! Wenn die dann geschnappt werden, was ja bei unseren ausgezeichneten Polizieikohorten auf der Tagesordnung steht, jammern sie einem etwas vor, tun so, als müssten sie zu Hause um ihr Leben fürchten und bitten auch noch, bleiben zu dürfen. Also, wenn sie mich fragen, ist das der Gipfel der Dreistigkeit. So können die ganz offiziell eine ruhige Kugel schieben und sich an dem bedienen, was unsereiner sich sauer verdient. Aber mich fragt ja keiner …

Also, die Geschichte mit dem Zechi kapier ich ja immer noch nicht. Obwohl, dieser Typ, der da gekommen ist und mit dem er dann in seinem Haus gefeiert hat, von dem hab ich ja schon mal was gehört. Alles komische Geschichten, die sich die Leute da erzählen. Aus Nazareth soll der sein. Da bewahrheitet sich doch mal wieder das altbekannte Sprichwort: "Aus Galiläa kann nichts Gutes kommen!" Und dieser komische Kerl scheint ein ganz besonders ausgekochtes Schlitzohr zu sein. Der läuft durch die Gegend herum, lässt sich von gutgläubigen Menschen verköstigen und redet ihnen das Reich Gottes vom Himmel herunter! Ich glaub, der ist mit allen Wassern gewaschen, die den Jordan schon runter geflossen sind.

Der wählt ja seine Auftritte so, dass sie immer die größtmögliche Aufmerksamkeit erreichen. Wo der auftaucht, bildet sich gleich ein Rudel von Leuten. Und das schönste ist, das sind meistens all die Loser unserer Gesellschaft, abgewrackte Typen, die ich schon längst im Zirkus Maximus den Löwen zum Fraß vorgeworfen hätte. Alles Leute, die uns auf der Tasche liegen: Kranke, Alte, Alleinerziehende, Behinderte, Arbeitslose, Durchgedrehte, sogar Kinder … Es heißt, einer von diesen Zeloten, die meinen, mit ihren Selbstmordkommandos könnten sie unserem unermesslichen römischen Reich etwas anhaben, soll sich unter seinen Anhängern befinden. Da wundert’s mich nun wirklich nicht mehr, dass er ständig seine zwölf Bodyguards um sich herum hat.

Als sich vorige Woche nach und nach herumsprach, dass dieser Jesus auch zu uns nach Jericho kommt, da hätten sie mal sehen sollen, wie aufgeregt manche Leute reagiert haben. So, als würde unser ehrwürdiger Kaiser und Gott, Jupiter möge ihn schützen, höchst persönlich in unser Städtchen einreiten! Unser Zechi hat sich übrigens zu diesem Zeitpunkt nix anmerken lassen. Keiner von uns konnte ahnen, dass der wie von einem Skorpion gestochen auf einmal losläuft, um sich diesem seltsamen Menschen an den Hals zu werfen. O.K., neugierig ist er ja schon immer gewesen – was übrigens der gewissenhaften Ausübung seines Berufes sehr entgegen kam, da der ein oder der andere doch immer wieder versuchte, auf den abenteuerlichsten Wegen Ware in die Stadt zu schmuggeln. Aber das hier, das war doch etwas vollkommen anderes.

Zuerst haben meine Kollegen und ich ja geglaubt, er sei übereifrig geworden und wollte diesem Jesus samt seinen zwölf Wegbegleitern eine Extrasteuer abknöpfen. Was man sich von ihren Auftritten erzählte ähnelte ja stark an ausgereifte Zirkusnummern: Auferstehung, Krankenheilungen, übers Wasser laufen etc. Da hätte man Jesus und seine Kumpels ohne Probleme als fahrendes Schaustellervolk deklarieren und eine saftige Kultursteuer erheben können. Dem Zechi hätte ich das durchaus zugetraut. Doch was macht der? Macht sich zum Gespött aller Leute und klettert wie ein kleines Kind auf einen Baum, um diesen Zirkusfritzen richtig sehen zu können! Peinlich! Ist doch klar, dass er diesem Wandervogel sofort auffallen musste. Und dann kam ja das, was man von diesem Jesus ständig zu hören kriegt: er ludt sich ohne mit der Wimper zu zucken beim Zechi zum Abendessen ein. Der hat bestimmt eine gute Nase dafür, bei wem es sich lohnt, unterzukriechen. Aber dass unser Kleiner sich von dem hat so übers Ohr hauen lassen, das wundert mich ja schon. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern – und im übrigen ohne seine Frühschicht ordnungsgemäß zu beenden – ist er nach Hause gelaufen und hat alle möglichen Vorbereitungen getroffen, um ein wirklich außergewöhnliches Festmahl auftischen zu können. Immerhin hatte er nicht vergessen, uns, seine Kollegen und Freunde einzuladen. Obwohl, wenn ich daran denke, was dieser Möchtegernrabbi dann mit unserem Zechi gemacht hat, das hätte man nun wirklich nicht miterleben müssen.

