Der Service Gottes

Ich nehme zum Text um des Zusammenhangs willen die Verse 12 und 13 hinzu:

12 Und Jesus ging in den Tempel hinein und trieb heraus alle Verkäufer und Käufer im Tempel und stieß die Tische der Geldwechsler um und die Stände der Taubenhändler
13 und sprach zu ihnen: Es steht geschrieben (Jesaja 56,7): »Mein Haus soll ein Bethaus heißen«; ihr aber macht eine Räuberhöhle daraus.
14 Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel und er heilte sie.
15 Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich
16 und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus antwortete ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«?
17 Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht.

Liebe Gemeinde,

„Die beiden Theologen, die Montag nachmittags in der gotischen Klosterkirche nebeneinander im Mittelschiff sitzen, planen gemeinsam eine kirchenpädagogische Übung. Sie sind in ein intensives Fachgespräch vertieft, das stellenweise laut und engagiert geführt wird. Von beiden unbemerkt sind zwei Besucherinnen durch die geöffnete Tür in die Kirche gekommen – eine junge Frau mit ihrer etwa fünfjährigen Tochter. Sie stehen eine Zeit lang am Eingang und lassen den Raum auf sich wirken. Dann gehen sie langsam und wortlos, fast andächtig nach vorne. Sie verweilen einige Minuten vor einem Seitenaltar und betrachten dann eingehend das Triumphkreuz hoch über dem Chorgestühl. Die Mutter beugt sich zu ihrer Tochter herunter und flüstert ihr einige erklärende Sätze zu, während sie mit dem rechten Arm auf einige Details zeigt. Als sie sich kurz darauf wieder zum Ausgang wenden und auf dem langen Mittelgang an den beiden noch immer heftig diskutierenden Pastoren vorbeikommen, legt das kleine Mädchen den Zeigefinger der rechten Hand auf die Lippen und bringt mit ernster Miene ein ,Pssst!‘ hervor … Für das kleine Mädchen steht zweifelsfrei fest, dass man sich in einer Kirche nicht einfach in beliebiger Weise verhalten kann. Sie empfindet lautes Sprechen als ein dem Raum unangemessenes Benehmen.“ (Wolfgang Ratzmann, GPM 1/2005, Heft 2, S.252)

Was Kinder so alles richtig empfinden, bevor wir Eltern und Erwachsene sie durch unser schlechtes Vorbild das Falsche lehren. Dass man aus einem Bethaus keine Räuberhöhle macht, gehört dazu. Freilich würden wir Erwachsenen heute das, was Jesus im Tempel vorfand, nicht Räuberhöhle nennen, sondern Servicebereich. Der ist heute in manchen Kirchenvorräumen schon so üppig ausgestattet, dass man zum Betrachten der dort ausgelegten Waren und Verteilschriften länger brauchen würde, als der Gottesdienst dauert. Was wird und was soll heute nicht alles in Kirchen und Gottesdiensten veranstaltet werden und wir vertreiben die Reste des eigenen Zweifels nur zu gerne mit dem Gedanken, dass das ja alles guten Zwecken dient. Der gute Zweck heiligt die Mittel. Aber nicht im Tempel und nicht in der Kirche. Denn hier gilt: Heilig ist nur, was zu Gott gehört. Hier heiligt nur Gott und sein Wort, was immer geschieht und veranstaltet wird.

„Ein Gotteshaus, so schreibt Martin Luther, ist nichts anderes, als der Ort, an dem Gottes Wort laut wird, und an dem er sich daraufhin gnädig einstellt. Er wohnt, wo sein Wort ist. Es sei auf dem Feld, in der Kirche oder auf dem Meer. Wiederum, wo sein Wort nicht ist, da wohnt er nicht, ist auch sein Haus nicht da, sondern dort wohnt der Teufel, wenn’s auch gleich eine goldene Kirche wäre, von allen Bischöfen gesegnet.“ (zitiert nach Ratzmann a.a.O., S. 256) Dennoch hat Martin Luther den Kirchenraum hochgeschätzt. Denn er ist dazu da und nur dazu da, „dass nichts anderes darin geschehe, denn dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein Wort, und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang.“ (a.a.O)

Kein Servicebereich. Denn es ist nach Jesu Meinung ja nicht die Aufgabe des Tempels und des Gottesdienstes, dass Menschen dort etwas für sie Passendes finden und sich wohlfühlen. Es ist die Aufgabe des Gotteshauses und des Gottesdienstes, dass Menschen an Leib und Seele gesund werden! Und dazu müssen diese Menschen nicht unbedingt mit tollen Leuten in einer tollen Kirche zusammenkommen, sondern sie müssen im Tempel vor allem und zuerst mit dem zusammenkommen, der sie gesund machen kann. Nein, nicht mit dem Pfarrer. Gott heilt. Der Christus heilt. Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel und er heilte sie. Wir dürfen wissen, zu wem wir gehen, wenn wir zur Kirche gehen. Und wir dürfen wissen, wen wir feiern, wenn wir Gottesdienst feiern. Es ist der Sohn Davids, der kommt im Namen des Herrn.

