Es ist alles schon da

Liebe Gemeinde, liebe Freunde, liebe Gäste,

worum geht es? Der Text hört sich ja ziemlich kompliziert an.

Es geht um Sehen und Nichtsehen. Um Abschied und Wiedersehen und die Zeit dazwischen. Eine „kleine Weile“. Und es geht um Freude – ja und das muss dann wohl der Zusammenhang zum heutigen Sonntag Jubilate sein…

Aber fangen wir von hinten an. Der letzte Satz des Predigttextes lautet: An dem Tag werdet ihr mich nichts fragen.
Das ist eine schöne Aussicht. Es kommt ein Tag, an dem sich alle Fragen erübrigt haben, weil wir endlich alles verstehen. Es kommt ein Tag, da gibt es weder ratlose Prediger noch zweifelnde Gläubige. Da bleibt kein Auge trocken, so sehr werden wir lachen und uns freuen, weil endlich alles klar ist, geklärt ist. Da erübrigt sich jede Frage, weil jede Antwort auf der Hand liegt. Und vielleicht werden wir so überwältigt sein, das es uns die Sprache verschlägt und wir nur noch singen können, ein Lied nach dem anderen. Dieser Tag wird kommen. Das hat Jesus seinen Jüngern versprochen, so steht es im Text.

Es ist wie nach der langen Schwangerschaft, nach den schmerzhaften Wehen und der alle Kräfte aufzehrenden Geburt erblickt ein neues Leben das Licht der Welt. Der Anblick eines Neugeborenen macht alles vorher Durchgestandene vergessen.

Gehen wir jetzt zum ersten Vers des Predigttextes. Jesus spricht zu seinen Freunden, seinen Jüngern. Er spricht in Bildern und eben auch ein bisschen in Rätseln: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen.

Das versteht niemand. Jedenfalls nicht, wenn er nicht im Nachhinein weiß, was mit Jesus geschehen wird. Dass er noch wenige Tage mit seinen Jüngern zusammen ist – eine „kleine Weile“ – und dann stirbt. Und nicht mehr zu sehen ist, im Grab liegt, tot ist. Und dass er dann nach einer weiteren „kleinen Weile“ – drei Tage dauert sie – sich doch wieder sehen lässt. Auferstanden, auferweckt, sichtbar. Und für Thomas, den Zweifler, sogar begreifbar.

Damit haben wir den Text nun gut verstanden. Er spricht von den Ereignissen um die Passion und die Auferstehung Jesu. Eigentlich alles klar.

Aber wir sind doch noch ein wenig unzufrieden. Was hat das ganze nun mit uns zu tun? Geht es tatsächlich nur um eine Vorankündigung von Ereignissen, die die Jünger nicht verstehen konnten, da ja niemand mit den Dingen gerechnet hatte, die dann passiert sind? Weder den Tod Jesu, noch seine Auferstehung hatte ja irgendeiner seiner Freunde auf der Tagesordnung!

Es gibt da im Predigttext ein Detail, das wie ein Verbindungstück zu einer zweiten Auslegungsrunde anecken lässt. Ich lese den zweiten Vers: Da sprachen einige seiner Jünger untereinander: Was bedeutet das, was er zu uns sagt: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen; und: Ich gehe zum Vater?

„…und ich gehe zum Vater.“ Das passt doch jetzt gar nicht in die beiden „kleinen Weilen“ hinein. Bis zum Tod am Kreuz die erste. Und bis zum Ostermorgen die zweite. „Ich gehe zum Vater“ – da denken wir, die wir wissen, wie die Geschichte weitergeht, doch eher an Himmelfahrt.

Aber der Evangelist Johannes schildert gar keine Himmelfahrt Jesu. Er hat das „Nach-Hause-Gehen“ des auferstandenen Jesus geschickt im Hintergrund gelassen. Maria, die Frau, die ihren Meister als erste am Ostermorgen wiedersieht, darf ihn nicht berühren, da er, wie es heißt, noch nicht aufgefahren ist zum Vater. Thomas, der Zweifler, wird hingegen ausdrücklich aufgefordert, seine Finger in die Wunden des Auferstanden zu legen. Das geschieht acht Tage später. Und er bekommt gesagt: Selig, wer nicht sieht und doch glaubt.

Jesus ist also jetzt schon beim Vater und lässt sich nur um eines Zweiflers willen noch einmal unter seinen Freunden sehen.
Aber eigentlich, so schärft er ihnen ein, ist es viel besser und angemessener, nicht sehen zu wollen. Eigentlich ist es besser, auch ohne Jesus zu sehen, an den Auferstandenen zu glauben, der jetzt beim Vater ist.

Damit ist es nun nur noch ein kleiner Schritt bis zu uns. Seinen Freunden von heute. Seiner Gemeinde. Seiner Kirche.
Plötzlich sehen wir die beiden „kleinen Weilen“ noch in einem anderen Zusammenhang… Wie lautete der erste Vers unseres Textes:
Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen.
War der Abschied vielleicht noch ganz anders gemeint?

