Sei mir Sünder gnädig

2. Korinther 5,10: Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse. – gibt ein Signal. Das Gericht Gottes ist nicht nur eine Fiktion. Ich muss gestehen: Mir wäre das eigentlich lieber. Erstens aus ganz persönlichen Gründen. Gegen Prüfungssituationen aller Art bin ich allergisch. Zweitens aus theologischen gründen. Jesus begegnet mir so oft im Neuen Testament als liebevoller Bruder gerade der Menschen, in deren Leben Vieles nicht richtig gelaufen ist, dass ich andere Gedanken lieber beiseite schiebe.

Aber damit verkürze ich das Evangelium. Beide Seiten kommen vor. Und wir müssen beide Seiten ernst nehmen, den Gott aus dem ‚verlorenen Sohn‘, der dem Umkehrenden entgegenläuft und ihn in die Arme nimmt, ohne nach den Gründen für seine Umkehr zu fragen, genauso wie den Gott, der Gericht hält. Vielleicht sind beide Bilder ja auch nur Teil eines Versuches Gott zu beschreiben in seiner Vielfalt, die doch nur Stückwerk sind.

Die Frage nach dem Maßstab bleibt – und wird auch Jesus gestellt und der antwortet mit einer Geschichte.

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Wenn in einer Gruppe ein Brötchen zu teilen ist, dann darf der Erste schneiden und der Andere wählen, welche Hälfte er haben will. Der Erste hat also allen Grund gerecht zu schneiden. Gerechtigkeit ist ein hohes Ziel, dem wir uns annähern. Leider spüren wir auch oft, dass wir es nicht erreichen. Das Leben ist eben kein Brötchen, dass man gerecht aufteilen kann. Aber am Brötchen lernen wir manchmal, wie schwer schon solches Minimum an Gerechtigkeit ist. Wie viel schwerer ist es, wenn wir uns mit unserem Leben vor Gott verantworten sollen. Davon erzählt dieses Gleichnis vom Reich Gottes.

Am Anfang steht die uralte Frage: wie kann ich bestehen vor Gott. Der ‚Hauptmann von Köpenick‘ erzählt von der Angst des Menschen, der am Ende eines langen Gefängnisaufenthaltes sein Leben zusammenfasst: wenn Gott mich fragt: was hast du gemacht aus deinem Leben?, kann ich nur Antworten: Fußmatten habe ich gemacht.

Diese Frage eines Menschen, war wohl auch Frage an Jesus: Wie wird Gott unser Leben bewerten, unser Tun unser Lassen?

Im Tiefsten steht dahinter eine Sinnfrage, bei den Menschen, mit denen Jesus redet, beim Hauptmann von Köpenick – vielleicht ja auch bei mir. Auch wenn ich manchmal denke: Vor lauter Berieselung mit Ratgebern und anderen Schein-Sinnstiftern, geht mir manchmal die Frage nach meinem eigenen Leben verloren.

Die Szene setzt voraus, dass Leben gelingen kann. Sie versucht, dazu zu verhelfen, dass wir unser Leben ausrichten am Willen Gottes. Jesu Jünger, die Jesus erlebt haben, seine Liebe, seinen Gang am Kreuz, erzählten diese Geschichte weiter, weil sie erlebt haben, dass dieser Jesus so war, wie er hier erzählt. Da ist eine riesige Identität. Der Weltenrichter erwartet, dass die Menschen leben, was Jesus vorgelebt hat. Nicht mehr. Eher weniger. Denn es geht bei dem Maßstab in der Geschichte um eine Aktion, die richtig war, nicht um einen kompletten Lebensstil.

Aus der Erfahrung der JüngerInnen heraus, gilt es Jesus im Nächsten wieder zu erkennen. Christus ist nicht einfach mit den Amen zu identifizieren, aber in ihrem Leid begegnet uns die doppelte Herausforderung unseres Glaubens: Das Leiden von Christus und das Leiden von Menschen. Dieses Leiden gilt es zu erkennen und ihm zu begegnen.

Die Befreiung in diesem Bild darf nicht klein geredet werden. ChristInnen haben ein klares Feld, aber von ihnen wird nicht erwartet, dass sie mit ihrem Tun das Reich Gottes herbeiführen. Es geht nicht um abstrakte Lehre, es geht um konkretes Verhalten gegenüber dem, der gerade den verachteten zu spricht, dass sie genau das sind: Meine Brüder und Schwestern.

Jesus appelliert in diesem Bild vom Weltgericht eben nicht an unsere Angst vor dem Gericht – die ist Missbrauch des Texts, sondern an unsere Liebe zu ihm: Wo finden wir den Christus in unserem Alltag? Wo sind wir seine Schwestern und Brüder?

Die Reaktion der TäterInnen und Nicht- TäterInnen: ‚Das gibt es doch gar nicht!’ kann uns zum Denken bringen. Es geht nicht um konkretes sich Vornehmen und dann ausführen. Es geht um eine Lebenseinstellung, die tut, ohne nachzudenken. Es geht um Haltung: christlich (Christ-gemäß) oder eben nicht.

Und es geht gegen die Resignation, doch nichts machen zu können. Ich kann nicht die Welt retten, aber Leid mindern.

Das Reich Gottes ist eben nichts Vergeistigtes, sondern der Ort, an dem Verantwortung ihren Platz hat. Ziel ist nicht Angst, Ziel ist ein Selbstbewusstsein, mit dem ich vor Gott kommen kann. Ich habe versagt und mir ist gelungen: Herr, sei mir Sünder gnädig.

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