Singa is unsa Freid

Liebe Gemeinde!

„Singa is unsa Freid singa tuan mehra Leit, wer si net singa traut, der hot koan Schneid. Jöderidüdia…“


Mit diesem Volkslied möchte ich das Motto für den heutigen Sonntag „Singt dem Herrn ein neues Lied“ aufgreifen. Mancher mag mit Reinhard Mey antworten: „Gott ist das peinlich“. Dennoch hat mich dies Stück Kultur begleitet seid das Fräulein Kammerl sich in der 3. Klasse die Mühe gemacht hat es uns beizubringen.

Singen, das ist nicht nur ein undefinierbares Geräusch abgeben, nicht etwas, was man nur tut, wenn man nahezu dazu genötigt wird. Singen kann die ganze Bandbreite unserer Gefühle zum Ausdruck bringen. Laut und leise, traurig und freudig, monoton und überschwänglich. Ein einfaches Lied kann schon mehr sagen als ein „ja es war schön“ oder „es hat mir Spaß gemacht“

Lied und Tanz warenschon immer das besondere, das sich vom Alltag abhebt. So wird zu jedem großen Fest wie z.B. einer Hochzeit auch heute getanzt, eine ganze Kultur lebt davon, vielleicht auch so ekstatisch, wie damals David um die Bundeslade tanzte, als sie nach Jerusalem gebracht wurde, so freudig wie Miriam nach der Rettung aus dem Schilfmeer, wenn auch nicht unbedingt in der Kirche…

Musik kann oft das einzige sein, was aus der Traurigkeit und Verhärtung rettet, so wird es uns in den Geschichten von König Saul überliefert, der ersten Erwähnung von Musiktherapie.

Am schönsten erlebt man Musik im großem Kreis: „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder, böse Leute haben keine Lieder.“ Wer im Chor, Orchester oder Tanzkreis engagiert ist, kann davon ein Lied singen. Nächste Woche können Sie hier in Murnau das Ergebnis in Konzert und Gottesdienst genießen.

Und doch gehört zum Singen Schneid. Eigenartig, will man meinen. Wenn Singen so schön ist, warum fällt es dann trotzdem oft so schwer?

Wohl weil Singen ein tiefer Ausdruck der Persönlichkeit ist. In der Badewanne ist gut singen, da hört keiner zu, man kann die Seele baumeln lassen, man ist entspannt und fröhlich…

Doch wenn andere zuhören, dann kann es mir schon peinlich vorkommen, wenn mein persönlicher Ausdruck in einem Brummen oder Schluchzen oder Kieksen zu hören ist. Beim Gesang kann man Unsicherheiten und Verspannungen, wie auch Stimmungen nicht so leicht kaschieren, wie beim Reden. Wer Angst hat sich auszudrücken, wird auch nicht singen üben und auch keine Lieder weitergeben. So ist es kein Wunder, dass in dieser Gesellschaft, in der Perfektion gefragt ist, auch schon die Kinder und Jugendlichen sich schämen, wenn sie singen sollen.

Da muss schon ein gewichtiger Anlass vorliegen, dass dann gesungen wird, etwa zum 60. des Chefs, weil Bayern München spielt oder weil neuerdings dieser hinreißende Bariton den Chor leitet oder gar weil man in guter Gesellschaft ist und schon die 5te Halb intus hat…

Singt dem Herrn ein neues Lied heißt: Geht aus euch heraus, bleibt nicht bei der alten Leier, verwirklicht euch selbst, zeigt mit eurem ganzen Körper, was euch bewegt. Lebt euer Leben intensiv. Zeigt es Gott! Singen ist Gebet.

Wir lieben Opern, Operetten und Musicals, bei denen die erzählte Geschichte mit Hilfe der Musik unterstrichen wird und noch eine Schicht tiefer eindringt als nur der Text. Wir leben in den Bildern, verfolgen die einzelnen Themen, die sich eng mit dem jeweiligen Schicksal verbinden, sich ineinander verflechten mit einander konkurrieren, stärker und schwächer werden, modulieren und sich verändern, neu zurückkehren und wir fiebern dem großen Finale entgegen. Das bewegt etwas bei uns lässt und mitklingen unsere Spiegelneuronen lassen uns miterleben, was andere vortragen. Noch intensiver ist es mitzuspielen in einem solchen Werk, in eine Rolle zu springen und darin ganz aufzugehen.

