Heilige Räume? Gott zieht auf die Erde

Engel mit drei Paar Flügeln, Gott auf dem Thron – Jesaja erlebt bei seiner Berufung einen heiligen Raum. „Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herr Zebaoth“ singen wir beim Abendmahl. Wo wohnt Gott? Was sind für uns heilige Räume?
Wir sind heute in der Ulrichskirche, einem Raum, der seit nahezu neun Jahrhunderten ununterbrochen Kirche ist. Ludwig der Springer hat sich hier die Messe lesen lassen. Die Zisterzienserinnen haben hier vorn ihre Stundengebete gehalten. Sie haben gesungen, vielleicht in der Art Hildegards von Bingen, und danach die Armen gespeist und Fremde aufgenommen. Die Marktleute haben morgens vor Arbeitsbeginn auf einem der vielen Altäre eine Kerze angezündet und um gute Geschäfte gebetet. Bürgermeister präsentierten sich hier. Verängstigte suchten Schutz im 30-jährigen Krieg, als Truppen durch Sangerhausen zogen und die Stadt in Angst und Schrecken versetzten. Soldaten durchwühlten die Kirche, zogen die Pfeifen aus der Orgel und zerfetzten die Bibel. Der Schulchor sang jeden zweiten Sonntag. Wilhelm Schmied malte sie vier Jahre nach dem Krieg aus. Und über all die Jahre wurde Gottesdienst gefeiert, Kinder getauft, Liebende gesegnet, kamen Trauernde, um zu weinen, und Erleichterte, um zu danken.

Das alles geht zwar auch zu Hause, und viele Leute haben abends im Bett ein Vaterunser gebetet oder vor der Reformation das Ave Maria beim Glockenläuten. Aber in der Kirche ist es doch etwas anderes. Kirchen sind Räume, in denen unser Auge Dinge sieht, die wir außerhalb nicht wahrnehmen. Die Kirchenbank ist härter als die Couchgarnitur im Wohnzimmer. Kühl ist es und still, kein Fernseher und Radio stört hier. Unsere Stimmen klingen ganz anders, wenn wir ein Lied anstimmen. Und wenn der Blick Raum zum Schweifen hat, beginnen auch die Gedanken nach oben zu wandern.
Kirchen sind anders als die Räume, in denen wir uns sonst aufhalten, unsere Wohnungen, Schulen, Büros, Geschäfte und Veranstaltungssäle. Besonders die Kinder sprechen noch aus, wie fremd sie sind – und das müssen sie auch sein.

Wir brauchen das Fremde für unsere Seele. Wir müssen anderen Menschen begegnen, um uns selbst zu finden. Nur so wachsen wir. Wir brauchen Impulse von außen, ungewohnte Gedanken, an denen wir uns reiben, mit denen wir uns auseinandersetzen. Und wir brauchen nicht nur unsere kuscheligen oder praktischen Räume, die wir uns selbst schaffen. Wir brauchen auch die Konfrontation mit dem Anderen, was von außen gesetzt ist.
Sonst wird es piefig und kleinkariert in uns. Unsere Kirchen irritieren uns damit, daß es eben noch ganz andere Räume gibt, auch andere Denk-Räume, andere Zeiten, andere Kulturen, andere Dimensionen, andere Wirklichkeiten. Das braucht unsere Seele, damit wir sie spüren können und damit sie sich erheben kann und unseren Blick in die Weite zieht, unser Herz hell und weit macht.

Kirchen – heilige Räume? Nein, ganz sicher nicht. Aber manchmal haben die Menschen hier zum Heiligen gefunden, zu sich selbst, zu Gott. Kirchen wollen immer Abbild des Heiligen sein, und sie zeigen gut, wie sich die Vorstellungen davon, was heilig ist, im Laufe der Zeit gewandelt haben. Die romanischen Kirchen mit den dicken Mauern zeigen Christus als Weltenrichter in der Apsis. Die gotischen Kirchen mit ihren hohen Fenstern entdecken das Licht und die Weite in einer Zeit, als die Städte entstanden und eine freie Bürgerschaft die Fesseln von Fron und Feudalherrschaft abgeworfen hat. Barocke Kirchen glänzen mit viel Prunk. Und in der DDR sind Kirchen wie ein Zelt entstanden, Zeichen für das wandernde Gottesvolk. Die Kirchen sind Spiegel derer, die sie erbaut haben.

