Ich habe Durst!

(Ich lese wegen erheblicher Sinnabweichung bei Luther den Text nach der Einheitsübersetzung.)

Am letzten Tag des Festes, dem großen Tag, stellte sich Jesus hin und rief: Wer Durst hat, der komme zu mir, und es trinke, wer an mich glaubt. Wie die Schrift sagt: Aus seinem Inneren werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Damit meinte er den Geist, den alle empfangen sollten, die an ihn glauben; denn der Geist war noch nicht gegeben, weil Jesus noch nicht verherrlicht war.

Liebe Gemeinde, liebe Gäste und Freunde,
Wasser ist zum Waschen da, falleri und fallera, auch zum Zähneputzen, kann man es benutzen. … auch bei manchen Füßen würde man‘s begrüßen!

Heute geht es um Wasser. Um ein ganz eigenes Wässerchen. Lebendiges Wasser. Das nimmt man nicht zum Zähneputzen und nicht zum Füße waschen, das füllt man nicht in Flaschen ab als Classic oder Medium, damit gießt man auch nicht die Geranien.

Es ist ein Wasser, das wir nirgendwo sehen können, das wir nicht durch unsere Hände rinnen lassen können, das sich nicht schöpfen lässt und dessen Wasserhahn wir vergeblich suchen.
Es ist ein nicht sichtbares Wasser, das doch in Strömen fließt. Ein Lebenselixier, das einer unerschöpflichen Quelle entspringt.
„Ströme lebendigen Wassers…“ Das klingt nach Lebendigkeit pur. Das klingt nach prallem Leben, nach Überfluss und Wohlbefinden, nach ungezügelter Lebenskraft und Lebenslust.
„Ströme lebendigen Wassers…“, da wächst etwas, da steht alles in sattem Grün, wird umspielt von einem verschwenderischem Überfluss an Leben.

Liebe Gemeinde, liebe Freunde,
bei diesen Bildern wird uns ganz trocken im Mund. Ja, wenn ich das hätte… Leben satt. Meine Lebendigkeit ist zur Trockenübung verkommen. Die Haut meiner Seele ist faltig geworden.
Der eine kommt einfach nicht aus dem Trockendock heraus, der andere wünscht sich ein Ende seiner langen Wüstenwanderung: Leben! Am Leben bleiben dürfen. Mehr noch: Lebendigkeit. Das wäre schön: Es wird noch einmal etwas wachsen. Es gibt Erfrischung, Refreshing, tot Geglaubtes erwacht zu neuem Leben.

Ich habe Durst. Das fällt einem wieder ein, wenn von diesem unsichtbaren, unstillbaren Lebenswasser geredet wird.
Gut, das einem dieses Grundbedürfnis wieder einfällt. Wie schnell vergessen wir, auf uns selbst zu achten und für uns selbst zu sorgen. Je mehr wir für andere da sein wollen, je besser wir gelernt haben, Erwartungen zu erfüllen und zu funktionieren, umso gefährlicher leben wir: Wir vergessen, dass wir Durst haben. Und vertrocknen.

Da brauchen wir die Jugend. Die Jungen merken es am schnellsten. Die suchen den Sinn, die geben sich nicht mit abgestandenem Wasser zufrieden, die brauchen das Lebendige, wirklich Leben Schaffende.

„Ich habe Durst, ich hab noch Träume, will nicht zu schnell zufrieden sein, ich habe Durst – wo ist die Quelle – für echtes Leben gegen den Schein?“

Solche Lieder singen sie. Und uns Älteren fällt ein, dass wir viel trinken sollen. Manche haben sich einen Trinkplan gemacht, der ihnen hilft, auf 2 Liter am Tag zu kommen.
Lässt sich auch das unsichtbare Wasser so planen? Spült nicht das überschießende Strömen alle Pläne davon? Oder ist es gerade andersherum: Weil wir es nicht sehen, fehlt es uns nicht. Weil wir es nicht sehen, übersehen wir es?
Bemerken unseren Seelendurst nicht, ignorieren unseren Lebensdurst, bis wir seelisch und dann auch körperlich zusammenbrechen…?

Vielleicht ist am heutigen Sonntag, hier im Gottesdienst, jetzt, im Hören dieser Predigt schon viel gewonnen, wenn jemand seinen Durst wieder spürt. Merkt, wie er oder sie auf dem Trockenen sitzt. Dass die Zunge nicht wirklich singen kann, weil sie am Gaumen klebt. Dass das Herz nicht wirklich erhoben sein kann, weil es schon so lange den kühlen Trunk vermisst.

