Sagt nicht: Wir haben keine Ahnung!

Liebe Gemeinde,

Ahnungen

„Ich hab´s ja geahnt“. Wann haben sie diesen Satz das letzte Mal ausgerufen? Meistens entfährt er uns dann, wenn es um unschöne Ereignisse im Leben geht.

„Ich hab´s ja geahnt!“ Vor dem Urlaub hatte man noch gebeten: Bitte, kümmere dich um die Blumen. Zurückgekehrt schaut man in einen gelblich verdorrten Garten. „Ich hab´s ja geahnt“. „Wirst du die Schulaufgabe schaffen“, lautete die Frage letzte Woche. Tage später wird das Ergebnis präsentiert. „Na, ich hab´s ja geahnt“. Seltsam, wir ahnen meistens nur die negativen Dinge. Oder geht es ihnen anders?

Ich habe so meine Ahnungen, sagen manche. Es gibt wohl tatsächlich Menschen, die ein feines Gespür für Dinge haben, die in der Zukunft liegen, die erst noch geschehen werden. „Irgend etwas kommt auf mich zu“, weiß mancher und ist erst dann erleichtert, wenn aus der Ahnung Wirklichkeit geworden ist.

Die Tage schreiten auf und ahnungsvoller
bewegen sich nun Freud und Schmerz heran.

So heißt es bei Goethe, zu dessen Lieblingsworten der Begriff „ahnungsvoll“ zählen soll.

Haben sie eine Ahnung? Haben sie eine Ahnung, warum es heute um dieses Wort geht?

Das Bibelzitat für den heutigen Sonntag lässt uns eine kleine Passage aus den sogenannten Abschiedsreden Jesu hören. Vom Abschied ist die Rede, von wirklich düsteren Ahnungen: Ihr werdet weinen und klagen und dazu auch noch den Spott der Welt ertragen müssen. Da fällt ein Schatten über euch, kündet Jesus an. „Foreshadow“ lautet die englische Übersetzung unserer deutschen ‚Ahnung’. Aber richtig, sie ahnen es, der Schatten, die Tränen und die Traurigkeit sind nicht Ziel der Rede Jesu. Er bringt die Härte des Lebens zur Sprache und führt zugleich darüber hinaus.

Wo wir schon bei Übersetzungen sind, hören wir auch noch ins Französische hinein: Dort spricht man von pressentiment, was wir frei mit „vorweg fühlen“ wiedergeben könnten. Das ist das Ziel: Die Worte der Heiligen Schrift, die Worte Jesu wollen uns vorweg fühlen lassen, uns eine Ahnung geben von dem, was kommen wird:

Eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden. Euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.
Das ist die Ahnung, die Jesus im Herzen der Seinen begründen möchte.

Wandel mutig leben

Unser Leben ist voller Wandel. Mit zunehmendem Alter neigt man oft zu der Aussage: Alles wird schlimm, schlecht und scheußlich. „Ich ahne es“. Früher hingegen sei es besser gewesen. Der Hinweis, dass wir uns halt nur das Gute merken, ändert an dieser Einstellung wenig.

Jesus greift auf das Bild der Geburt zurück. Das neue Leben bricht sich Bahn umkleidet vom Schmerz der Mutter. So wird es immer sein! Alles wandelt sich und jeder Wandel bringt Schmerz und Freude. Auf die Reihenfolge kommt es dabei nicht an. Kinder werden geboren, aber sie verlassen auch das Elternhaus. Man geht zur Schule, arbeitet, heiratet und dann kommt der Tag, an mit dem Tod des Partners alles zusammenbricht.

Leben ist Wanderschaft, hieß es in früheren Zeiten. Für diese Lebens-Wanderung will Jesus uns eine gute Ahnung geben, keinen „Vor-Schatten“ sonder das „Vorgefühl“ in Gott geborgen zu sein. Wenn ihr etwas ahnt, wenn ihr die Zukunft kommen spürt, so horcht hinein: Gott kommt euch entgegen im Wandel.

