Kein Grund zur Resignation

Wer Visionen hat, soll zum Arzt gehen, hat ein Kanzler (Helmut Schmidt) mal gesagt. Ihm war wichtig, dass die Dinge Hand und Fuß hatten, dass die Grundlagen der Entscheidungen von klaren Ideen und Gedanken durchdrungen waren. Gründe sollten belegbar und allen durchschaubar sein. Er hat sich allerdings auch nicht immer dran gehalten. Vielleicht auch, weil Menschen Visionen und Träume brauchen, um ihr Leben zu gestalten.

Wenn die Bibel von Visionen und Auditionen redet, hat das eine andere Richtung. Es geht weder um konkrete klare politische Richtungen noch um Hinweise für persönliche Lebensplanungen. Es geht um den Willen Gottes, der aber dann natürlich auch Auswirkungen auf menschliche Lebensgestaltung bis in den ganz persönlichen Bereich und bis in die Politik hat.

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Es gibt genaue Daten. Die Geschichte wird historisch eingeordnet in Regierungszeiten und Zusammenhänge. Es geht hier nicht um Träume und Phantasien, sondern um eine Vision in der Zeit. Da ist einer, der sieht etwas – und das ist phantastisch.

Er sieht einen Hofstaat Gottes, der die irdischen Vorbilder übertrifft. Und dazwischen der vielfache Ruf des Heilig, Heilig, Heilig. Nicht umsonst ist gerade dieser Ruf vielen ChristInnen heilig. Nur es ist etwas Anderes als in gottesdienstlichen Liturgien – sie rufen es einander zu. So wie man sich Mut machen Worte zuruft oder Durchhalteparolen. So wie Menschen einander im Leben weiter helfen.

Vielleicht ist das wichtig, dass die Engel im Himmel genauso miteinander umgehen. Noch wichtiger aber ist, dass daraus kein Geheimnis gemacht wird. Das Heilige steht offen. Es ist für Menschen erkennbar, wenn sie einander begegnen als Schwestern und Brüder.

Es gibt heute eine Sehnsucht nach der Erfahrung von Heiligkeit, nach dem Versenken in etwas Inneres, nach dem eins sein mit einem Gott, mit einem Dalai Lama oder Ähnlichem. Und wenn nicht direkt, so doch über Engelfrömmigkeiten oder Pilgerpfade.

Ich finde, je nach Persönlichkeit können solche Dinge sinnvoll sein, dem persönlichen Glauben etwas Handgreifliches zu verleihen. Aber sie sind nicht notwendig und nicht Bestandteile des eigentlichen Glaubens. Wir müssen trenn und Trennungen können misslingen. Aber sie könne auch weiterhelfen. Wenn wir Heilige und Engel und Mantras als das begreifen, was sie sein können. Hilfen zum Glauben.

Wichtig ist, dass wir unser Leben gestalten und damit rechnen, dass Gott es selber ist und seine BotInnen, die uns in unserem Leben, in unserem Alltag begegnen wollen.

Das Bild ist fremd: Der himmlische Palst mit allem Prunk. Gott wird dargestellt wie ein orientalischer Potentat. Zur Darstellung der Macht Gottes gehört, dass sich der Mensch als klein und unbedeutend empfindet. Aber er ist es nicht wie die Szene zeigt.

Inmitten seiner Helden und Berater will der Könige einen Auftrag vergeben. Reaktion: Kleinmut und Ratlosigkeit auch bei dem himmlischen Bodenpersonal. Aber da meldet sich der ‚kleine‘ Jesaja. Erst voller Angst, weil er seine eigene Unwürdigkeit erkennt. Die Boten Gottes müssen ihn befreien – dann ist er bereit. Und bekommt sogleich seinen Auftrag, der zum Verzweifeln ist: Du musst predigen, aber keiner will zuhören.

Der Widerspruch in dem Auftrag an Jesaja gilt auch uns: Du musst predigen, aber keiner will zuhören.

So geht es vielen ChristInnen und Christen. Sie wollen predigen, von ihrem Glauben erzählen, aber keiner will es hören. Eltern leiden wie geprügelte Hunde, weil ihre Kinder sich so meilenweit entfernen von Glauben und Kirche und was den Eltern wichtig ist. Ich habe die Vision, dass Vieles was im Moment fruchtlos aussieht, einmal Frucht tragen wird. Wir haben es nicht in Händen. Jesajas Geschichte macht mir Mut an meiner Vision festzuhalten.

Dieser Prophet, den viele nur als Helden kennen, erscheint hier ganz klein: unwürdig empfindet er sich, weil er um seine Schuld weiß, gesandt zu einem verstockten Volk. Er ist Teil dieser Verstocktheit, aber sie ist kein Grund zur Resignation. Er darf Visionen haben und wird von Gott berufen. Ich darf Visionen haben und damit rechnen, dass Gott auch mich beruft.

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