Gut, wenn der Durst nicht gleich wieder beiseitegeschoben wird, mit vernünftigen Argumenten oder billigem Trost. „Es geht schon..!“ Anderen geht’s schlechter… Ich will mich nicht beschweren… Wir wollen doch dankbar sein…

Gut, dass die Jugend so singt: Will nicht zu schnell zufrieden sein.

Und sehr gut, geradezu hervorragend, dass Jesus sagt: Wer Durst hat, der komme zu mir.
Das klingt ganz schlicht: Wer merkt, wie durstig er auf Lebendigkeit ist, der komme zu mir.
Und zugleich ist es gar nicht so einfach. Das merken wir schon daran, dass wir vergessen können, wie durstig wir eigentlich sind.
Und auch daran, dass wir weder die Ströme des lebendigen Wassers noch den, der die Durstigen einlädt, mit unseren Augen sehen können.

Und tatsächlich: „…der komme zu mir…“, sagt Jesus und ist damit noch nicht beim Eigentlichen.
Das wirklich Wichtige kommt noch, der Flaschenöffner, so könnten wir sagen: Wer an mich glaubt, wer mir ganz vertraut, der wird den Heiligen Geist geschenkt bekommen, aus dem heraus werden Ströme lebendigen Wassers fließen.

Nur zur Klärung, ganz nebenbei: Das „aus dem heraus werden Ströme lebendigen Wassers fließen“ bezieht sich auf den Geist, nicht auf uns…

Wer an mich glaubt, wer mir ganz vertraut, der wird den Heiligen Geist geschenkt bekommen, aus dem heraus werden Ströme lebendigen Wassers fließen.

Immer noch ist nichts zu sehen: Der Geist wäre kein Geist, könnte man ihn begreifen. Aber es ist eigentlich alles klar:
Wer Jesus vertraut, in dessen Leben zieht ein anderer Geist ein. Der Geist sprudelnder Lebendigkeit, der Geist nicht tot zu kriegender Frische, der Geist der auch dem Unsinnigsten seinen Sinn verleiht, der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Power ist da, so würde es vielleicht die jüngere Generation formulieren. Dieser Geist ist da. Unumstößlich steht er den Vertrauenden zur Verfügung. Den Vertrauenden.

Nichts ist zu sehen und das Wichtigste im Leben ist doch da: Vertrauen und Lebenskraft. Vertrauen in Jesus Christus. Und das heißt: Lebensfreude.

Das Wasser fließt. Mitten in der Wüste. Das Wasser strömt auf das alte Mühlrad, das sich noch einmal ächzend in Bewegung setzt. Das Wasser fällt und gießt und wäscht allen Staub von der Seele, allen Schmutz von der Weste.

Wer an mich glaubt, wer mir ganz vertraut, der wird den Heiligen Geist geschenkt bekommen, aus dem heraus werden Ströme lebendigen Wassers fließen.

So einfach ist das.
Und zugleich so eine Herausforderung. Wir müssen uns ja zuvor als Bedürftige entdecken. Zugeben, dass wir Durst haben. Unseren Stolz in diesen Wassermassen ersäufen. Unser Durchhalten Wollen in den unendlichen Wassern verdünnen. Unser Zähne Zusammenbeißen in den Strömen des Lebendigen auflösen.
Mitansehen, wie alles Starre und Statische ins Fließen kommt, das, was uns in Sicherheit gewogen hat, oft schon so lange.

Das ist kein Kinderspiel. Das ist Arbeit. Da braucht es unseren Willen. Sonst enden wir wieder nur bei einem „Wasch mich, aber mach mich nicht nass…“

Wer an mich glaubt, sagt Jesus, der wird das Leben finden, den Sinn, die Tragkraft.
Der darf immer wieder durstig sein, ja es ist dann das Beste, was ihm passieren kann: Durst haben. Denn dann gibt es heute und morgen einen Schluck vom Überfluss. Dann planscht und jauchzt die Seele im Bad des Heiligen Geistes, und man sieht es dem Menschen nicht daran an, dass er die Hände beim Beten zum Himmel hebt, sondern man schaut ihm einfach ins Gesicht: Und sieht dort das, worauf es ankommt: Lebendigkeit. Eine Seele in trockenen Tüchern…

Wer an mich glaubt, wer mir ganz vertraut, der wird den Heiligen Geist geschenkt bekommen, aus dem heraus werden Ströme lebendigen Wassers fließen.

drucken