Wo wohnt Gott?

Liebe Himmelfahrtsgemeinde,

der Predigttext des heutigen Tages zielt in den Himmel hinein und stellt uns, die wir noch auf Erden wandeln, vor eine der schwierigsten Fragen überhaupt: „Wo wohnt Gott?“

Mir ist zu dieser diffizilen Frage sofort der Witz mit dem Badezimmer eingefallen.
Den kennen natürlich schon alle. Aber weil ich auch wirklich jeden mit meiner Predigt erreichen möchte, erzähle ich ihn noch einmal für die, die nicht mehr genau wissen, wie der Witz mit dem Badezimmer anfängt…

"Wo glaubt ihr, wohnt Gott?" will die Religionslehrerin von ihren Schülern wissen. "Im Badezimmer", antwortet Fritzchen, ohne zu zögern. "Ja, wie kommst du denn darauf?" fragt die Lehrerin verwundert. "Na jeden Morgen, wenn mein Vater aufsteht, hämmert er gegen die Badezimmertür und schreit: Mein Gott, bist du denn immer noch da drin?"

Wo wohnt Gott? Gut, das Badezimmer können wir schon mal streichen. Auch wenn ein Blick in die Regale der Drogeriediscounter uns daran wieder zweifeln lassen könnte:
„Duschbad Himmlische Freuden“ oder „Im 7. Himmel Nagellackentferner…“

Orientieren wir uns bei unserer Suche an der deutschen Klassik, fällt uns sofort ein gewisser Friedrich Schiller ein:
„Brüder überm Sternenzelt, muss ein lieber Vater wohnen…!’“

Jemand hat mal gesagt, unter der Woche wohnt Gott im Himmel – der kannte seinen Schiller – unter der Woche wohnt Gott im Himmel – … und am Sonntag in der Kirche.

Und an gesetzlichen kirchlichen Feiertagen wie dem Himmelfahrtstag auch in Krankenhauskapellen… Das gilt natürlich nur, wenn Himmelfahrt ein gesetzlicher Feiertag ist. Walter Ulbricht hatte ihn ja schon mal abgeschafft.
Daraufhin lancierten damals hohe Kirchenvertreter folgenden Witz unter die Bevölkerung:

Walter Ulbricht ist gestorben und das spricht sich in Windeseile im Himmel herum. Marx, Engels, Lenin und Thälmann warten 2 Wochen lang auf ihn, doch er kommt und kommt nicht. Schließlich gehen sie zu Petrus, um mal nachzufragen, wo denn Ulbricht solange bleiben würde. Worauf Petrus antwortet: "Tja Jungs, Ulbricht hat Himmelfahrt abjeschafft – nu muss er loofen."

Aber Spaß beiseite, Ernst komm her: Wo wohnt Gott denn nun?

Wer hätte eine schnelle Antwort parat?

Im Stillen Kämmerlein? Aber wo gibt es das noch, ein Raum, in dem es wirklich völlig still ist?
In der Kirche? Aber in welcher von den vielen?
Im unserem Herzen? Aber das wäre dann eine WG mit ziemlich vielen anderen interessanten Typen.

Über den Himmeln? Dort wiederum im Himmel, der wieder einen Himmel hat der wieder einen Himmel hat. Das geht gegen Unendlich. Gott wohnt in der Unendlichkeit? Schwer vorstellbar… Und wenn, dann wäre er ziemlich distanziert und wir könnten ihm gar nicht mehr recht glauben, dass er mit uns zusammen sein will.

Wo wohnt Gott?

Wir feiern die Himmelfahrt Jesus – er geht nach Haus zu seinem Vater. Dahin zurück, wo er hergekommen ist. Da braucht er doch eine Adresse, eine Anschrift.

Und wir brauchen sie auch, wir sollen ihm ja mal folgen, jetzt noch nicht gleich, aber dann.

Wo geht’s denn nun hin? Wo wohnt er?

Vielleicht hat jemand schon die Lösung und verrät sie uns nur nicht? Z.B.: „Gott wohnt -überall und nirgends!“

Na, das ist doch schon mal was!

