Leitbildprozess

Hintergrund unseres heutigen Bibeltextes ist der Streit um die Heilung am Teich Bethesda und die Vollmacht Jesu. Da hatte Jesus einen Menschen gesund gemacht und die Frommen fragten nach seiner Vollmacht: wer gibt ihm das Recht so etwas zu tun an einem Sabbat und aus welcher Kraft heraus macht er Kranke gesund?

Die Anhänger Jesu müssen feststellen: Die vorausgegangene Heilung bewirkt nichts, obwohl Menschen sehen, da geschieht etwas. Nur das Sehen bedarf der Deutung. Ich muss das Gesehene einordnen und die Gegner Jesu haben eingeordnet. Das muss Scharlatanerie sein, wenn so etwas am Sabbat geschieht.

Jesus kontert mit einer Rede, die für unsere Ohren schwer zu verstehen ist.

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Er begegnet den Menschen in ihrer eigenen Glaubens- und Denkwelt. Er spricht sie an als fromme Menschen, die die Schrift erforschen und genau wissen, was in der Schrift steht. Und wahrscheinlich wissen sie auch sehr viel. Das nimmt er ernst.

Aber bei ihrer Bibellektüre fehlt ihnen etwas: Die Liebe.

Ein bisschen musste ich an die Zeugen Jehovas denken, die ja oft Bibelforscher genannt werden. Sie wissen oft viel mehr über die Bibel als wir alle. Sie kennen alle Sprüche und können sie blitzschnell zitieren. Dafür werden sie bewundert. Wer aber genau aufpasst, merkt schnell, dass sie immer nur die Sprüche bringen, die ihnen passen und dann oft auch in veränderter Form, dass es in ihr Schema passt. Genau das wirft Jesus seinen Gegnern auch vor. Sie lesen die Bibel mit einer Schere im Kopf. Sie lassen sich nicht wirklich auf den Willen Gottes ein, sondern lesen die Worte und setzen die Sätze zusammen.

Wenn ich ehrlich bin, ist diese Form der Bibellese nie ausgestorben. Das Lesen mit den Vorurteilen im Kopf. Ich weiß vorher, was Gott will und finde dann die entsprechenden Texte. Was nicht passt kann dann noch passend gemacht werden.

Jesus hat vielleicht auch nicht grundlegend etwas dagegen. Aber die Vorurteile müssen stimmen. Und diese Vorurteile lassen sich in einem Wort zusammenfassen: Die Liebe.

Nicht Jesus verurteilt die, die ihn nicht annehmen als Sohn Gottes. Sie selber verurteilen sich, weil sie das Wesen Gottes nicht erkennen. Weil sie die Geschichte Gottes mit seinem Volk nie wirklich verstanden haben.

Für sie ist es normal, dass Gott sein Volk in allen Irrungen und Wirrungen erhalten hat. Für sie ist es normal, dass es den Tempel gibt, dass es das Volk Israel noch gibt. Jesus findet das nicht normal, sondern für ihn ist es Ergebnis der Liebe Gottes.

Darum kritisiert er seine Kritiker: Sie kennen die Bibel, wissen um Glaubensgeheimnisse, aber ihnen fehlt der Hintergrund, den wir brauchen um die Geschichte Gottes mit den Menschen zu verstehen: die Liebe.

Dieser Hintergrund gilt auch für Jesu Tun. Das Erleben von Heilungen und anderen Wundern schafft keinen Glauben. Dass Schwerkranke gesund werden ist schön. Man nimmt es gerne hin, aber nur mit der Liebe kann daraus Glaube wachsen.

Jesu Frage geht an mich. Es ist nicht die fromme Frage: Liest du genug in der Bibel. Es ist die Lebensfrage: Wie viel Liebe bestimmt dein Leben und mit wie viel Liebe liest du die Bibel und beurteilst du die Schwestern und Brüder?

Dahinter steht die alte Prioritätenfrage: Was ist wichtig in deinem Leben? Ist dir deine Ehre heilig oder bist du bereit, dir selbst eine Blöße zu geben um der Liebe willen.

Manche Leute würden sich ja eher die Zunge abbeißen, als einen Fehler zuzugeben. Andere schmerzt es, wenn einem Menschen Unrecht geschieht und sie suchen nach ihrer eigenen Schuld.

In vielen Gemeinde laufen Leitbildprozesse: Wie kann / soll Kirche sich darstellen, sich den Menschen vorstellen? Der Leitbildprozess steht noch aus: Wie stelle ich mich dar als Mensch, der Jesus nachfolgt?

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