Augen auf!

Liebe Gemeinde,

wenn wir jemandem die „Augen öffnen“ wollen, dann haben wir uns meistens vorgenommen, ihn mit unangenehmen Dingen des Lebens zu konfrontieren. „Schau doch in den Spiegel“, belfert man sein Gegenüber an und hofft, das ihm endlich dabei das eitle Grinsen im Gesicht gefrieren möge. „Schau dich doch um“, zischt die Gemahlin in der Hoffnung, der ewig blinde Gatte möge endlich sehen und erkennen, was sie schon längst weiß.

Heute feiern wir das Pfingstfest, um dessen Inhalt und Sinn ausweislich einer Zeitungsnotiz kaum mehr als die Hälfte der Deutschen wissen. Mit Lesung der Ursprungsgeschichte haben wir uns an das Brausen des Geistes und dessen Feuerzeichen erinnern lassen. Und das Evangelium nach Johannes geht nun auf die Konsequenzen, die Wirkung der Geistesgabe, die Folgen der Geistesgegenwart Gottes in unserer Welt ein:

„Und wenn er (der Geist der Wahrheit) kommt, wird er (der Tröster) der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht.“

Kommen wir gleich zur Sache. Ohne Schnörkel und lange Umwege gehen wir mutig auf das böse theologische Wort zu, das mit dem Evangelium heute wieder auf die Kanzel gekommen ist: Sünde. Das ist Sünde, sagt Jesus, dass sie nicht an mich glauben. Wenn wir um diesen Satz, so anstößig, so überheblich, so wahr, so hart und dogmatisch er auch sein mag, einen Bogen machten, bliebe uns alles verschlossen, wovon das Evangelium spricht.

Das müssen wir also zuerst klären, in welchem Sinn Unglaube an Jesus Sünde sei. Zur Annäherung beginnen wir mit folgender Überlegung:

Woraufhin werden Menschen in unserer Zeit am meisten angesprochen? Überlegen Sie einmal, was auch sie selbst am meisten beschäftigt. Sind das diese Themen: Mein Geld, meine Familie, meine Gesundheit, meine Firma, mein Arbeitsplatz, mein nächster Urlaub usw.? Unsere Zeit leidet daran, dass zu viele Menschen in diesem Blick auf das je Ihre verfangen bleiben.

Und das also wäre Sünde, dass ich an mich denke? Nein, das hat niemand so gesagt.

Freudlosigkeit liegt über unserem Land, sagen viele der Beobachter. Eine undefinierbare Angst hält viele Menschen nieder, hört man sagen. Wir könnten die ganze Düsternis herbeizitieren, die über unserer Welt liegt, und versuchen, im Halbdunkel Konturen zu erkennen: Die Arbeitslosigkeit zusammen mit der Geldgier der Chefetagen. Den Verlust von Arbeitsplätzen und die gigantischen Börsengewinne weltweiter Aktiengesellschaften. Den Verfall der Familie, die Unlust, Kindern Leben zu schenken und die deutschen Rekorde im „Urlaub machen“.

Und wenn das ist richtig ist, oder sagen wir besser, wenn solche Beobachtungen einigermaßen zutreffen: Woher kommt diese Grundhaltung? Woher rührt dieser drückende Nebel? Ich biete Ihnen eine Deutung an: Unsere Welt, die sehr stark um materielle Werte kreist, ruft bestimmte Gefühlszustände widersprüchlicher Art hervor. Da ist einerseits das Glück, nicht hungern oder sonst wie darben zu müssen. Da ist aber auch das Verlangen nach immer neuen Genüssen, das uns innerlich dauernd unzufrieden macht. Da ist viel Reichtum in unserem Land zu dem sich die Angst gesellt, alles zu verlieren oder, schlimmer noch, alles verloren zu haben. Da ist die Freiheit der Demokratie, das Leben selber gestalten zu können. Da ist aber auch die enorme Angst vor jeder Veränderung. „Nichts ist unmöglich“ tönt die Werbung. Aber für alles, was möglich wäre, wollen wir sofort Richtlinien, Vorschriften, Kontrollen und vor allem eine Versicherung. Da ist die Vergötterung der Jugend aber da ist aber auch jedes Jahr mehr ein Jahr unserer Lebenszeit verbraucht.

Beständig werde ich auf mich selbst hin angesprochen und mit mir selbst befasst. Genuss wird zum Lebensziel. Nein, falsch, niemand will Ihnen Lebensfreude madig machen. Worauf ich hinaus will ist dies Einseitigkeit, in der wir uns und unsere Welt vielfach wahrnehmen. Diese so stark materielle Sicht des Lebens blendet aus, was auch zum Leben gehört, aber nicht mehr vorkommt oder auch nicht mehr vorkommen darf.

„Niemand von euch fragt mich „Wo gehst du hin““, klagt Jesus über die verzagten Jünger, die im Johannes-Evangelium auch als typisch für die Gemeinde dastehen. Sie stehen mit ihm vor dem Ende des irdischen Weges. Er wird sie verlassen, um für immer bei ihnen und uns bleiben zu können. Vielen Menschen, auch Menschen, die im Umkreis Jesu leben, ist es oft schwer, einen Zugang zur geistlichen Dimension des Lebens zu finden. Man hört den Satz, den ich gerade formulierte, man versteht ihn aber nicht mehr, weil er von geistlichen Dingen redet. Ist das der Unglaube?