„Sag mir wo Gott wohnt, und ich geb‘ dir 1 Schekel. Sag mir, wo Gott nicht wohnt und ich geb‘ dir 100 Schekel.“

So antworten die Leute auf unsere Frage, die Gott schon tausend Jahre länger kennen als wir Christen. Kurz und bündig. Bei denen wird nicht lange um die Sache herumgepredigt – ohne etwas zu sagen…

Aber das reicht uns natürlich wieder nicht… „Überall und nirgends!“

Und bei genauem Hinsehen hat es denen vor tausend Jahren ja auch nicht gereicht. Da musste unbedingt ein bescheidenes Tempelchen gebaut werden. Mit goldenen Türklinken und Massivholzlaminat.
Und bei der Einweihungsfeier sagt der Festredner einfach: Wir haben Gott ein Haus gebaut in dem er nicht wohnen kann. Eben weil er Gott ist.

Wenn die Himmel der Himmel Gott zu klein sind, dann ist es jede irdische Hütte erst recht.
Und doch bauen wir immer wieder zu allen Zeiten solche Vorschläge: Hier (in dieser Kapelle) könnte er doch ganz gut wohnen. Edelstahl an der Wand und Acrylglas vor freundlichem Gelb, das müsste ihm eigentlich gefallen…

Aber wenn er mehr auf Grün steht? Grün ist ja jetzt en vogue… Und woher wollen wir wissen, ob er es gerade bei uns gemütlich findet?

Nun, früher, als alles noch besser war, war das einfach und klar. Gott ist einer und nicht zwei, und deshalb kann er nicht bei den anderen und bei uns wohnen.
Also wohnt er nur bei uns.

Unsere methodistischen Mütter und Väter im Glauben kamen über den großen Teich nach Deutschland und haben von jenseits des Meeres den lieben Gott mitgebracht. Aus Gottes eigenen Land (!) Adresse? Was natürlich diejenigen sehr erregten, die meinten, er würde schon immer bei ihnen in Deutschland wohnen.

Dabei waren die Methodisten gar nicht die einzigen, die da im gut lutherischen und streng katholischen Deutschland die angestammten Wohnrechte Gottes streitig machten. Mit ihnen kamen die Baptisten, die Adventisten, und noch viel andere, die die guten deutschen Christenmenschen erzürnten.
Bei wem wohnt er denn nun? Und alle gemeinsam riefen es sich gegenseitig ins Angesicht: Bei uns, selbstverständlich!

Schon im 16. Jahrhundert spielte man das gleiche Spiel, als sich die guten Katholiken ebenso maßlos darüber aufgeregt hatten, dass der liebe Gott plötzlich nicht mehr allein in einer guten katholischen Messe anwesend sein solle.

Die haben damals sogar richtig Krieg darum geführt, bei wem Gott nun wirklich wohnt. Gleich dreißig Jahre lang.
Ohne die Frage wirklich zu klären.

Von daher ist es irgendwie auch entlastend, ja geradezu friedenstiftend, wenn wir uns nicht mehr ganz sicher sein können, ob wir die richtige Antwort gefunden haben auf diese so wichtige Frage: „Wo wohnt Gott?“

Wo wohnt er? Das ist ja immer auch die Frage: Bei wem wohnt er?

Oder wohnt er gar nicht bei uns, sondern lieber für sich? Ganz allein? Und eher licht und luftig als massiv und ortsgebunden?

Der erste Versuch, Gott ein Haus zu bauen, damals vor 3000 Jahren, wurde höchst misstrauisch beäugt und hatte die damalige Theologenzunft tief gespalten. Und Salomo, König, Bauherr und Festredner kann sich nicht zurückhalten, die Stimmen der Kritiker aufzunehmen:
Wir haben Gott ein Haus gebaut in dem er nicht wohnen kann. Eben weil er Gott ist.

Warum jetzt ein Haus? Für eine Person?
Warum sollte es plötzlich das alte Zelt nicht mehr tun? Gott als Camper, so kannte man ihn. Aber nicht etwa mit so einem Wohnmobil, das aussieht wie ein Reisebus, wo man sich – wenn das Ungetüm auf den Campingplatz rollt fragt, warum die nicht gleich zuhause geblieben ist.

Nein, ein 1-Mann-Zelt war es bisher: nur durch ein Stück Stoff vom wirklichen Leben getrennt. Abends aufbauen zum Schlafen und morgens abbauen, verstauen und wieder rauf aufs Bike…

Plötzlich musste es nun etwas Massives sein, eine Immobilie. Ganz klar: das haben die sich im Alten Israel bei den Nachbarn abgeguckt: Alle hatten sie einen Tempel. Mindestens einen… Och – so was wollen wir auch haben!

