Lob aus Kinderherzen

Kantate Mt 21,14-17 Manfred Lehnert 22.5.2011 Flachslanden Silberne Konfirmation

Liebe Silberne Konfirmanden und Konfirmandinnen, liebe Gemeinde,

Am 23. März 1986 sind Sie vor fünfundzwanzig Jahren in der St. Laurentius-Kirche in Flachslanden von Pfarrer Berendes konfirmiert worden!

25 Jahre in denen viel passiert ist. Natürlich haben Sie ganz unterschiedliche Lebenserfahrungen gemacht. Sie haben geheiratet oder einen Partner gefunden. Sie haben Kinder bekommen. Sie haben eine Ausbildung durchlaufen und Arbeit gefunden. Mancher unter Ihnen hat auch hier und da schwere Zeiten durchgemacht, Sie sind vielleicht auch arbeitslos geworden. Ich weiß von Menschen unter Ihnen, denen die Ehe und die Familie genommen wurden. Andere haben andere Niederlagen einstecken müssen.
Und es gibt natürlich auch die Erfolgsgeschichte. Ich glaube, die gibt es auch bei jedem und jeder von Ihnen, dass Ihnen etwas gelungen ist, dass Sie beruflich weitergekommen sind, erfolgreich, anerkannt sind, dass aus Ihnen etwas geworden ist, worauf Sie ruhig ein bisschen stolz sein dürfen.

Jeder hat seine je eigene Lebensgeschichte, die Erfolg und Niederlagen miteinschließen.

Unser Predigttext für den Sonntag Kantate will einen Blick werfen auf Ihre Lebensgeschichte. Es hat mit Ihrer und unser aller Glaubensgeschichte zu tun und deshalb, so meine ich, ist er für sie und alle anderen Gottesdienstbesucher sehr, sehr passend.

[14] Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel und er heilte sie. [15] Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich [16] und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus antwortete ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3):

»Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«? [17] Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht." Mt 21,14-17

Ich stelle uns zunächst die Personen vor, die in dieser Glaubensgeschichte vorkommen: Da sind Blinde und Lahme, da sind Kinder, da sind die Hohenpriester und Schriftgelehrten und natürlich Jesus. Die Glaubensgeschichte spielt sich im Tempel zu Jerusalem ab. Jeder kann sich überlegen, zu welcher Gruppe er oder sie wohl gerade gehört.

Fangen wir mit den Hohenpriestern und Schriftgelehrten an. Das sind natürlich die Typen, mit denen wir uns nicht so gerne identifizieren. Das sind doch die, die letztlich dafür sorgen, dass dieser Jesus beseitigt wird. Für die stört dieser Jesus doch nur. Nein, diese Hohenpriestern und Schriftgelehrten, das sind außerdem theologisch gebildete Leute, das sind wir nicht.
Wirklich nicht? Einer von Euch Silbernen Konfirmanden ist ja Pfarrer geworden… Aber nicht in der theologischen Ausbildung gleichen uns diese Hohenpriester und Schriftgelehrten; sie gleichen uns zu mindestens manchmal in anderer Hinsicht, in ihrer Glaubensgeschichte:
Es sind hoch angesehene Leute, Leute, die es zu etwas gebracht haben im Leben, Hohepriester gibt es nur zwei im Amt, Schriftgelehrte, das sind die damaligen Studierten. Es sind die erfolgreichen Leute der damaligen Gesellschaft: Familie, Ehe, Beruf, alles Bestens, gutsituiert durch die Tempelsteuer. Und auch ihre Glaubensgeschichte ist vorzeigbar, anerkennenswert.

Schauen wir uns die nächste Menschengruppierung an, die in dieser Glaubensgeschichte eine Rolle spielt: die Gelähmten und Blinden. „Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel und er heilte sie.“ heißt es lapidar. Es dürfte schon klar sein, dass Blinde und Lahme nicht unbedingt zu den Erfolgreichen der damaligen Zeit gehörten. Es waren die Loser, die Menschen, die etwas verloren hatten: ihre Sehkraft, ihre Gehfähigkeit. Sie haben ihr Leben nicht mehr selber im Griff, andere Menschen müssen sie führen. Und sie lassen sich zu Jesus führen, mitten im großen Vorhof des Tempels. Das Geschrei der Händler, als Jesus kurz zuvor die Tische der Geldwechsler und Händler umgeworfen hat, hat sie nicht beirrt. Sie haben sich zu diesem Jesus bringen lassen, gelähmt und blind wie sie sind. Vielleicht war Jesus ihre letzte Hoffnung. Und was macht Jesus? Er heilt sie. Es wird nicht berichtet wie, auf einmal können sie sehen und laufen.

