Im Licht der Gnade

Welchen Blick Paulus selbst auf sein Bekehrungs- und Berufungserlebnis hat, und wie er davon redet, hören wir im heutigen Predigttext: 1. Timotheus 1, 12-17. Ich lese aus der Übersetzung: „Hoffnung für alle“.

[TEXT]

Das ist wirklich starker Tobak! Ohne Schnörkel und Umschweife kommt Paulus auf seine höchst problematische Vorgeschichte zu sprechen. Er beschreibt sich geradezu als „Sünder Nr. 1“. Und da geht es nicht um ein paar Lappalien, da geht es um alles andere als mehr oder weniger harmlose moralische Verfehlungen, die den großen Apostel vielleicht sogar menschlicher hätten erscheinen lassen. Nein, da geht es um wirklich schlimme Geschichten, bis hin zu damals religiös und politisch legitimiertem Mord. Geschichten, die heute kaum jemand über sich selbst freiwillig an die Öffentlichkeit bringen würde. Doch Paulus benennt es ganz klar, hält nichts unter der Decke. Wie ist ihm das nur möglich?

„Mir ist Erbarmung widerfahren“

So hat Friedrich Hiller in seinem Lied die Erfahrung des Paulus umgesetzt, die ihm diese ungeschminkte Selbsterkenntnis, dann aber auch dieses Be-kenntnis ermöglicht hat.

Barmherzigkeit, Gnade, diese Erfahrung war es, die ein neues Licht auf seine Vergangenheit geworfen hat und ihn sein Leben ganz neu sehen und bewerten ließ.

Aber Hand aufs Herz: Wer von uns will das wirklich: Barmherzigkeit, Gnade?

Gnade macht klein, hilfsbedürftig. Sie ist etwas, für das man sich in unserem Alltagsgebrauch eigentlich schämen muss. Da hat jemand Gnade vor Recht ergehen lassen, meine Fehler registriert, aber mir huldvoll verziehen. Damit stehe ich doch unten und der andere oben. Gnade? Nein, ich will Recht, ich will recht sein und Recht haben, ich will, was mir zusteht, ich will keine Gnade. Gnade lässt mich in der Schuld stehen, für Gnade muss ich „auf ewig dankbar sein“. Begnadigt werden Verbrecher. Und wer will denn noch mit so jemandem zu tun haben. Wer gibt denn einem „begnadigten“ Mörder z.B. eine Wohnung, eine Arbeit, einen Platz in der Gesellschaft? Gnade im wirklichen Leben? – Hat sie überhaupt einen Platz?

Liegt darin vielleicht die Ursache, warum viele Menschen, ja ganze Völker so wenig bereit sind, sich wirklich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen? Liegt darin der Grund, warum wir uns damit so schwer tun, zu eigenen Fehlern, zum eigenen Scheitern, zur eigenen Schuld zu stehen?

Wie heftig schlugen Widerspruch und Empörung doch den Verantwortlichen entgegen, als sich die evangelische Kirche im Oktober 1945 öffentlich zu ihrer Mit-schuld am Leid bekannte, das durch das dritte Reich über so viele Völker und Länder gebracht worden war. (Wortlaut im EG, Nr. 837) „Nestbeschmutzer“, „Vaterlandsverräter“, so wurden die Autoren der „Stuttgarter Schulderklärung“ selbst innerhalb der Kirche beschimpft.

Und nicht weniger heftig war auch die Empörung, bis hin sogar zu Morddrohungen, als im Oktober 65 in der so genannten Ostdenkschrift der EKD die evangelische Kirche die Vertreibung Deutscher aus den Ostgebieten zwar eindeutig als Unrecht kennzeichnete und das Leid der Vertriebenen ausführlich beschrieb und würdigte, aber darüber hinaus auch den Versuch unternahm, diese Opfer eines Teiles des deutschen Volkes in Beziehung zu setzen zur Schuld des ganzen Volkes am Eroberungs- und Vernichtungskrieg. Für einen Großteil der Bevölkerung innerhalb und außerhalb der Kirche war dieses Schuldeingeständnis eine unerträgliche Zumutung.

Aber schauen wir heute zurück, so trug diese Auseinandersetzung mit der eigenen dunklen Vergangenheit wesentlich zur beginnenden Aussöhnung zwischen Verfeindeten bei: Der Warschauer Vertrag zwischen der BRD und Polen fünf Jahre später ist ohne diese Schrift der Kirche nicht zu denken. Die Antwort der katholischen polnischen Bischöfe kam umgehend, schon im November 1965: „Wir gewähren Vergebung, und wir bitten um Vergebung.“

Das sind die Chancen, die aus einer christlichen Haltung kommen. Wo die einen Menschen sich ihrer Vergangenheit stellen und Schuld bekennen, können andere Menschen Vergebung gewähren und sich ebenfalls zu ihrer Schuld bekennen. Und aus diesem gegenseitigen Bekenntnis können Friede und Liebe wachsen.

Liebe Gemeinde, gehen wir nun noch einmal zurück zu unserem Bibeltext.

Wir wissen nicht wirklich, was die Wende des Paulus bewirkte, und wie dies genau geschah. Wir wissen aber, dass etwas ganz Entscheidendes geschah.

Die Apostelgeschichte fasst dies in ein eindrückliches und viel sagendes Bild: Ein Licht, das sogar zur vorübergehenden Erblindung führte, stürzte ihn regelrecht vom Pferd.

Wir können also sagen: Im Licht der Gnade wird Paulus seine völlige Verblendung vor Augen geführt.