Und schauen wir uns an, was von dieser Wohnung Gottes heute noch übrig geblieben ist: eine einzige Mauer. Und die stammt schon vom 2. Versuch! Der erste lag schon 400 Jahre nach der Einweihung wieder in Schutt und Asche.

Welche Lehre ziehen wir daraus, liebe Gemeinde?
Von Immobilien sollte man die Finger lassen, wenn’s ums Ewige geht.

Interessant ist in diesem Zusammenhang außerdem, dass auf der allerletzten Seite der Bibel schwarz auf weiß zu lesen ist, dass Gott einmal wieder bei den Menschen zelten wird. Zelten! Versprochen.

Das hilft uns heute am Himmelfahrtstag freilich wenig. Zumal es die entgegengesetzte Richtung ist. „… Gottes Zelt bei den Menschen…“ Da gehen wir nicht zu ihm, da geht es anders lang… da kommt er zu uns.

„Wo wohnt Gott?“

Wir könnten ja jetzt noch was ganz Modernes ins Spiel bringen. Der letzte Schrei der Wissenschaft: Gott im Gehirn! Der Himmel ist jetzt in unseren Köpfen.

Ich meine, irgendwie ahnten wir das vielleicht schon immer. Wie heißt es so schön: „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich…“

Gott wohnt, wenn man den neuen Neurotheologen Glauben schenken will, in den Windungen unseres Gehirns. Genau genommen im so genannten Temporallappen.
Temporal-Lappen! „Temporal“ heißt „zeitweise“. Also mal an und mal aus. Also der Teil im Hirn, der nur zeitweise in Benutzung ist. Das würde passen. Einen Tag in der Woche ist er an, immer sonntags, und den Rest der Woche steht der auf „Standby“…

Trotzdem bleiben natürlich doch wieder zwei Einwände bestehen.

Erstens: Es könnte es ja immerhin sein, dass Gott einfach mal – unter der Woche sogar und gegen die Regel – dem Neurotheologen mit der Temporallappentheorie höchst persönlich zu Kopf gestiegen ist.
Und dort, in seinem Hirn, hat er dann den Temporallappen angehoben und unter ihm die Info abgelegt, er würde jetzt hier wohnen.

Sozusagen, um ihn in Sicherheit zu wiegen und um seine wirkliche Spur gleich wieder zu verwischen. Je lauter also einer ruft, ich hab ihn – umso gewisser könnte er damit falsch liegen.

Ist eben Gott, dessen Wohnsitz wir suchen und nicht irgendein Frömmigkeitsneuron.

Und zweitens: Sollte die Theorie doch stimmen, Gott wohnt im Hirn, dann heißt die zweite Frage ja wieder: In welchem?

Wo wohnt Gott?

Ich muss zum Schluss kommen. Und würde mich nun doch endlich festlegen und eindeutig sagen:

„Gott wohnt immer – gegenüber!“

Weil wir es aber gewohnt sind, von einer Predigt immer etwas ganz Sicheres mit nach Hause zu nehmen, eine Lösung, eine Antwort, gebe jetzt zum Finale eine der schönsten Antworten auf die Frage „Wo wohnt Gott“.
Es ist eine jüdische Antwort.
Sie lautet:

„Gott wohnt, wo man ihn einlässt.“

Amen

Gebet nach der Predigt

Gelobt seist du Herr, unser Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Souverän und unfassbar bist du. Und ein treuer Begleiter deiner Menschenkinder.
Wir suchen deine Nähe nicht, um dich ausfindig zu machen, sondern um zu spüren, dass Du da bist. Darauf kommt es uns an. Glauben zu können, dass wir nicht allein sind. Dass wir nicht verloren sind.

Deshalb fragen wir nach dir, weil wir ein Zuhause brauchen. Eine letzte Adresse.

Wir freuen uns, dass in Jesus Christus deinem Sohn deine Anwesenheit in allem Menschlichen sichtbar wurde. Nichts von dem, was uns beschäftigt ist dir fremd.

Und die Heimkehr deines Sohnes zu Dir legt die Spur für unser Nach-Hause-Kommen. Einmal, am letzten Tag der Welt, in der letzten Stunde unseres Lebens.

Bis dahin stehst du vor den Türen unserer Tage und möchtest eingelassen werden. Jeden Tag.
Du bist genügsam. Es muss kein Palast sein, es genügt ein leichtes Zelt. Und mehr ist unser Dasein ja auch nicht. Schön, dass du mit uns zusammen sein willst. Danke, für deine Wertschätzung.

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