Beten: die unverschämten Forderungen der Armen

Jesus erzählt aus der Welt der Armen. Von ihrer Not, von ihrer Freundschaft und von ihrer Solidarität.
Nichts zu essen im Haus, kein Krümelchen Brot, nicht für die Familie und schon gar nicht für unerwarteten Besuch. Für einen Freund, der mitten in der Nacht vor der Tür steht.
Kein Bett bei den anderen. Abends werden Matten auf den Fußboden gebreitet. Und die Wohnung ist ein enges Loch, so dicht liegen alle nebeneinander. Selbst die Erwachsenen können sich nicht zur Tür tasten und sie öffnen, ohne alle aus dem Schlaf zu reißen. Wer nachts mal raus muß, hat schlechte Karten und muß bis zum Morgen aushalten.
Der dritte unterwegs, selbst bei Nacht. Niemand zieht abends ohne Not umher. Normale Leute suchen sich beizeiten ein Quartier, bevor es dunkelt. Es sei denn es ist alles überfüllt, ihnen mangelt es an Geld oder sie sind auf der Flucht. Oder alles zusammen. Siehe Maria und Josef.
Jesus erzählt aus der Welt der Armen, von ihrer Not, aber auch von ihrer Freundschaft und Solidarität. Der, der bis in die Nacht hinein unterwegs ist, klopft bei einem Bekannten an. Und findet Einlaß, Obdach und Gastfreundschaft, auch wenn es zur Unzeit ist. Und der überraschte Gastgeber, bettelarm wie er ist, versucht ihm zu nachtschlafener Zeit ein Gastmahl vorzusetzen, auch wenn er sich dafür verschulden muß. Unverschämt ist das für die Familie in beengten Verhältnissen, eine Zumutung für alle. Aber sie lassen sich erweichen, stehen auf und borgen.
Ein Geflecht von Beziehungen zeigt sich. Dieses Netzwerk ist sicher das einzige, das ihnen zur Verfügung steht. An wen sollten sie sich sonst wenden? Wer würde denn solchen Leuten borgen, die es offensichtlich nicht zurückzahlen können? Es ist das Netzwerk der Armen, doch es trägt, mitten in der Not. Der Freund des Freundes wird zum Freund. Gott ist der Freund, der mitten in der Nacht vor der Tür steht – nein, so geht jedenfalls diese Geschichte von Jesus nicht auf. Aber Gott ist in dieses Netzwerk verflochten, gehört zum Kreis der Nachbarn, der Freunde und entfernten Freunde, die Brot und Schulden miteinander teilen und tragen.
Unverschämt bitten sie. So steht es in der Bibel. Unverschämt. Mach auf. Nimm mich auf. Leih mir drei Brote. Das ist kein trautes Zwiegespräch, kein Schwatzen überm Gartenzaun, sondern es sind handfeste Bitten. Um eine geöffnete Tür, um Unterschlupf, um Ernährung, um Solidarität, um die eigene Würde und Selbstachtung. Denn Gastfreundschaft gilt als heilige Pflicht. Wer sie nicht erweisen kann oder will, ist tatsächlich ganz unten angekommen – und wer möchte das schon zugeben?
Gastfreundschaft, Brot, Solidarität und Selbstachtung – diese Leute kämpfen um Elementares, um Dinge, die absolut notwenig sind zum Leben. Lebensnotwendig, elementar sind sie für die Betroffenen. Unverschämt, frech, bedrohlich, eine Zumutung wirken sie auf die, die solche Forderungen hören, denen sie gestellt werden. Jesus erzählt immer wieder von der Zudringlichkeit der Armen und bringt sie mit dem Beten in Beziehung, etwa als er die fordernde Witwe zum Beispiel nimmt.

*Jesus erzählte ihnen ein Gleichnis dafür, wie notwendig es ist, allezeit zu beten und nicht müde zu werden. Er sagte: „In einer Stadt lebte ein Richter, der weder Gott fürchtete noch einen Menschen achtete. Auch eine Witwe lebte in jener Stadt; die kam immer wieder zu ihm und sagte: „Verschaffe mir Recht gegenüber meinem Gegner!“
Eine Zeit lang wollte der Richter nicht. Dann aber sagte er sich: „Wenn ich auch Gott nicht fürchte und keinen Menschen achte, werde ich doch dieser Witwe Recht verschaffen, weil sie mich belästigt; sonst kommt sie noch am Ende und schlägt mich ins Gesicht.“
Da sagte Jesus: „Hört, was der ungerechte Richter sagt. Aber Gott sollte den Auserwählten, die Tag und Nacht zu Gott schreien, kein Recht schaffen und für sie keinen langen Atem haben? Ich sage euch: Gott wird ihnen Recht schaffen in kurzer Zeit!“* (Lk 18,1-7. Bibel in gerechter Sprache)

Jesus erzählt von dem fordernden Drängen der Armen. Er lebt selbst in dieser Welt, hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.
Unsere Armut ist nicht elementar. Nur die Älteren erinnern sich noch an die Türen, an die sie geklopft haben und gebettelt nach Brot und Obdach. Wir sind eine reiche Gesellschaft in einer armen (?) Welt. Unsere Armut ist eine andere, etwa die von Solidarität. Wir könnten ja teilen, wenn wir wollten. Die Armut an Beziehungen beklagen viele, das Fehlen von Lebensfreude, Gleichgültigkeit und Kälte. Den Mangel, sich in Europa verantwortlich zu sehen für jene, von deren Tellern und Feldern in Afrika oder Asien wir uns bedienen.
Heute am Sonntag Rogate denken wir besonders an unsere Partnerbeziehungen nach Tansania. Als Gemeinden unterstützen wir das Lugala-Krankenhaus. Solches Engagement wird von der Wirtschaft und Politik gelobt, doch von dort hören wir gleichzeitig ganz andere Töne. Unrealistisch, ja unverschämt seien die Forderungen der Armen des Südens nach Ende der Ausplünderung, nach fairen Preisen für Rohstoffe und Kaffee, nach gerechten Handelsbeziehungen.
Doch genau davon erzählt Jesus: daß die, die nichts haben, unverschämt fordern, hartnäckig an die Türen klopfen, Hilfe einklagen und nicht aufgeben. Und er hielte es für keine schlechte Idee, wenn wir uns anschließen. Darauf kann sich unser Beten und Tun richten. Als Gemeinde Jesu bitten wir um Gottes Geistkraft, damit wir durchdenken, was scheinbar unmöglich ist. Wir hören nicht auf, lästige Fragen zu stellen, wo unser Essen und unsere Kleidung herkommen und ob gerechte Löhne dafür gezahlt werden. Wir belästigen Gerichte, Konzerne, Regierungen, daß Gesetze geändert und Schutzbestimmungen eingehalten werden. Wir halten Friedensgebete.
Wenn wir so beten und tun, werden auch wir Teil dieses Netzwerkes der Armen, von dem Jesus erzählt. Wir werden Teil einer Gegengesellschaft, in der Menschen Recht widerfährt wie der hartnäckigen Witwe, in der Fremde als Freunde aufgenommen werden. Mit solchem Beten beginnt Gottes neuer Welt…

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