Gott sucht uns

[Anmerkung: Die Predigt arbeitet mit einem Bild von der Vision Jesajas, aus: Lisbeth Zwerger, die Bibel mit Bildern von Lisbeth Zwerger.]

Liebe Gemeinde,

„Wie haben sie denn ihre Berufung erlebt?“ Ist ihnen diese Frage schon mal gestellt worden? Ja / Nein? Wahrscheinlich eher nein – in unseren Kreisen ist das weniger üblich. In anderen kirchlichen Kreisen (freikirchlich meist) wird das aber durchaus gefragt – da heißt es dann „und wann bist du Christ geworden, wann hast du dich bekehrt?“ – und damit ist nicht unbedingt die Taufe gemeint. Sondern der Zeitpunkt, an dem man sich bewusst geworden ist: Ich bin Christ, ich gehöre zu Gott und will mein Leben in seinem Sinne führen. Das ist dann der eigentliche Zeitpunkt der Berufung.

Nun kann man sich sicher trefflich streiten, ob man solche Berufungserlebnisse wirklich immer an einem ganz bestimmten Datum festmachen kann. Aber ich zweifle nicht an, dass es solche Berufungen durch Gott gab und gibt – durch die ganze Geschichte Gottes mit den Menschen hindurch. Eine sehr alte solche Berufungsgeschichte ist heute unser Predigttext – etwa 2750 Jahre alt ist diese Geschichte von der Berufung des Jesaja. Ich lese aus dem 6. Kapitel beim Propheten Jesaja (Achtung: andere Übersetzung!):

Es war in dem Jahr, als König Usija starb. Da sah ich Gott, den Herrn, er saß auf einem sehr hohen Thron. Der Saum des Mantels war so mächtig, dass er den ganzen Tempel ausfüllte. Er war umgeben von Seraphim. Jeder von ihnen hatte sechs Flügel, mit zweien bedeckte er sein Gesicht, mit zweien den Leib, zwei hatte er zum Fliegen. Sie riefen einander zu: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!

„Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herr der Welt, die ganze Erde bezeugt seine Macht!“ Vor ihrem Rufen bebten die Fundamente des Tempels, und das Haus füllte sich mit Rauch. Vor Angst schrie ich auf: „Ich habe den König gesehen, den Herrn der ganzen Welt, ich muss sterben! Ich bin zum schweigen verurteilt, denn ich bin ein schuldiger Mensch und lebe in einem schuldbeladenen Volk.“ Da kam einer der mächtigen Engel zu mir geflogen. Er hatte eine glühende Kohle, die er mit einer Zange vom Altar genommen hatte. Damit berührte er meinen Mund und sagte: „Die Glut hat deine Lippen berührt. Jetzt bist du von deiner Schuld befreit, deine Sünde ist dir vergeben.“ Dann hörte ich, wie der Herr sagte: „Wen soll ich senden, wer will für uns gehen?“ Ich antwortete: „Ich bin bereit, sende mich!“ Da sagte er: „Geh und sage diesem Volk: ‚Hört nur zu, ihr versteht doch nichts; seht hin, so viel ihr wollt, ihr erkennt doch nichts!’ Rede zu ihnen, damit ihre Herzen verstockt werden, ihre Ohren verschlossen und ihre Augen verklebt, so dass sie mit ihren Augen nicht sehen, mit ihren Ohren nicht hören und mit ihrem Verstand nicht erkennen. Ich will nicht, dass sie zu mir umkehren und geheilt werden!“ „Wie lange soll das dauern?“ fragte ich. Er antwortete: „Bis die Städte zerstört sind und die Häuser leerstehen und das ganze Land zur Wüste geworden ist. Ich werde die Menschen fortschaffen, das Land wird leer und verlassen sein. Und ist noch ein Zehntel übrig, so wird es ihnen gehen wie den Trieben, die aus dem Stumpf einer gefällten Eiche oder Terebinthe wachsen und abgefressen werden! Der Stumpf aber bleibt, und das bedeutet trotz allem Hoffnung für mein Volk.“

Eine düstere und finstere Vision hat Jesaja. Ich bin selbst ganz erschrocken, als ich sie gelesen habe. Gott ist in dieser Geschichte überhaupt nicht lieb, sondern furchterregend, übermächtig, zornig auf die Menschen! Er ist der mächtige König, dem sich alle absolut unterordnen müssen, er ist kaum zu fassen – und auf keinen Fall mit den Attributen, die wir heute Gott oft beigeben. Gerecht, gut, lieb, barmherzig – all das ist er nicht.

Lisbeth Zwerger hat versucht, diesen machtvollen, furchteinflößenden Gott in ein Bild zu fassen – und hat es doch nicht getan. Sie haben alle das Bild bekommen – suchen sie mal Gott darin!

Er lässt sich nicht sehen – jedenfalls nicht im Ganzen – und das ist vielleicht auch gut so.

Schauen sie sich das Bild mal näher an. Es ist zweigeteilt – der obere Teil wird von einer weiß-goldenen Fläche beherrscht, unten ist es tiefschwarz. Der untere Rand der goldweißen Fläche, die mit Buchstaben verziert ist, schwingt wie ein Mantel – und der Ziersaum gibt den letzten Hinweis: Es ist der Saum vom Mantel Gottes, der den ganzen Tempel ausfüllt.

