Eine Gegengeschichte

Liebe Gemeinde,

um zu begreifen, was an Pfingsten geschehen und zugleich für uns heute verheißen ist, hören wir eine „Gegengeschichte“ aus dem Alten Testament. Eine Geschichte, welche Sie gut kennen, die Geschichte vom Turmbau zu Babel. Wir lesen sie aus dem 1. Buch Mose im elften Kapitel, die Verse eins bis neun.

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Wie so oft, liebe Gemeinde, beschreibt die Heilige Schrift weniger einen historischen Sachverhalt, sondern deutet mit ihren Geschichten und Bildern eine Wahrheit, die sie unter den Menschen wahrnimmt. Denn sie beobachtet den Menschen und sein Tun ganz genau. Sehen wir uns also den Menschen aus Genesis 11 an. Er will sich eine Stadt und einen Turm bauen. An sich ja nichts Verwerfliches – das ist ja nützlich für sein Wohnen und seinen Schutz. Vielleicht ist auch manchmal die Lust an der technischen Spielerei mit dabei – blicken Sie auf den höchsten Turm der Erde, den es z.Zt. gibt, nämlich in Dubai mit seinen über 800 m Höhe. Nutzt dieser Turm dem Menschen? Schwer zu sagen! Technisches Können ist allemal dabei und natürlich macht es dem Menschen Freude, wenn er in der Lage ist, bestimmte Probleme zu bewältigen und in den Griff zu bekommen. Aber den Menschen aus Gen 11 treibt etwas anderes um. Er will einen Turm bauen, damit er sich „einen Namen mache“ und nicht zerstreut werde in alle Welt. Er will etwas Bleibendes schaffen, damit die Nachwelt von ihm noch voller Bewunderung rede und weiterhin: dass sein Leben nicht sinnlos sei. Nichts scheint ihm schlimmer zu sein, als „vom Winde verweht zu werden“, um ein berühmtes Filmzitat zu nennen. Sie kennen ja, liebe Gemeinde, die Einsicht aus Ps 90, wie flüchtig und nichtig der Mensch doch ist: „Du lässt die Menschen dahinfahren wie einen Strom, sie sind wie ein Schlaf, wie ein Gras, das am Morgen noch sprosst, das am Morgen blüht und sprosst und des Abends welkt und verdorrt.“

Damit also hat der Mensch aus unserem Predigtwort zu kämpfen, ich behaupte, liebe Gemeinde: Bis heute! Wie sehr bläst sich doch der Mensch auf, um anerkannt zu werden. Um sich eine Bedeutung zu schaffen. Um sich gebraucht und nützlich zu fühlen. Und dabei ist er notwendigerweise dem unterworfen, was der Geist der Zeit für ihn bereit hält. Sei es der ehrenhafte, weil heldenhafte Tod in einer Schlacht, in einem Krieg. Zu sterben für eine – ich sage es einmal bewusst so: Gottgewollte Sache! Auch wir, liebe Gemeinde, hatten diese Zeiten in unserer Geschichte vom Kreuzzug bis hin zu national verblendeten Sicht auf unsere Nachbarstaaten. Oder aber besteht die Bedeutung meines Lebens in meiner Leistung? Was ist kann und arbeite – besser noch: wie viel ich arbeite, wie schwer ich erreichbar bin – steigert das nicht meine Wichtigkeit? Sagt das nicht heute über mich aus: dieser Mann ist bedeutsam, ja: unersetzbar? Zu Recht können Sie mir heute vorwerfen, ich würde überziehen. Das ist wahr, denn natürlich kann das Sterben für seine Freunde sinnvoll sein und das redliche Bemühen um gute Leistung soll ebenfalls nicht in ein falsches Licht gestellt werden. Der Punkt, auf den wir heute kommen ist das Ziel dieser Bemühungen unserer Menschen aus dem Predigtwort. Sie möchten ihre Bedeutung auf diese Weise im Himmel verankern. So wird der Turm aus Gen 11 zu einem klassischen Symbol dieser menschlichen Bemühung, Erde und Himmel miteinander zu verbinden in dem Bestreben, sich aus dem Himmel für den Menschen eine Bedeutung zu schaffen, die bleibend ist, ja mehr noch: die seinem Leben ein anerkanntes Ziel und einen Sinn gibt.