Wie der Prophet Jesaja den göttlichen Raum erlebt in seiner Vision, ist zeitbedingt. Auch die Bibel erzählt ganz unterschiedlich, wie Menschen das Göttliche und Heilige erlebt haben. Sie erzählt von der Himmelsleiter, von der Jakob träumte, vom brennenden Dornbusch des Mose oder der Verklärung auf dem Berg.
Heilige Momente hält das Leben auch für uns bereit. Wir erfahren sie, ganz allein oder mit einem anderen Menschen. Sie sind kostbar, denn sie geben uns eine Ahnung davon, daß Leben mehr ist als der Gleichklang oder die Hektik unserer Tage. Heilige Momente machen die Grenzen durchsichtig, die Grenzen zwischen Zeiten, zwischen Menschen, zwischen Himmel und Erde.

Was ist für uns heute heilig? Kirchen sind von Händen gebaut, genauso wie unsere Häuser, unsere Städte. Selbst die Landschaft, die Natur ist nicht „unberührt“, sondern trägt die Handschrift der Menschen. Gestalten wir sie als heilige oder als unheilige Orte? Was strahlen unsere Wohnungen aus? Sie können ein Abbild der Zerrissenheit sein, Oase, Raum zum Lachen und Lieben, Museum, Rumpelkammer. Was strahlen unsere Städte aus, unser Land? Sind es Orte der Gerechtigkeit, von Trost und Zuflucht? Bauen wir schon an der Stadt der Zukunft, wo Gott die Hütte bei den Menschen aufschlagen kann? Erzählen Himmel und Erde die Ehre Gottes (Ps 19,1) oder künden sie eher vom Leid der Kreatur, von unserer Gier und Rachsucht? Wir haben den Leib der Erde aufgerissen und mit Müll verschmutzt, Luft und Boden verpestet für Jahrhunderte. Wie kann die Erde wieder heilen, wie kann sie ihre Würde und Heiligkeit wiedererlangen?

Jesaja erlebt Gottes Heiligkeit. Vom Himmel, von Thron und Engel erzählt er in seiner Vision. Der Himmel ist ein Bild für Gott. Genauso oder mehr noch erzählt die Bibel von der Leidenschaft Gottes für das Lebendige. Sie erzählt von der göttlichen Solidarität mit den Leidenden. Gott wohnt bei denen, die zerschlagenen Herzens sind. Das ist die zweite Wohnung Gottes – und wohl eher die eigentliche. „Ich wohne in der Höhe und im Heiligtum und bei denen, deren Geistkraft gebeugt ist, damit ich die aufleben lasse, deren Geistkraft gebeugt ist, und die, deren Herz zerschlagen ist.“ (Jes 57,15; Bibel in gerechter Sprache)

Im Himmel repräsentieren wie Pharaonen und Könige, im Glanz thronen, von himmlischem Hofstaat umgeben: so wurde Gott gern dargestellt und in vielen Liedern besungen, z.B. in „Großer Gott, wir loben dich“. Den Herrschenden könnte es schmeicheln, wenn es im Himmel so aussieht wie bei ihnen. Doch Gott zieht herab auf die Erde. Gott will nicht Teil eines Unterdrückungsapparates sein, sondern eilt denen zu Hilfe, die sich nicht mehr selbst helfen können. So werden Endstationen und Un-Orte zu heiligen Orten: das Obdachlosenhaus, das Krankenzimmer, in dem die Ausweglosigkeit wohnt, die Müllkippe voller beißendem Rauch, auf der zerlumpte Gestalten die Hinterlassenschaften der Wohlfahrtsgesellschaft nach verwertbaren Resten durchkämmen. Hier wohnt Gott, und wenn Rechtlosen Recht widerführt, ist das eine spirituelle Erfahrung genauso wie wenn wir Gottesdienst feiern.

Wie können unsere Kirchen das abbilden? Und wie gestalten wir unsere Städte und unsere Gesetze, daß Gott bei uns Aufnahme finden kann?
Gott wohnt in der Höhe und bei denen, die zu kurz gekommen und mißbraucht sind. Gott hat die Zelte an den Rändern unserer Welt aufgeschlagen. Und solange hält Gott sie besetzt, bis die ganze Erde ganz ein geheiligter Ort ist.

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