Vor diesem Saum stehen die Seraphim: Geflügelte Wesen, laut einer Beschreibung an einer anderen Stelle der Bibel Wesen mit schlangenähnlichen Körpern und menschlichen Gesichtern; mit sechs Flügeln, Boten Gottes, deren wichtigste Aufgabe es ist, Gott ihr „Heilig, Heilig, Heilig“ zu singen. Wie Grenzwächter stehen sie zwischen dem Mantelsaum Gottes und der tiefschwarzen Fläche davor.

Einer der Seraphen hat sich in die Luft geschwungen – man sieht seine Flugbewegungen, die Arme werden sichtbar. In der rechten Hand hält er eine schwarze Zange mit einer rotglühenden Kohle vom Opferaltar – mit dieser wird er gleich auf den Propheten zukommen.

Aber wo ist der Prophet überhaupt? Man sieht ihn kaum – rechts unten, winzig klein, ganz im Schwarz steht er. Ganz in der Finsternis, wie ja auch sein ganzes Volk in der Finstrenis war. Da steht er, in Hose und Pulli, ganz normal, so wie ein jeder von uns – und erwartet voller Angst, was da kommt.

Gott ist riesig und mächtig, zeigt uns dieses Bild – und Engel sind es auch, sie sind keine kleinen, niedlichen Engelchen. Der Prophet dagegen – der ist ein Mensch wie wir – und der ist klein, zerbrechlich, in der Finsternis, aus der er selbst nicht herauskommt. Leicht könnte man ihn übersehen und beiseite wischen – aber Gott tut das nicht. Er sieht gerade diesen kleinen, unauffälligen Jesaja und macht ihn zu seinem Boten.

Es bleibt ein machtvolles, fremdes, furchteinflößendes Bild. Und vielleicht auch ein Bild, in dem wir uns nicht gerade gern wieder finden wollen. Aber trotzdem sind wir auch da drin. Denn Jesaja – der war ein Mensch wie du und ich. Ein mittlerer Beamter, ganz normal halt. Aber zugleich auch ein Mensch in einer Beziehung zu Gott – einer, der sich aller Angst zum Trotz berufen lässt. Und da stehen auch wir.

Denn jeder von uns steht ja auch schon in einer Beziehung zu Gott. Wir sind getauft – und das ist der erste, direkte Ruf Gottes an uns.

Vielleicht geht es uns da manchmal ähnlich wie Jesaja – der stellt zu Tode erschrocken fest: Ich bin ja ein sündiger Mensch! Und ich lebe mitten unter anderen Menschen, die kein bisschen besser sind als ich! So kann ich vor Gott unmöglich bestehen.

Ja, auch bei uns ist es so: Wir sind sündige Menschen, wir machen Fehler – manche unabsichtlich, aber manches auch in vollem Bewusstsein dessen, dass es falsch ist. Und unsere Umwelt ist kein bisschen besser als wir. Eigentlich müssten wir genau so erschrecken wie Jesaja. Aber – wenn wir auf Gott sehen – dann sehen wir heute, 2750 Jahre später, doch auch etwas anderes als Jesaja. Wir sehen nicht (nur) Gott direkt – wir sehen Christus, den Gott, der zu uns Menschen gekommen ist. Den, der sich nahbar gemacht hat, den, der in unsere Todesangst gekommen hat, indem er sie selbst übernommen hat. Und deshalb müssen wir nicht ganz so sehr erschrecken, weil wir wissen:

Gott sucht die Gemeinschaft mit uns. Auch wenn ihm ganz klar ist, dass wir fehlerhafte Wesen sind. Und so wie Jesaja „entsühnt“ wurde – so ist das auch uns schon in der Taufe geschenkt worden. Unsere Sünden, unsere Fehler zählen gegenüber Gott nicht, er rechnet sie uns nicht an.

Das aber bedeutet nun: Nicht dass wir einfach so leben sollen, wie es uns passt. Sondern: Dass wir unsere Taufe wirklich als Berufung verstehen. Sicher: Die meisten unter uns werden sich an ihre Taufe kaum erinnern können. Aber jeder weiß es doch, und kann sich darauf immer wieder berufen – so wie Martin Luther es gemacht hat, wenn ihm die Anfechtungen zu groß wurden: Er hat sich laut vorgesagt „ich bin getauft!“ – und von da aus wieder weiter gemacht, weiter sich dafür eingesetzt, dass Gottes Wort verkündet wird – so dass es auch wirklich jeder hören kann.

Wir sind getauft – wir sind zu einem Leben mit Gott berufen. Wie das aussieht? Nun, nicht jeder ist zum Propheten berufen. Nicht jeder kann und muss so leben wie Jesaja. Aber: jeder von uns kann sich besinnen, dass er / sie getauft ist. Und jede/r von uns kann zu Gott sagen: Hier bin ich – setz mich ein – da, wo du es für richtig hältst.

Dass wir den Mut dazu gewinnen – dazu helfe uns Gott, der größer und mächtiger ist als alles, was wir verstehen und fassen können.

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