Wie ein solches Musikwerk ist unser Leben. Wir singen unsere Arien oder haben Sprechrollen, wir sind bei der Tanzgruppe, wir haben eine Hauptrolle oder sind nur in einem Akt präsent, wir setzen andere ins Licht oder sorgen dafür, dass sie den rechten Ton treffen, wir ringen um die Darstellung des ganzen und die Ausstattung, wir engagieren uns in der Logistik oder im Catering, wir schreiben am Drehbuch oder streichen wild darin herum, wir geben uns ganz oder schauen distanziert zu. Wir bauen phantasievolle Landschaften oder putzen hinterher auf.

Als ich 9 Jahre alt war, hat mir meine Oma ein Lied nach einem Gedicht von Eichendorff beigebracht, das genau dies zum Ausdruck bringt und mich seitdem immer wieder beschäftigt. Wir wollen es strophenweise miteinander singen:

Mich brennt’s in meinen Reiseschuhn,
fort mit der Zeit zu schreiten,
was wollen wir agieren nun
vor so viel klugen Leuten,
vor so viel klugen Leuten?

Los geht es mit kleinen Schritten aber unermüdlich ins Leben hinein, kaum dass wir krabbeln können. Wir wollen die Welt erobern, unser eigenes Lied singen, unser eigenes Drama spielen. Wir müssen uns im Laufe der Kinder- und Jugendzeit selbst definieren unseren eigenen Weg finden. Das ist nicht leicht, denn nicht nur die Eltern wollen wissen, was das Beste für uns sein mag. Viele Worte sind gesagt, viele Bücher geschrieben, wo bleibt unser eigener Platz, der Beitrag den wir leisten können, das Werk in dem wir uns entfalten können, das Lied, das das Innerste unseres Herzens zu klingen bringt?

Es hebt das Dach sich von dem Haus,
und die Kulissen rühren
und strecken sich zum Himmel ‚raus,
Strom, Wälder musizieren,
Strom, Wälder musizieren.

Wenn wir erwachsen werden, verlassen wir den schützenden aber auch einengenden Raum unserer Kindheit, wir Reisen, erweitern unseren Horizont, versuchen den Himmel zu berühren, entdecken in der Natur überirdisches. Die Bühne verändert sich, eine Chance noch einmal ganz neu nach dem eigenen Ausdruck zu forschen. Neue Erfahrungen berühren uns, Begegnungen bereichern uns, doch auch Schmerz und Leid verschärft die Dramatik.

Da gehn die einen müde fort,
die andern nahn behende.
Das alte Stück man spielt’s so fort
und kriegt es nie zu Ende,
und kriegt es nie zu Ende.

Haben wir vielleicht noch zugeschaut, beobachtet und kritisiert, was die vorherige Generation aus ihrem Leben gemacht, stehen wir nun vor dem Vorhang in erster Reihe, wir erleben Verluste, ergreifen Verantwortung, treffen Entscheidungen. Wir tauchen ein in die Welt unserer Kinder, überlegen, was wir ihnen mitgeben wollen, welche Werte tragen, was und stark macht, was uns zum Singen bringt. Es ist der immer gleiche Fluss der Zeit, wir sehen uns im größeren Zusammenhang und doch ist es an uns diesen Abschnitt zu gestalten. „Ich singe, weil ich ein Lied hab und nicht weil es euch gefällt“ ist ein Lied von Konstantin Wecker, das aufruft auch gegen landläufige Meinung und Trends aufzustehen auch gegen den Strom zu schwimmen und das, was uns wert und kostbar ist zu verfolgen und auszudrücken. Es lädt ein auf das bisherige Leben zurückzublicken und abzulegen, was uns beschwert, was wir nur getan haben um anderen zu gefallen. Das Leben ist mehr als das.

Und keiner kennt den letzten Akt
von allen, die da spielen,
nur der da droben schlägt den Takt,
weiß, wo das hin will zielen,
wo das hin will zielen.

Letztendlich ist es ein Akt des Glaubens, wenn wir über das ganze hinausschauen, Was immer wir tun es liegt nicht allein in unserer Hand. Wenn wir auch bei der Geburt unserer Kinder wünschen sie beschützen und leiten zu können, so erfahren wir oft genug wie hart es ist sie loslassen zu müssen, weil sie andere Wege gehen, andere Lieder singen. Wenn wir auch bei der Trauung Treue bis zum Tode versprechen, so zerbrechen doch viele gemeinsame Träume und jede dritte Ehe wird geschieden. Wenn wir auch noch so viel Kraft und Zeit in unseren Beruf investieren, so kann es doch sein, dass die Firma pleite geht oder nach jüngeren aktiveren Mitarbeitern sucht oder wir nach einem unverantwortlichen Bankencrash vom gesettlten Gutverdiener zum Hartz4- Empfänger abrutschen. Was bleibt ist das Versprechen Gottes bei uns zu sein, auch wenn unser Lied ein Schrei ist, ein Krächzen oder völlig verstummt.