Es hat nämlich nicht lange gedauert, da fingen die so genannten Frommen aus der Stadt an, sich darüber zu beschweren, dass sich Jesus bei einem Zöllner den Bauch voll schlug. Der ein oder andere war richtig sauer und ich hab schon gedacht, gleich geht die Prügelei los und um das schöne Essen sei es geschehen. Aber soweit ist es dann nicht gekommen – leider! Denn Zechi hatte nichts besseres zu tun, als den Meckerern ins Wort zu fallen und – ich kann es immer noch nicht fassen – zu versprechen, all seine Fehler wieder gut zu machen! Mir ist die Hühnchenbrust, die ich mir gerade einverleibte, im Halse stecken geblieben. Ja war der denn noch bei Trost? Die Hälfte seines Besitzes wollte er an die Armen verteilen und denen, die er bei der gewissenhaften Ausübung seines ehrwürdigen Berufes betrogen hatte, wollte er das vierfache zurückerstatten! "Jetzt bist du nicht nur übergeschnappt, sondern auch noch vollkommen pleite", hab ich gedacht, "denn wenn du die Hälfte deines Vermögens auf die Straße wirfst, bleibt dir am Ende gar nichts mehr übrig, denn die du nicht übers Ohr gehauen hast, die kannst du an fünf Fingern abzählen."

Junge, hast du denn auf einmal die einfachsten Grundregeln vergessen, die man dir beigebracht hat. Wenn du an irgendeiner Form der Ausbeutung teilgenommen hast, lautet Regel Nummer eins: Halte dich still zurück und warte ab, bis irgendeines deiner Opfer den Mut zusammen nimmt, seine Stimme zu erheben. Kommt es dann tatsächlich zur Anklage, gilt Regel Nummer zwei: Zögere das ganze Verfahren juristisch so in die Länge, dass es dem anderen eventuell zu teuer wird, weiterzumachen. Bringt auch das nicht den gewünschten Erfolgt, tritt Regel drei in Kraft: Verklausuliere den Ablauf der Entschädigungszahlung dermaßen, dass ein Großteil der Empfänger das Zeitliche gesegnet hat, bevor es zur Auszahlung kommt und reduziere somit deine Ausgabe auf ein Bruchteil der ursprünglich anberaumten Summe. Den Rest deklariere als mildtätige Spende und setze ihn von der Steuer ab. So einfach ist das.

Was aber der Zechi da gemacht hat, grenzt an Selbstverleumdung. Irgendwie muss ihm dieser Jesus das Gehirn gewaschen haben. Oder er hat ihn betrunken gemacht, so dass er nicht mehr wusste, was er sagte. Zechi vertrug zwar einiges, aber dieser Clown aus Galiläa soll schließlich schon einmal Wasser in Wein verwandelt und damit eine Fete gerettet haben. Warum soll er also nicht auch dieses unbekömmliche israelitische Gesöff gepanscht und mit Höherprozentigem versetzt haben. Ja, genau so muss das gewesen sein.

Ich glaube, ich werde morgen als aller erstes einen Bericht an den Statthalter von Jerusalem übermitteln. Soll der sich mal um diesen Jesus kümmern. Wenn der wenigstens bei seinen Leuten blieb und da für Durcheinander sorgen würde, das könnte einem ja egal sein. Aber der fängt langsam an, auch in unseren ehrwürdigen römischen Reihen Unruhe zu stiften – und das gefällt mir überhaupt nicht. Schließlich haben wir einen guten Ruf zu verlieren. Wer soll vor uns denn noch Respekt haben, wenn sich einer nach dem anderen zum wohltätigen Saubermann wandelt. Wir haben bis jetzt noch jeden zum Schweigen gebracht, der uns an das Leder wollte und unser römisches Reich zu kritisieren wagte. Dieser Jesus, dem wird das Lachen auch schon bald vergehen. Beim Jupiter, das ist so sicher wie das Amen in einer dieser Synagogen, wo der sich immer rumtreibt.

In diesem Sinne, Ave.

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