Wenn Unglaube an Jesus Sünde ist, was bedeutet dann „Glaube an Jesus“? Darüber ließe sich nun ein dogmatischer Vortrag halten, was ich aber nicht tun möchte. Stattdessen biet ich Ihnen ein Bild an.

Stellen Sie sich vor, sie betreten einen großen Saal, über dessen Tür der alte Philosophenspruch steht: Erkenne dich selbst. In diesem Saal befinden sich eine Reihe Spiegel bisweilen magischer Art. Der Reihe nach treten wir davor. Im ersten sehen wir uns nur selbst. Mehr nicht. Wir kennen das und einen solchen Spiegel haben wir alle zuhause. Und wenn wir unser ganzes Leben dort stehen blieben, so würden wir doch nichts über uns erfahren. Im Märchen verwandelt sich dieser Spiegel, der uns nur uns selbst zeigt, zum Medium eifersüchtigen Hasses auf alles, was anders oder gar schöner ist, als ich es bin.

Gehen wir also lieber eine Station weiter. Nun blicken wir in den Spiegel über dem geschrieben steht: „So sehen dich die anderen“. Hätten Sie Mut, dahinein zu schauen? Ab und zu sollte man das tun. Doch wer sein Leben vor diesem Spiegel verbringt, ist nie richtig frei.

Ein paar Schritte weiter. Ein nochmals anderer Spiegel, ein nochmals anderes Bild von mir. Darunter steht geschrieben „Der, der ich bin, grüßt sehnsüchtig den, der ich sein möchte.“ Dieser Spiegel zeigt uns unser ideales Selbstbild. Als wir noch jünger waren, beklebten wir die Wände unserer Zimmer mit unseren Idolen, mit den Traumbildern unserer selbst. Wie lange werden wir es aushalten, dass wir dieses Bild nie erreichen?

Und wenn wir dann in den Spiegel schauen, unter dem steht: „Dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt worden bin“. Hier nun schaue ich in das mich segnende Antlitz Christi. Und wenn ich mich daraus empfange wie ich bin, wie er als der andere mich sieht, wie ich sein werde in seinem Reich, dann beginnt Glaube in mir.

Das ist es, was wir im Pfingstfest feiern, dass Christus als formende Kraft, als Wegweisung, als Urbild des neuen Menschen, als das lebendige Wort Gottes in dieser Welt geistesgegenwärtig in denen bleibt und bleiben wird, die an ihn glauben. Das ist uns zugesprochen. Dieser Glaube macht uns nicht zu Helden. Er macht uns hoffentlich auch nicht überheblich. Als Glaubende wissen wir, dass wir Werkzeug sind und nicht der Herr selbst.

Glaube an Christus macht uns frei: Frei für den Blick auf den Menschen neben mir. Und er macht mich frei für den Blick auf Gott, den Schöpfer dieser Welt. Er macht mich frei von allen falschen Bildern. Er macht so frei, dass ich mich ohne Vorbehalt in die Gemeinschaft der Glaubenden begeben kann.

Diese Verbindung zu Glaube und Kirche ist vielen Menschen entglitten. Und das ist es, was mit dem Wort „Sünde“ gemeint ist. Das ist kein Vorwurf an den, der nicht glaubt. Sünde ist das traurige Verhängnis unserer Welt, in ihrem Materialismus zu ersticken. Sünde ist der Verlust Gottes im Leben. Das ist unser eigentliches Leid, die Quelle der Angst und Düsternis.

Es wird hoffentlich deutlich, dass wir keinen Anlass haben, als vermeintlich Fromme mit dem Finger auf die unfromme Welt zu deuten und deren Sünde anzuprangern. Das kann nicht Aufgabe der Christen sein.

Unser Weg muss anders sein: Wie wäre es, wenn unsere Kirche zu einem Ort würde, aus dem Lebensmut und Hoffnung so reichlich sprudelte, dass wir jeden Sonntag Sorge hätten, die Plätze würden nicht reichen? Ein schöner Traum?

Wäre es nicht gut für unsere Welt, wenn wir in der Kirche als erste mutig in die Zukunft aufbrechen würden, ohne Verlustangst, ohne Angst davor, alles nur falsch zu machen. Weil wir darauf fest vertrauen, was Christus uns zugesprochen hat: Der Geist der Wahrheit wird kommen und uns in alle Wahrheit leiten.

„Der Fürst dieser Welt ist gerichtet“, heißt es im Evangelium. In der Auferstehung ist der Tod besiegt. Der Horizont, unter dem wir als Christen leben dürfen, ist der Himmel, in dessen Höhe Christus wohnt als uns zugewandte, uns geschenkte Liebe Gottes. Weil wir Christus im Regiment wissen, können wir als Christen mutig aufstehen gegen Tyrannen, Unrecht und vor allem gegen geistlose Dummheit.

Na, Sie schauen alle so skeptisch. So viel trauen Sie sich nicht zu? Lassen wir uns doch einfach das zusprechen, was im Buch des Propheten Joel (3,1) steht: „Ich will meinen Geist ausgießen, spricht der Herr, über alles Fleisch, und eure Söhne und Töchter sollen weissagen, eure Alten sollen Träume haben und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen. Wenn Gott uns die Augen öffnet, dann nicht, um uns zu beschämen. Er öffnet unsere Augen dass wir das wahre Leben sehen. Wie heißt es doch bei Paulus: Wach auf, der du schläfst, und steh auf von den Toten, so wird dich Christus erleuchten (Eph 5,14)

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