Darüber hinaus leben wir für das große Finale in das alle Lebensmelodien einmünden. Einmal stehen wir vor Gott und dann werden wir singen:

[TEXT]

Die Offenbarung spielt in dieser Szene auf ein Ereignis an, das lange zurück liegt: Der Auszug Israels aus Ägypten, die Flucht vor dem ägyptischen Heer durch das Schilfmeer, die wunderbare Rettung, als die Wassermassen die Soldaten und Streitwagen einfach wegspülten. Die Freude über das schon verloren geglaubte, aber dann doch bewahrte Leben ist verständlicherweise groß. Und so wird berichtet, dass die Israeliten ihren Gott und seine Taten ausgiebig mit Musik und Tanz feierten. Auf dieses Ereignis beziehen sich unsere 10 Gebote und letztendlich auch der Tod Jesu am Pessachfest genau dann, als die Rettung aus Ägypten gefeiert wird. Gott ist ein Retter, wo uns Tod und Teufel gegenüberstehen, wo uns Menschen schaden wollen, wo man uns unsere Würde nehmen will und unsere Hoffnung. Es ist ein Lied nicht mit Pauken und Trompeten, sondern mit Harfe und Zither, die leisen Töne erzählen auch von der Trauer, vom Leid, von verlorenen Chancen, falschen Entscheidungen, misslungenen Beziehungen, sie kommen vom Herzen; so wie wir sind stehen wir vor Gott und erkennen unsere Möglichkeiten und was wir daraus gemacht haben und immer stärker wird der Gedanke der Dankbarkeit, dass trotz allem Gott sein Wort gehalten hat und auf vielfachen Wegen entgegengekommen ist uns durch seinen Gnade gerettet hat.

Mit dieser Vision vor Augen können auch wir singen; das hat mit Kunst selten etwas zu tun, auch wenn wir mit dem Wochenlied altes Kulturgut pflegen und für andere Generationen erhalten, wie wenig uns oft auch Sprache und Bilder treffen. Wir singen mit Begeisterung, wenn sich eine Gruppe die sich miteinander wohl fühlt z.B. Kirchenvorsteher abends zusammensetzt und sich zwischen „Kindermutmachlied“ und „Lady in black“ (fast)ungeniert austobt. Wir singen – um das mal mit einem anderen Bild zu vergleichen – wie ein Elektron, das zu leuchten beginnt, wenn es durch eine positive Ladung auf ein höheres Niveau gebracht wird und ausstrahlt.

„Singa is unsa Freid singa tuan mehra Leit, wer si net singa traut, der hot koan Schneid. Haben Sie vorhin gehört. Ich gehe weiter, dem fehlt nicht nur der Schneid sondern auch eine Lebensqualität, die sich nicht so einfach beschreiben lässt.

An diesem Sonntag Cantate will ich die Predigt mit einem gesungenen Gebet schließen, das auf der ganzen Welt bekannt ist: "Thank You For The Music" (Abba) (CD Souper trouper oder Mamma mia)

Thank you for the music, the songs I’m singing

Thanks for all the joy they’re bringing

Who can live without it, I ask in all honesty

What would life be?

Without a song or a dance what are we?

So I say thank you for the music

For giving it to me

Ich bin nichts Besonderes, ich bin eher ein bisschen langweilig, 
Wenn ich einen Witz erzähle, hast du ihn wahrscheinlich vorher schon einmal gehört. 
Aber ich habe ein Talent, etwas wundervolles 
Denn jeder hört zu, wenn ich anfange zu singen 
Ich bin so dankbar und stolz, 
Alles was ich will, ist es einfach laut hinaus zu singen. 

Mutter sagt ich war eine Tänzerin schon bevor ich laufen konnte 
Sie sagt ich begann zu singen lange bevor ich sprechen konnte. 
Und ich habe mich oft gewundert: Wie alles begann, 
Wer fand heraus, dass nichts ein Herz so erobern kann, 
Wie eine Melodie es kann? 
Gut, wer immer es war, ich bin ein Fan. 

Ich bin so glücklich, ich bin das Mädchen mit goldenem Haar. 
Ich will es zu jedem laut heraussingen. 
Was für eine Freude, was für ein Leben, was für eine Chance. 


Danke für die Musik, für die Lieder, die ich singe, 
Danke für all die Freude, die sie bringen, 
ich frage in allem Ernst: Wer kann ohne sie leben?

Was wäre das Leben?

Was wären wir ohne ein Lied oder einen Tanz? 
So sage ich, danke für die Musik, 
dafür dass du sie mir gegeben hast.

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