Wir erleben dort im Tempel nicht den geschniegelten und wohl trainierten Kinderchor, wie er gerührten Vätern und Müttern auch in der Kirche so viel Freude macht. Mir fielen eher die „Blues Brothers“ ein, die unterwegs sind im Auftrag des Herrn mit sehr, wirklich sehr lauter Musik und viel Geschrei. Mir fielen eher die Trompeter von Jericho ein, die eine Spur der Verwüstung hinter sich herziehen. Aber das Bahnbrechende dieses Tempelkonzerts ist nicht die Lautstärke und der schiefe Ton. Es ist die Botschaft, die zur Entrüstung der Hohenpriester und Schriftgelehrten führt.

Und wir sehen daran, dass auch in der Kirche nun wirklich nicht der Ton die Musik macht, sondern die Botschaft; nicht die Moral, sondern die Wahrheit, nicht die Kleriker, sondern der Christus und sein Wort und Sakrament. Es ist doch ein Elend, wenn in der Kirche nicht mehr zugehört wird, wenn irgendjemand sich durch das Gehörte auf den Schlips getreten fühlt. Wer braucht denn eine Kirche, die nur noch nett und harmlos ist? Jesus ist angeeckt, weil er die Botschaft dieses Katastrophen-Kinderchores ein Lob Gottes nennt. Das Lob Gottes sagt der verlorenen Welt ihren Retter und Erlöser an. Das gefällt nun einmal nicht allen. Es kommt zur Entrüstung. Gar nicht nett, wie der Christus daraufhin die geistlichen Würdenträger einfach stehen lässt.

Aber so ist das nun einmal mit dem Evangelium und mit Jesus, dem Christus. An ihm und seinem Wort scheiden sich die Geister. Das muss man so stehen lassen. Aber der Entrüstung auf der einen Seite, steht der Kinderchor gegenüber, der spontan, völlig ungeübt und formlos ins Gotteslob ausbricht, als wäre es gerade erst in ihn hineingefahren. Das Lob Gottes ist die einzig angemessene Reaktion auf das Kommen des Messias. Nein, in der Kirche muss man nicht richtig singen können, aber gemeinsam. Und die Orgel ist ja auch noch da.

Als angehender Pfarrer hatte ich eine meiner ersten Abendmahlsfeiern vor einer wirklich kleinen Gemeinde zu halten. Ich sang das Lobgebet vorne am Altar, wo es heißt: „… darum loben die Engel deine Herrlichkeit, beten dich an die Mächte und fürchten dich alle Gewalten. Dich preisen die Kräfte des Himmels mit einhelligem Jubel. Mit ihnen vereinen auch wir unsere Stimmen und lobsingen ohne Ende.“ Und dann stimmte der Organist das „Dreimal Heilig“ an, wohl mit Rücksicht auf die kleine sangesschwache Gemeinde, so leise er nur konnte. Ich fragte ihn hinterher, ob er sich so die Kräfte des Himmels vorstelle und den Lobgesang der Engel. Wer bitte wolle denn noch in den Himmel kommen, wenn dort so mickrig musiziert und gesungen werden würde. Das Kantorenamt sei kein Serviceamt für die Gemeinde, sondern ein geistliches Amt: Auf den Tasten unterwegs im Auftrag des Herrn. Beim nächsten Mal zog der brave Organist beim „Dreimal Heilig“ alle verfügbaren Register.

Mit dem „Psst“ eines kleinen Mädchens haben wir angefangen und beim „Dreimal Heilig“, wohlgemerkt mit allen verfügbaren Registern gespielt, sind wir gelandet. Dazwischen hat im Gottesdienst Gottes Wort getan, was es nur selbst tun konnte. Das „Psst“ des kleinen Mädchens und der handfeste Protest des Christus im Tempel schafft ihm Raum. Nicht unser Service ist gefragt, sondern der Service Gottes. Damit wir schließlich von Herzen einstimmen in den großen Lobgesang im Himmel und auf Erden.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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