Wir Christen, liebe Gemeinde, behaupten, dass dies eigenmächtige Streben und der Versuch, sich Gott auf diese Weise habhaft zu machen, ja: ihn zu gebrauchen für die eigenen Zwecke, nicht zum Ziel führt, weil der Mensch eine Verwundung in sich trägt, die ihn das wahre Leben nicht aus sich selbst heraus erkennen lässt. Das ist – wenn wir es heute so sagen – schwerer Tobak. Gibt es doch so viele Sinnsysteme und –anbieter in unserer heutigen Zeit, dass der Gedanke, ein Sinn käme meinem Leben von außen hin zu, schwer zu denken, ja für manch einen sogar unerträglich zu sein scheint. Vielleicht hat damit auch die Krise unserer Kirche zu tun. Dass Menschen, die sich mündig fühlen, nichts mehr hören wollen von einem Gegenüber, auf welches sie angewiesen sind. Das mag ihnen überheblich vorkommen, bevormundend, von oben herab. Das passt vielleicht nicht in unserer Zeit, in welcher der Mensch doch so autonom, so individuell, ja: so frei ist.

Und dennoch gehört es zum Grundbestand christlicher Überzeugung: Aus sich heraus kann der Mensch sich nicht erlösen, weil er in die Irre geht – auch dort, wo er es nicht möchte. Auch dort, wo er sich bemüht. Auch dort, wo er versucht, Liebe walten zu lassen. „Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, da ich nicht will, das tue ich.“ So, liebe Gemeinde, drückt es Paulus aus – dieses Dilemma, in welchem sich der Mensch befindet. Unser Predigtwort aus Gen 11 nimmt es fast schon spöttisch auf. Da bauen die Menschen einen Turm, der bis in den Himmel reicht, ein Riesenbauwerk, ein Meisterwerk ihrer Zeit. Und was macht Gott? Er muss hernieder fahren und diesen Turm der Menschen erst suchen! Viel kürzer und viel prägnanter kann man diesen Abstand gar nicht beschreiben: Wo die Menschen glaubten, sie wären schon so weit, da stellt Gott fest: „Ich kann sie gar nicht sehen – ich muss sie suchen gehen!“

Die Sprachverwirrung in unserem Predigtwort, die folgt, möchte ich heute einfach stehen lassen als eine Beobachtung des Autors: Die Menschen waren nicht mehr in der Lage, einander zu verstehen. Übertragen Sie es frei: Jeder begann seine eigene Sinn- und Wertsuche, statt eines großen, gemeinsamen Turmes fing jeder an, seinen eigenen, kleinen Turm zu bauen. Vielleicht, liebe Gemeinde, ein Zustand, der fast noch unerträglicher ist, als wenn alle gemeinsam an einem falschen Ziel bauen: Dass jeder sein eigenes, unerfüllbares Ziel sich vor Augen gesetzt hat, bei welchem kaum mehr ein anderer mitkommt und mit baut. Wir leben heute in einer freien Gesellschaft mit hoher materieller Absicherung, einer privilegierten, ersten Welt. In einer Welt, in welcher jeder seinen individuellen Geschmack fast ganz frei entfalten kann. Und dennoch spüre ich eine hohe Unzufriedenheit, ein Getriebensein, ein rastloses Suchen nach etwas Anderem. Darf man das als ein Zeichen für die Wahrheit von Gen 11 deuten? Spüren Sie in sich hinein, ob auch Sie ihre kleinen, eigenen Türme bauen – zum Himmel hin, wie es die Geschichte aus Gen 11 beschreibt.

