Dem Heiligen begegnen und sich senden lassen

Liebe Gemeinde,

Trinitatis. Gottes heilige Kraft begegnet uns auf dreierlei Weise: schöpferisch, erlösend, belebend. Unser heutiger Text aus dem Jesaja-Buch mit den starken und zum Teil befremdlichen Bildern ist wohl deshalb dem Sonntag Trinitatis zugeordnet worden, weil Gott darin dreimal „heilig“ genannt wird.

Hören wir noch einmal auf den Text, diesmal nach der Übersetzung von Jörg Zink (S. 264) …

In drei Abschnitten möchte ich mit Ihnen diesen prophetischen Text bedenken:

Eine Gottesbegegnung der schaurigen Art!

In großen, theatralischen Bildern schildert uns Jesaja seine Vision: Er sieht Gott auf einem hohen, stattlichen Thron sitzen, mit einem Thronmantel, dessen Saum den Tempel füllt. Seraphim, geflügelte Wesen mit 6 Flügeln, stehen über ihm. Eins ruft dem anderen zu: „Heilig, heilig, heilig ist Jahwe Zebaoth. Alle Lande sind voll von seinem Glanz und seiner Herrlichkeit!“. Die Schwellen beben, das Haus ist voller Rauch.

Jesaja schauert es. Kein liebliches Wonnegefühl, kein großartiger innerer Einklang mit sich und der Welt oder selige Geborgenheit in Gottes Armen begleiten diese Gottesbegegnung. Jesaja schauert es. Die Mächte, die den Tempel schwanken lassen, bedrohen ihn. Voll Todesangst ruft er: „Weh mir, ich vergehe! Denn meine Lippen sind unrein! Und so bin ich vor Jahwe Zebaoth getreten.“

Und weiter sieht Jesaja, wie einer der Seraphen eine glühende Kohle vom Altar nimmt, damit seinen Mund berührt und ihm Vergebung seiner Sünden zuspricht. – Soweit der erste Teil – das, was Jesaja sah und noch Jahre danach genau beschreiben konnte.

Ich muss gestehen: so beeindruckend und großartig diese Bilder sind, als so fremdartig empfinde ich sie gleichzeitig. Eine solche drastische Berufungsvision kann ich nicht vorweisen. Eher schon sehe ich beim Lesen dieser Verse Szenen aus Fantasy-Filmen vor mir, in denen sich geflügelte Wesen tummeln. Und Jugendliche denken vielleicht an Star wars, Herr der Ringe oder Ähnliches.

Wo begegnen wir dem Heiligen? Erleben wir überwältigende Gottesbegegnungen nicht viel eher in tiefem Glück? – Wenn ein neugeborenes Kind runzlig und doch so lebendig in unseren Armen liegt. Wenn wir die Spitze eines 3000ers erreicht haben und fasziniert auf das Panorama zu unseren Füßen hinabblicken? Wenn wie durch ein Wunder trotz blitzender Waffen ein Blutvergießen verhindert werden konnte und wir Gottes starken Arm über uns spürten so wie im Herbst 1989…

Aber mit Erdbeben, Rauch und Gedröhn und dem Gefühl „Ich vergehe!“?

Vielleicht unterscheidet das uns aufgeklärte moderne Menschen von der Religiosität der Gläubigen im Altertum. So viele einst geheimnisvolle Phänomene der Natur können wir uns heute erklären – Blitz und Donner, Erdanziehungskraft und elektromagnetische Wellen. So viele der ehemaligen Tabus sind entzaubert, naturwissenschaftliche Rätsel gelöst, unsere Grenzen ins Weltall hinaus erweitert.

Und doch bleibt da etwas in meinen Ohren hängen. Es ist dieses „Weh mir, ich vergehe!“ im Angesicht des Schreckens. Zu oft haben wir es hören müssen in den letzten Wochen und Monaten.