Was für ihn bisher richtig und Recht war, und wofür er sich mit aller Verbissenheit verkämpft hat, stellt sich ihm plötzlich als irregeleitet und Unrecht dar. Was er für Glauben gehalten hatte, erkennt er nun in Wahrheit als Un-Glaube. Er muss erkennen: alles, worauf ich bisher gesetzt habe, alles, wofür ich mich bis jetzt eingesetzt habe, stellt sich als Illusion heraus. Das holt ihn nun wahrhaftig von seinem hohen Ross herunter.

Ich kann nur annähernd nachempfinden, welche Erschütterung, welch Tiefschlag solch eine Erkenntnis bedeuten muss. Kein Stein des wohl gefügten Lebensgebäudes mehr auf dem anderen! An Stelle von Paulus wüsste ich nicht, ob ich je nochmals den Kopf hätte erheben können.

Dass er das aber wieder tun konnte, sogar fröhlich und selbstbewusst, hat damit zu tun, dass er in weit umfassenderer Weise der Gnade Gottes begegnet ist, als es unser Alltagsgebrauch möglich machen würde.

Gnade Gottes, das heißt zwar zunächst wirklich: unsere Vergangenheit wird in ein neues Licht gestellt, wir werden anscheinend unbarmherzig mit unseren dunklen und blinden Flecken, und auch Verblendungen konfrontiert. Aber eben nur anscheinend un-barmherzig. Denn im Licht der Gnade wird uns dann auch die Liebe des Gottes aufscheinen, die immer schon auf die Umkehr und Heimkehr des Sohnes wartet und ihn dann unendlich liebevoll in die Arme schließt. Gnade Gottes bedeutet dann, dass wir wie die so genannte Ehebrecherin staunend und erleichtert hören: „dann verurteile ich dich auch nicht“.

Aber selbst hier ist die Gnade Gottes noch nicht am Ende. Sie geht noch einen entscheidenden Schritt weiter:

Ein Beispiel soll dies aufzeigen: Stellen Sie sich einen Motorradfahrer vor, der die Querschnittslähmung eines Familienvaters verursacht. Nun kommt es nach einiger Zeit zu einer direkten Begegnung. Wie erleichternd – aber eben auch ungeheuer beschämend – wird es für den Motorradfahrer sein, wenn das Unfallopfer ihm sagt: „Ich verzeihe Dir!“ Aber wie unfassbar, wie geradezu ver-rückt mag es für ihn sein, wenn dieser ihm dann noch seinen Sohn mitbringt und sagt: Nimm ihn mit und bring ihm das Fahren bei. Ganz sicher wird er meinen, sich verhört zu haben, das kann doch gar nicht wahr sein.

Aber genau das hat Paulus erlebt. Er wurde nicht nur begnadigt, er wurde ganz neu begnadet.

Ihm, der den Christen so viel Leid zufügte, werden diese nun sogar anvertraut. Wie der Vater dem verlorenen Sohn den Siegelring an den Finger steckt, so bekommt Paulus die Sache Gottes, der er so viel Schaden bereitete, in die Hände gelegt! Gnade wirft also nicht nur ein neues Licht auf die Vergangenheit, sie eröffnet einen neuen Weg für die Zukunft!

Paulus muss zwar vom hohen Ross stürzen, aber er muss nicht in Sack und Asche bleiben. Er muss sein Haupt demütig beugen, aber er muss nicht auf ewig beschämt die Augen niederschlagen. Im Licht der Gnade kann er sich nun ganz neu aufrichten, aufrecht und offen dem Gegenüber in die Augen sehen und versöhnt einen ganz neuen Weg gehen versöhnt mit sich, mit Gott und – auf wunderbare Weise – auch mit denen, die unter ihm litten.

Großartigeres kann doch nicht geschehen, wenn wir uns unserer Vergangenheit stellen!

Und so steht auch am Ende der Selbsterkenntnis und des Bekenntnisses des Paulus weder Beschönigung noch Scham, sondern sie mündet ein in einen großen Lobpreis der Liebe und Barmherzigkeit Gottes.

Liebe Gemeinde, ich frage mich und Sie, ob dies nicht auch unser Feiern der Geschichte Magstadts prägen sollte. Ich frage mich, ob diese Aussicht auf die Gnade Gottes uns nicht auch die Einsicht in unsere Verstrickungen in Unrecht und Leid ermöglichen könnte. Können wir im Licht der Gnade wirklich fröhlich feiern, ohne auch das in unserem Ort zugefügte oder zumindest zugelassene Leid zu würdigen, ohne auch z.B. die Roma und Sinti mit Namen zu nennen, die von hier aus in die Vernichtungslager geschleppt und dort zum großen Teil ermordet wurden? Nicht um einzelne Schuldige zu suchen, sondern um diese Opfer wenigstens mit unserem Gedenken zu würdigen und uns damit alle einzureihen in die Gemeinschaft der begnadigten und begnadeten Sünderinnen und Sünder.

Dann brauchen wir – sowohl was unsere individuelle als auch kollektive Vergangenheit angeht – weder im Verdrängen und Vergessen zu verharren, noch mit dem Finger auf andere zu zeigen, noch uns voller Scham verkriechen, sondern dürfen mit vollem Recht, eben dem Recht, das in der Gnade Gottes wurzelt, mit Paulus in das große Lob einstimmen und singen: Lobe den Herrn meine Seele und seinen heiligen Name, was er dir Gutes getan hat, Seele vergiss es nicht.

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