Über Nacht

Predigt zum 22.5.2011, Carsten Sauerberg (Pastor, ev. Heiligenhafen)

Mt. 21, 14-17 14 Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel und er heilte sie.
15 Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich
16 und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus antwortete ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«?
17 Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht.

Liebe Gemeinde;

Ordnung muss sein! Das sagt der Hausmeister. – Ich bin dann mal weg, sagt Jesus.
Was war denn los? Warum die Entrüstung? Was war denn so in Unordnung geraten im Tempel? Oh, da geschah Wunderbares. Oh, da kam zu Blinden das Licht der welt. Oh, da wurde Lahmen auf die Beine geholfen. Oh, da wagten es, einfältige, schlichte, kindliche Gemüter „Halleluja“ zu rufen. Oh, da war die Stille gestört und die heilige Ordnung und die Würde des Hauses in Gefahr. Statt einem schönen Tedeum mit gesenktem Blick und gefalteten Händen ein kleines Pfingsten voller Jubel und Bewegung. Stopp: Ordnung muss sein! Meint ihr? Ich bin da mal weg. Und er ließ sie stehen und ging nach Bethanien und blieb dort über Nacht.

Nur – liebe Gemeinde: das wir nicht zu schnell Partei ergreifen und uns die Ordnungsliebenden, die Pharisäer, zu unseren Sündenböcken machen. Ja, so, wie die, so sind wir ja nicht. Gott sei Dank nicht. Wir sind ja die Guten. Wegen uns müsste er ja nicht gehen über Nacht.

Er blieb dort über Nacht.
Und was tun wir während der Nacht? Ich lade Sie ein, liebe Hörer, zu einer Nachtwanderung mit Hölderlin. Ja, mit Hölderlin, diesem seltsamen Dichter Deutscher Romantik, der Pfarrer werden sollte und das nicht konnte, weil er das Gefühl hatte, jetzt sei das der falsche Beruf, jetzt sei Nacht, und die Nacht der Welt braucht eher Dichter als Pfarrer.
Nacht ist es, weil Gott gegangen ist. Einfach gegangen. Nein, Gott ist nicht tot, nicht abgeschafft, nur gegangen, über Nacht gegangen. Sein stiller Genius, so nennt Hölderlin Jesus Christus, hat uns schlicht allein gelassen. Nicht um uns zu strafen, nicht um uns zu quälen, sondern um uns zur Besinnung kommen zu lassen.
Das haben wir auch nötig, weil wir völlig mit Zählen, rechnen, messen, bewerten beschäftigt sind. Ordnung schaffen überall, alles schön exakt und präzise und schön im Griff haben. Gefühle bleiben draußen vor, Unbestimmtes hat keinen Platz mehr. Aus der Nacht wird die Zeit zwischen Sonnenuntergang und Aufgang, aus dem Tag die Zeit zwischen Sonnenaufgang und Untergang, aus der Zeit wird ein Gleichmass in Arbeitswerte, die man wiederum schön ordentlich in Geldwert ausdrücken kann. Zeit ist Geld, kein Zauber, keine Stille, kein Himmel mehr, Himmel ist Sauerstoff und Co2, Erde ist Stickstoff und Kohlenstoff, Liebe ist Hormonüberschuß im Körper, Zorn ist zuviel Adrenalin, Speise ist nicht Himmelsgabe, sondern bloß produzierte Nahrung, auszumessen in Kalorien und Kohlehydraten usw.
Und Religion, wenn man sie nicht ganz abtut, ist Begründung eines Wertefundamentes, ist Verfassen von Papieren, schönen ordentlichen Hirtenbriefen, Mahnworten oder Denkschriften, feierlich gegebenes Gutmenschentum auf Umweltschutzpapier. Alles schön in Ordnung, alles schön im Griff und erklärt oder bewertet. Ordnung muss sein, sagt nicht nur der Hausmeister, sondern der Mensch. Es ist Nacht, sagt Hölderlin. Allein gelassen. Er ist dann mal weg. Der stille Genius Jesus Christus ist gegangen, nur er hat uns etwas hinterlassen, als kleine, unvergessliche Erinnerung, als Denkanstoss: Brot und Wein. Als Zeichen dafür, dass Essen und Trinken und das überhaupt alles mehr ist, als unsere Ordnung, das Brot Leben ist, Wein Festfreude, das Himmel mehr ist als Luft, Licht mehr ist als Photonen, Liebe mehr ist als Hormonauschüttung, Glück mehr ist als Geld, Zeit mehr ist als Arbeitswert auf der Rechnung des Handwerkers, Religion mehr ist als das Nein zur Atomkraft. Ja, ich Mensch mehr bin als funktionierender Organismus.

Haben wir uns besonnen? Ist der Tag im Osten sichtbar? Kommt er bald zurück? Ist unsere Nachtwanderung vorbei? Oder muss immer noch Ordnung sein um jeden Preis und auf jeden Fall?
Ich weiß es nicht. Sehen wir auf die Unmündigen, auf die Kinder. Wie sie ihr Halleluja rufen, indem sie die Pusteblume leer pusten und sich vorstellen, damit Sterne auf den Weg zu schicken. Wie sie die Sonne malen mit Gesicht und damit verstehen und erfühlen, dass sie nicht nur scheint, sondern lacht. Oder seht ihr Hosianna, wenn sie die Zeit vergessen im Spiel, ja sogar sich selbst vergessen, wenn sie im Piratenkostüm oder Feenkleid mit ihrem Gewande eins werden.

Der Morgen wir dann dämmern, wenn wir Sehnsucht haben danach, dass er uns wieder die Augen öffnet für die ganze Welt, nicht bloß für die präzise und messbare und bewertbare Welt. Wenn wir Sehnsucht haben danach, dass er uns auf die Beine hilft, auch die Wege des Fühlens statt nur die des Vernünftigseins zu erkunden, auch die krummen und schiefen Wege der Seele, nicht bloß die geraden und ordentlichen Strassen des Verstandes. Dann haben wir ausgeschlafen. Dann soll der Vogel wieder singen, der alte Baum darf uns dann wieder etwas sagen, der Wind wieder flüstern, die Bäche dürfen wieder murmeln, der Mitmensch darf dann wieder lachen oder weinen, statt nur zu funktionieren- und Hölderlins stiller Genius, wie er Jesus nennt ist wieder da.

—Ihr guten Götter! Arm ist, wer Euch nicht kennt/Im rohen Busen ruhet der Zwist ihm nie/Und Nacht ist ihm die Welt, und keine/Freude gedeihet und kein Gesang ihm.
Nur ihr, mit eurer ewigen Jugend, nährt/In Herzen, die euch lieben, den Kindersinn,/Und lasst in Sorgen und in Irren/Nimmer den stillen Genius sich vertrauern. —-So sagt es Hölderlin selbst in seinem Gedicht „Die Götter“.

Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel und er heilte sie. So sagt es uns Matthäus.
Und dieses Mal entrüsten wir uns nicht, nicht wahr? Dieses Mal muss er nicht wieder über Nacht gehen.

Amen

Anmerkung: Gedanken zur Theologie Hölderlins verdanke ich dem Buch des Philosophen Wolfgang Janke; „Kritik der präzisierten Welt“, der darin Hölderlins Elegie „Brot und Wein“ interpretiert.

drucken