– Da kracht es hinten und vorne, keiner weiß genau, was passiert ist. Die Sicht ist verdeckt, Menschen schreien. „Hilfe, rettet uns!“ Erst viel später weiß man von der Massenkarambolage nach einem Sandsturm, bei der zwanzig Autos ineinander fuhren, „Weh mir!“ – oder:

– Da erschreckt uns mehr denn je die Brutalität der Kriege unserer Zeit. Stellvertretend für viele benenne ich hier den Vietnam-Krieg. Mitte der Woche war ein Foto in der Sächsischen Zeitung zu sehen: vietnamesische Kinder, die vor 40 Jahren vor einem amerikanischen Angriff mit Napalm flohen. Das Entsetzen steht ihnen ins Gesicht geschrieben: „Weh mir! Ich vergehe!“ – oder:

– Vor drei Monaten: erst die einzelnen Meldungen, dann die schrecklichen Bilder im Fernsehen, zerstörte Reaktoren eines Atomkraftwerkes nach dem Tsunami und Erdbeben in Japan; Die Angst ging um: was wird daraus, für Japan und für die Welt? „Weh mir! Weh uns!“

Fast scheint mir, als blickten wir zunehmend mit Grauen und Todesangst auf unser selbst gebrautes Elend: „Weh uns, wir vergehen!“ Wie der Zauberlehrling in Goethes Gedicht, der sich eingestehen musste: „Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los!“ Zu viel vom Heiligen entzaubert, zu viel selbst Gott gespielt!

Am Abgrund fragen wir neu nach dem Meister und hoffen, dass er die Geister bannen möge, die wir entfesselt haben.

Der zweite Abschnitt: Gesendet ins Dunkel der eigenen Zeit

Im nächsten Textabschnitt schildert Jesaja, was er hörte. Gottes Stimme fragte nach einem Boten. Und Jesaja meldete sich: „Hier bin ich. Sende mich!“ Dann erhielt er einen äußerst befremdlichen Auftrag: Als Folge von Jesajas Botschaft sollen die menschlichen Augen blind, die Ohren taub und die Herzen hart werden. Eine düstere Vision wird vor Jesajas Augen ausgebreitet: wüste Städte ohne Einwohner, leere Häuser, brachliegende Felder und nach einer Reduzierung der Bevölkerung auf ein Zehntel dann nochmals Krieg. – So etwa mag Deutschland nach dem furchtbaren 30jährigen Krieg ausgesehen haben!

Jesaja ist hier kein lieblicher Freudenbote. Das ist kein Auftrag, der ihm Wählerstimmen einbringen würde. Harte Zeitansagen werden von ihm gefordert, hinein ins Dunkel seiner Zeit. Jesaja sollte sein Volk mit Gottes Willen konfrontieren und es auf den richtigen Weg zurückholen. Auf einen Weg in Respekt vor Gottes Heiligkeit und vor der Würde der Mitmenschen. Wir wissen, dass Jesaja viel Verhärtung gegenüber seiner Botschaft erlebte. Später den Überfall der Assyrischen Großmacht, die Auslöschung der eigenständigen Existenz des Nordreiches Israel. Und noch später wurde das Südreich, Juda, von den Babyloniern überrollt und ein Großteil der Bevölkerung in die Deportation verschleppt. Jesajas mahnende Worte wurden ignoriert. Und seine Zeitgenossen mussten mit den bitteren Konsequenzen leben.

Wir sind nicht Jesaja, Jeremia oder Hesekiel. Aber manchmal ruft uns Gott so wie diese alten Propheten. Manchmal kommt es vielleicht gerade auf unsere Worte an. Oder auf konkrete Schritte:

– z.B. dass wir unseren Wunsch nach Mobilität verantwortlich leben, so dass dabei die Schöpfung bewahrt bleibt (ob mit Autos oder Fahrrädern)

– z.B. dass wir zu Krieg und Frieden Stellung nehmen: „Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein!“, (mein Vater nach dem Krieg), SZ vom 15. Juni: der Wirtschaftswissenschaftler Daniel Elsberg erlebte den Vietnam-Krieg mit, wollte aufklären, gab vielfältige Dokumente heraus, um diesen Krieg zu stoppen

– oder: ein Pionier der atomaren Forschung: Albert Einstein – zunächst sogar seine Unterschrift gegeben für den Bau der Atombombe, doch dann erkannt, wohin uns diese Macht führt, wurde ein großer Visionär für den Weltfrieden

Und wir? Wo dürfen wir um unseres Glaubens willen nicht schweigen?