Sind hier vielleicht alle angesprochen, die nach dem zweifelnden Thomas an Jesus glauben, ohne ihn zu sehen, ohne ihn zu begreifen? Die Gemeinde des Johannes, Anfang des 2. Jahrhunderts z. B., für die er sein Evangelium schrieb?
Wartet die christliche Kirche nicht von Anfang an auf den Freudentag, an dem Jesus wiederkommen wird und keine Fragen mehr offenbleiben?
Und war die junge Kirche – und auch die Gemeinde des Johannes – nicht der festen Überzeugung, dass es nicht lange dauern würde, bis dieser letzte Tag kommt? "Eine kleine Weile…“. Vielleicht erleben wir es noch?

Lebten nicht immer wieder durch die letzten Jahrhunderte Bewegungen auf, die einen Termin errechneten und auf den Jubel-Tag zu lebten wie auf eine Geburtstermin? Die Hab und Gut verkauften, weil ja demnächst die „kleine Weile“ vorüber wäre und es dann nur noch etwas zu singen gäbe…?

Und nun ist aus der „kleinen Weile“ eine „große Weile“ geworden. Und manchmal sogar schon eine „Lange-Weile“…

„Gut‘ Ding will Weile haben…“ – auch das ist wahr, aber könnte dieser so schön angekündigte Tag, an dem alle Fragen ein Ende haben, nicht doch bald kommen? Wir haben so viele Fragen. Und jede Antwort gebiert nur wieder eine neue Frage. Und für viele Probleme haben wir keine Lösungen. Und wirkliche Freude will nur schwer aufkommen. Denn unsere Traurigkeiten haben gute Gründe. Und die Freunde des Auferstanden haben es in unseren Breiten nicht leicht, den Freundeskreis zu erweitern.

Wir könnten nun schnell auf den Gedanken kommen, das Bild von der Schwangerschaft auf uns zu beziehen, auf uns selbst, auf die Gemeinde, die Kirche. Die durchleide so allerhand Wehen, ginge lange schwer unter ihrer Bürde, aber die Geburt wird kommen und mit ihr die Entlastung und die Freude über das neue Leben.

Aber so ist das Bild beim Evangelisten Johannes gar nicht gemeint. Jesus spricht hier von sich selbst. Die Leidenszeit ist sein Leidensweg und die Geburt, das freudige Ereignis, ist der Ostermorgen. „An diesem Tag werdet ihr mich nichts fragen…“
Der Jubilate-Tag ist der Ostertag. Der erste Tag der Woche, an dem wir immer noch, wie schon die Gemeinde des Johannes, jedes Mal Gottesdienst feiern.

Liebe Gemeinde, der Evangelist Johannes sieht es so: Der Tag des Jubels und der Freude, der Tag der Entlastung und der nicht gefragten Fragen liegt nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit. Es ist alles schon da. Das Kind ist geboren. „Ein Kind ist uns geboren und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter…“.

Folgen wir ihm in seiner Deutung, dann würden wir einmal nicht unruhig darauf warten, dass es endlich besser wird mit uns. Dass Morgen die Wende kommt und übermorgen alles anders ist. Denken wir einmal, vielleicht nur probeweise – denn es ist uns ja ganz ungewohnt – wie dieser Christ aus der zweiten Generation der Freunde Jesu: Dann wäre das Entscheidende schon damals geschehen. Alle Fragen schon beantwortet. Ein neues Leben schon im alten Leben erschienen. Ein unvergängliches Wesen. Dann ist alles schon geklärt und wir sehen von allem nur noch nichts. Oder sagen wir besser „nichts mehr“? Oder doch besser: Noch nichts? Aber es ist alles schon da.

Auferstehung von den Toten. Ein unüberbietbares Ereignis, geschehen, längst bevor wir selbst das Licht der Welt erblickt haben. Ein Ereignis, zu dem wir nichts beizutragen haben, zu dem wir uns nur verhalten können. Und was wäre zu tun? Vielleicht: Jubeln.

Auferweckung von den Toten. Da ist etwas passiert, was die gesamte Weltgeschichte in einem anderen Licht erscheinen lässt. Und wir sehen nichts davon. Ja. Und sind doch selig, wenn wir es glauben.

Geht das? Glauben ohne zu sehen? Glauben gegen den Augenschein?
Liebe Gemeinde, liebe Freunde, wer es schon versucht hat, wird festgestellt haben, dass er plötzlich doch etwas sieht. Die Welt mit anderen Augen sieht. Dinge sehen kann, die andere nicht sehen. Unbeachtetes beachtet. Das Auferstehungsleben findet, mitten im scheinbar normalen Alltag. Freude, die ihren Ursprung in einer anderen Welt hat. Und die Traurigkeit aufwiegt.

„Eine kleine Weile…“. Unser Leben ist ja tatsächlich nichts anderes. Und dann, wenn sie vorüber ist, werden wir ihn sehen. Wenn diese kleine Weile für uns vorüber ist, werden wir schauen, was wir geglaubt haben. Vielleicht hat Johannes auch das gemeint. Und dann wird es erst einen Jubel geben! Und Trubel. Und bodenlose Heiterkeit. Und unser Herz wird sich freuen und niemand wird unsere Freude von uns nehmen.

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