Warum aber sprach ich am Anfang von einer „Gegengeschichte“? Weil wir Christen glauben, dass mit Christus Jesus, mit seinem Tod und seiner Auferstehung, mit seiner Himmelfahrt und schließlich mit Pfingsten sich etwas geändert hat in der Welt und im Menschen. Die zentrale Erzählung aus der Apostelgeschichte kehrt ja gerade die Sprachverwirrung aus Gen 11 um. Statt lauter Einzelsprachen, die untereinander sich nicht mehr verständigen können, sprechen die Jünger auf einmal durch den Heiligen Geist bewegt so, dass ein jeder es in seiner Heimatsprache hören und verstehen kann! Das löst eine solche Freude und Heiterkeit aus, dass Fernstehende meinen, die Jünger wären schon am Morgen voll des süßen Weines. Aber die Botschaft dieser Gegengeschichte von Pfingsten bleibt in sich stimmig: Weil der Mensch nicht aus sich heraus fähig ist, diesen Weg zu Gott zu finden, kommt Gott ihm entgegen und beschenkt ihn mit einer Kraft, die ihn ausfüllt und freudig macht. Einer Kraft, die ihm den Weg weisen kann und ihm Einsicht schenkt in Sinn und Ziel seines Daseins. Das wiederum ist in der Lage, die Menschen tatsächlich zu einen und zwar über alle Grenzen, die sie ja selber geschaffen hatten, hinweg: über Geschlecht und Bildung, über Alter und Nationalität, über gesund und krank hinweg schafft es diese Kraft Gottes von außen her den Menschen eine Richtung zu geben. Und damit auch einen Wert. Die Würde des Menschen und sein Wert sind bestimmt – so bekennen es die Christen – aus dieser Kraft von Gott her: Das macht den Menschen zum Menschen, zum Geschöpf Gottes. Auch das, liebe Gemeinde, ist schwer zu hören: Von außen her erst habe ich meinen Wert. Von außen her erst werde ich verbunden, weil ich erkenne, dass mein Nächster mein Bruder und meine Schwester in Christo ist. Pfingsten ist die Geburtsstunde der Kirche, so sagt man gerne. Wenn Sie es fassen wollen als eine Gemeinschaft derer, die sich um dieses Wort Gottes scharen und sich aufgrund dessen begreifen als eine Gemeinschaft, so ist jener Spruch richtig. Durch Gottes Ansprache an mich erhalte ich meinen Wert und hier erst werde ich aufgerichtet. Ich, der ich sonst beständig um mich kreisen würde – wie es Luther sagt: der Mensch, der in sich selbst verkrümmt ist und nur auf seinen Bauchnabel blickt – dieser Mensch wird nun von außen aufgerichtet: ein krummes Holz, aber ein aufrechter Gang. Nun also reicht doch etwas in Richtung Himmel auf: Aber nicht mein Bau, meine Leistung, mein eigenes Streben, sondern ich als der Aufgerichtete. Der, an welchem Erhöhung geschehen ist.

An Pfingsten preisen wir diesen Geist, der den so Aufgerichteten begleitet in seinem Leben. Den Geist, der dies Erkennen möglich macht, diese Einsicht schafft und so zum Motor werden kann für mein Tun und Handeln. Denn natürlich handelt der Christ in dieser Welt. Aber er handelt gewissermaßen nicht mehr aus ihr heraus, sondern vielleicht eher: trotz dieser Welt. Mit kleinen Schritten: Vergebung statt Hass, Liebe statt Gewalt, Hinwendung zum Schwachen statt Vergötzung des Starken. Oft genug Torheit in den Augen der Welt, Weisheit aber vor Gott. Dieser Geist Gottes macht es möglich. Und hier, liebe Gemeinde, erfahre ich auch den Sinn für mein Leben: wo ich mich ausrichte auf mein Gegenüber hin, wo ich verankert bin in Gott selbst, wo ich dem Schöpfer antworte in Lob und Dank.

„Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth.“

Diesen Geist, liebe Gemeinde, der uns eine gemeinsame Sprache für unser Leben und unser Wirken gibt, preisen und loben wir an Pfingsten. Möge er uns begleiten und führen auf den Weg hin zu Gottes Reich.

Und der Friede Gottes, der weiter reicht, als wir es aus uns selbst leisten könnten, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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