Und das sehen die Kinder, die dritte Menschengruppe in der Glaubensgeschichte. Sie sehen das Wunder, dass da einer blind war und wieder sehen kann. Sie sehen das Wunder, dass da einer gelähmt war und wieder laufen kann. „Unglaublich! Juhu! Toll! Toll hat das Jesus gemacht! Hosianna dem Sohne Davids!“ Ob sie verstanden haben, was Hosianna bedeutet, was Sohn David? Ich glaube nicht, es sind Kinder, unmündige Kinder. Als Kinder haben sie gejauchzt, gejubelt, vor Freude sind sie herumgesprungen, haben herumgeschrien im Tempel ohne dabei zu denken, dass man doch so etwas nicht im Tempel macht.

Wo finden Sie sich wieder? Vielleicht in den Kindern. Jeder von uns war einmal ein solches kleines Kind, das mit großen Kinderaugen die Welt wahrnimmt. Und nicht wahr, manchmal möchten wir wieder wie ein Kind sein, die Welt mit den Augen eines Kindes wahrnehmen. Sich keine Gedanken darüber machen, was die anderen über mich denken, wie ich im Leben vorankomme, erfolgreich bleibe, Niederlagen einstecke. Ach, einmal all das Erwachsensein wegschieben und einfach nur Kind sein. Jesus ermutigt uns dazu, einfach nur Kind zu sein. In einer anderen Situation, als Eltern ihre Kinder zu Jesus bringen und sie in den Augen der Jünger stören, sagt Jesus: Mk 10,14f

Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes.15 Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.

Es ist für unsere Glaubensgeschichte unendlich hilfreich, zu mindestens in bestimmten Situationen einfach nur Kind zu sein, kindlich Gott zu vertrauen, mit den Augen eines Kindes die Welt zu bestaunen. Wir sind als Erwachsene oft viel zu verkopft und gehen blind durch die Welt, was die Wunder in unserem Leben angeht. Kinder sehen das Wunder einer Heilung. Kinder staunen darüber. Kinder nehmen wahr, dass da etwas geschieht, was über ihren Horizont geht, was aber auf jeden Fall ganz toll und so richtig begeisternd ist. Kinder lassen sich vom Leben begeistern, von Lebensfreude erfüllen, und wenn sie traurig sind, auch trösten. Von Kindern, auch von den eigenen Kindern können wir ganz viel lernen, wie wir als Kinder Gottes dem himmlischen Vater im Leben kindlich vertrauen können. Und je länger ich studierter Pfarrer bin, desto mehr spüre und erlebe ich es, dass es eigentlich nicht darauf ankommt, sich ganz viel Bibelwissen anzuhäufen, sondern in den entscheidenden Augenblicken unseres Lebens kindlich zu vertrauen, dass Gott schon einen Weg für seine Kinder weiß.

Natürlich läuft es im Leben nicht immer so wie wir es gerne möchten und erträumen. Das wissen Sie als Silberne Konfirmanden nur zu gut. Es läuft im Leben manches anders als man als junger Konfirmand geträumt hatte. Scheitern und Niederlagen inklusive. Mir hat neulich jemand, der es gut meinte, zu mir gesagt: „Ich wünsche dir, dass dir auf deiner neuen Stelle all deine Wünsche und Träume in Erfüllung gehen!“ Ich habe erschrocken abgewunken: Nein, das will ich nicht, dass alle meine Wünsche und Träume dort in Erfüllung gehen. Wer weiß, ob es gut für mich wäre. Ich will auch offen sein für die Erfahrungen, die ich mir nicht wünschen würde. Auch offen für Niederlagen, Sackgassen und Enttäuschungen. Denn gerade dann wenn wir wie in dieser alten Glaubensgeschichte blind und lahm sind, finden wir vielleicht zu Jesus Christus. Wären die Lahmen und Blinden zu Jesus gegangen, wenn sie nicht lahm und blind gewesen wären? Ich weiß es nicht. Jedenfalls hat ihre missliche Lage sie dazu gebracht, dass sie von sich aus zu Jesus in den Tempel gegangen sind. Keiner wünscht sich wohl blind und lahm zu sein. Keiner möchte irgendwie im Leben eingeschränkt und behindert sein. Aber unsere Gebrechen und Niederlagen, sie haben eines gut: Sie können uns zu Jesus bringen. Er kann heil machen, was in uns zerbrochen ist.