Der dritte Abschnitt: Lichtstreifen am Horizont

Im letzten Abschnitt des Textes scheint ein Lichtstreif am Horizont auf: Da ist die Rede von einem Baumstupf als heiliger Same für etwas Neues. Ein schönes Bild.

Das Volk Israel durfte es erleben: ein Teil blieb unversehrt im Südreich wohnen. Und die Deportierten durften nach 40 Jahren des babylonischen Exils in Schüben zurückkehren in ihre Heimat. Daraus erwuchs die neue jüdische Gemeinde. Gottes Gnade ermöglichte einen neuen Anfang mit einem neuem Tempel. Gott wohnte wieder unter ihnen.

Und dann Jahrhunderte später die Verkündigung Jesu, die den Himmel auf die Erde holte: Gott ist euch nahe, jetzt hier, mitten unter euch, in meinen Worten und meinen Wundern, in Heilungen und in unserer Gemeinschaft – nicht zum Erschrecken, sondern zum Freuen. Das Heil kommt zu euch.

Jesus ist nicht mehr sichtbar unter uns. Aber wir haben sozusagen zwei „Begegnungszentren“, in denen Gott uns besonders nahe kommt, uns mit seinem Geist beschenkt und die von Jesus selbst eingesetzt sind: Taufe und Abendmahl sind unsere Kraftorte der dreifachen Gottesbegegnung.

Die Heilige Taufe: im Zeichen des Wassers verwandelt uns Gott durch seinen Geist, gibt uns Anteil an der göttlichen Welt. Wir werden von neuem geboren. (s. Evangelium: ein Schriftgelehrter will es in der Nacht von Jesus wissen will. Was muss ich denn tun, um etwas vom ewigen Leben zu erwerben? Jesus: Neu geboren werden durch Wasser und Geist) In der Taufe werden wir zu Gotteskindern – alles Trennende soll im Wasser „ersäuft“ werden, der neue Mensch daraus hervorgehen. Jesus hat dazu eingeladen, sich in der Taufe heilvoll beschenken und verwandeln zu lassen. – 2011: Jahr der Taufe, Tauffest im Oktober, als Getaufte gehören wir zur „Gemeinschaft der Heiligen“

Und da ist dieser andere besondere „Begegnungszentrum“: das Heilige Abendmahl. Da feiern wir die heilvolle Gemeinschaft mit Gott und untereinander mitten in unserem oft dunklen Alltag. Ganz nah kommt uns Gott in Brot und Wein. Wir erinnern uns an den Weg Jesu, an seine Tischgemeinschaften mit den unterschiedlichsten Menschen, suchenden und zweifelnden, verloren geglaubten und hoffenden. Wir glauben, dass Gott uns mit seinem Geist in diesem Erinnern nahe ist. Und so begegnet uns Gott auch im AM auf dreifache Weise.

Staunend stehen wir an Gottes Tisch. Das Mahl beginnt mit einem Lobgebet, in dem wir Gott danken und in das die ganze Gemeinde einstimmt mit dem ehrfürchtigen „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth. Alle Lande sind seiner Ehre voll“ aus Jesaja 6. Wir spannen den Bogen zu Christus, indem wir singen: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ Voll Ehrfurcht erinnern wir uns an den heilsbringenden Weg Jesu. Wir öffnen alle Sinne weit für Gottes Wirklichkeit und zugleich für die Menschen neben uns. So erleben wir ein Stück vom Reich Gottes, ein Stück Heil hier und jetzt, mitten unter uns – eine Gemeinschaft, die in Jesus Christus verbunden ist. Alle sind in diesem Moment vor Gott gleich, Brüder und Schwestern. (heute bewusst Friedenszeichen geben)

So beschenkt – schickt uns Gott hinaus in den Alltag, um Licht zu bringen, klare Zeitansagen zu machen und Frieden zu stiften. Mitten ins Unheil unserer Tage sendet uns Gott als geheiligte und heilsbringende Menschen.

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