Ich werde nie wieder lachen können, hatte man gesagt, doch Gott wandelt die Zeiten. Trauer weicht der Lebensfreude, wenn es denn an der Zeit ist. Das dürfen wir ahnen, hoffen und glauben. Das erleben wir doch auch: Wie wir nach schwerer Krankheit wieder genesen sind. Wie großer Streit in Versöhnung schwand. Wie wir harte Zeiten überlebt haben und nun wieder jeden Morgen schwungvoll begrüßen.

„Wir können hier nicht weg!“ Immer wieder hämmerte uns der Diakon diesen Satz ein. „Nein, wir können nicht weg“. Damals war ich noch in der Leitung der Diakonenschaft tätig. Die Angst davor, sich einer neuen Aufgabe zu stellen, stand dem Bruder und seiner Frau wirklich ins Gesicht geschrieben. Bis der Tag kam, an dem er auf seiner bisherigen Stelle wirklich nicht mehr zurecht kam. Und was gestand er – nach tränenreichem Abschied, nach mühevollem Umzug und zögerlicher Neuorientierung ein Jahr später: „Warum habt ihr mich nicht schon früher versetzt? Uns geht es so gut. Wir sind glücklich wie nie zuvor. Hätte ich nicht geahnt!“

Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist, weil Leben heißt: sich regen, weil Leben wandern heißt. So singen wir in einem unserer Lieder.

Unsere Gegenwart ist voller Wandel. Das macht vielen Menschen Angst! Schauen wir uns doch um, was in Europa geschieht: Überall drängen diejenigen an die Macht, die das Rad rückwärts drehen wollen, Grenzen verschließen und nur noch auf sich schauen.

Vor zwei Tagen war ich in einem neuen Café in Bayreuth. „Das klappt nicht“, waren sich viele einig. „Das misslingt bestimmt“, pflichteten andere bei. Das Café wird nämlich von Menschen mit Behinderungen betrieben. Ein knappes Jahr später: Jeder hat natürlich geahnt, wie erfolgreich das Projekt werden wird…! Nur eine Mitarbeiterin einer Aufsichtsbehörde hat noch ihre Probleme. „Hier trifft man ungeschützt auf Behinderte“, schrieb sie an den Träger, „das sei doch unmöglich“. Mancher hat halt wirklich keine Ahnung!

Wir stehen vor großen Herausforderungen in unserem Land. Man spürt deutlich, wie schwer es vielen fällt, sich dem Wandel zu stellen. Man könnte ja etwas verlieren, Opfer bringen müssen, an Wohlstand einbüßen. Man ahnt nichts Gutes!

In diese düsteren Ahnungen wollen wir als Christen nicht einstimmen. Uns ist ein andere Ahnung gegeben: Lebensmut und Zuversicht! Nur so können wir doch die Zukunft gewinnen: Mit Besonnenheit, mit Zuversicht, mit Offenheit für den Wandel, ob es nun um Bildungsfragen, ob es um Energiefragen und dergleichen geht. Zukunft ist der Raum Gottes, darum können wir in allem Wandel ohne Angst bestehen, leben und lachen. Was kommen wird? Traurig wäre es, wenn wir als Christen antworten: Keine Ahnung!

Fraglos glücklich

Was wird kommen? Was wird geschehen? Was kommt auf mich zu? Diese Fragen drängen sich immer wieder in unsere sorgenvollen Stunden. Es wird uns kaum gelingen, sie gänzlich zu vergessen. Aber hier, in diesem Gottesdienst, in dieser Kirche, in dieser Gemeinschaft aus Glauben, Gebet und Gesang mögen sie schweigen und der großen Ahnung ewigen Heils Platz machen.

Warum wir von Ahnung heute so viel gesprochen haben? Es scheint mir ein gutes Wort zu sein, um das zu erfassen, worum es in unserem Glauben geht: Um zuversichtliches Leben. Um ein Leben voll Mut und Kraft.

Ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. An dem Tag werdet ihr mich nichts fragen.

Ich hab´s ja geahnt! Lassen wir uns doch durch nichts daran hindern, das Gute zu ahnen So wird und bleibt unser Leben gesund.
Sagt als Christen nicht: Wir haben keine Ahnung!

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