Kommen wir zuletzt noch einmal zu den Hohenpriestern und Schriftgelehrte, den erfolgreichen, angesehenen Menschen in dieser Glaubensgeschichte. Ich halte sie für die eigentlich Blinden und Lahmen in dieser Geschichte. Sie sind blind für das Wunder, das unmittelbar vor ihnen geschieht: Was nicht sein darf, kann nicht sein! Sie sind auch diejenigen, die Jesus am Ende einfach stehen lässt: „Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien…“

Sie bleiben stehen. Auch im übertragenen Sinn: Sie bleiben auf ihrem Standpunkt stehen: Was nicht sein darf, kann nicht sein! Das gehört sich nicht, dieses Kindergeschrei im Tempel! Überhaupt, wo kämen wir da hin, wenn alle in den Tempel kommen, um von diesem Jesus geheilt zu werden.
Ich sehe sie vor mir: Sie stehen mit Händen an den Hüften, empört, sie bleiben stehen. Sie haben ganz viel erlebt und wahrgenommen: Da ist Bewegung gewesen: Blinde und Lahme haben sich bewegt und sich zu Jesus gekommen. Kinder haben sich bewegt, haben auf das Wunder hin gelacht und getanzt und vor Begeisterung geschrien. Und bei den Schriftgelehrten erlebe ich Stillstand. Das gibt es auch in einer Glaubensgeschichte: Stillstand. Die alten Standpunkte von eh und je. Womöglich hat sich seit der Konfirmation im Denken und Glauben nichts geändert. Ich werde doch nicht meine Meinung ändern über diese Kirche! Ich werde doch nicht anfangen, mit 40 Jahren öfters in die Kirche zu gehen! Ich werde doch nicht anfangen, mich auf Jesus zu zu bewegen!
Stillstand kann tödlich sein. Im Beruf, in der Familie, in der Ehe, auch im Glauben. Durch Stillstand kann ich das Entscheidende in meinem Leben verpassen. Jedenfalls lässt Jesus sie stehen.
Ich habe aus der Stillstandsglaubensgeschichte der Schriftgelehrten eines gelernt: Es ist gut, wenn man seine Standpunkte im Leben hat, aber noch besser ist es, wenn man seine Standpunkte immer wieder überprüft, aktualisiert und gegebenenfalls bewegt. Ich habe großen Respekt vor Menschen, die ihren Standpunkt verändern, weil sie gemerkt haben, das was sie vorher gedacht haben, ist haltlos geworden. Angela Merkel ist da ein Beispiel in der Atomfrage. Auch in Glaubensfragen sind wir gut beraten, immer wieder neu unseren Glaubensstandpunkt zu überprüfen und dann gegebenenfalls, wenn wir merken, dass wir uns mit unserem Standpunkt von Jesus entfernen würden, unseren Standpunkt verändern. Die Alternative wäre, dass wir unser Leben samt Standpunkt unverändert leben und Jesus uns dann halt stehen lässt.

Wo finden wir uns wieder? Sind wir in unserer Einstellung wie diese Schriftgelehrten, sollten wir unseren Standpunkt schleunigst verändern.

Sind wir die Blinden und Lahmen in der Geschichte in einer eingeschränkten Lebenssituation, dürfen wir wissen: Wir dürfen jederzeit zu Jesus kommen mit all unseren Mängeln, Einschränkungen, Behinderungen, Verletzungen, selbst Schuld.

Am schönsten ist es, wenn Sie, wenn wir, Kinder sein dürfen, wenn wir es spüren und wahrnehmen, dass wir in dieser Welt Gottes geliebte Kinder sind.
Nehmen wir diese Welt staunend mit Kinderaugen wahr.
Lernen wir es von unseren Kindern und Kindeskindern, voller Vertrauen kindlich Gott zu vertrauen.

Das spontane Lob wie aus deinem Kinderherzen, das ist es, was sich Gott für unsere Glaubens- und Lebensgeschichte wünscht und dass wir immer in Bewegung bleiben als Glaubende und Lebende. Amen

drucken