Mut, zu bitten und zu beten

Da will einer ein Bild aufhängen, hat aber keinen Hammer. Die Idee, sich beim Nachbarn einen zu borgen, wird jedoch schnell wieder verworfen: Der Nachbar könnte ihm nichts leihen wollen, wahrscheinlich kann er einen gar nicht leiden, fast sicher ist, dass der Andere ein unmöglicher Mensch ist. Der soll nicht denken, man sei auf ihn angewiesen! Am Ende rennt unser Mann zum Nachbarn und schleudert dem Ahnungslosen ins Gesicht, er sei ein Rüpel und können seinen Hammer behalten.

Paul Watzlawick erzählt die Geschichte in seiner ‚Anleitung zum Unglücklich sein‘.

Und erzählt damit eine Menge auch von mir. Er redet über die Unfähigkeit offen auf Andere zuzugehen mit einem Anliegen und den Vorurteilen, die uns manchmal derart behindern, dass sie jeden Ansatz von miteinander zerstören.

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Eine Szene aus dem alten Palästina genauer gesagt aus dem Arme-Leute Mief: Es gibt keinen Bäcker, aber man weiß im Dorf, wer abends noch Brot hat. Den Gast zu bewirten ist Ehrensache. Da muss man sich anstrengen, wenn man selber nichts hat. Also klopft man jemanden heraus um Brot zu borgen. Dass der den Hilfsdienst verweigert, so etwas passiert nicht, so etwas ist undenkbar. Vielleicht hilft er knurrend, aber allein die Angst, es könnten alle im Hause wach werden, treibt ihn von seiner Schlafstelle zur Tür.

Die Bitte des bittenden Freundes wäre unerhört geblieben, wenn er aus lauter Bescheidenheit oder Misstrauen sich nicht auf den Weg gemacht hätte. Meine Bitte kann unerhört bleiben, wenn ich mich nicht auf den Weg mache. Wie in der Geschichte von Paul Watzlawick.

Unsere Erzählung ist ein schön zusammengestelltes Lehrstück über das Beten. Einleitung vorher ist die Jünger Bitte: lehre uns beten. Das Vorbild des betenden Jesus alleine reicht nicht. Sie brauchen Hilfe.

Manche von uns werden schon vor diesem Gottesdienst gebetet haben. Manche nicht. Und von Jesus erfahren die Jünger herzlich wenig, wie oft und aus welchem Anlass man beten soll. Und ich glaube, das ist Absicht. Das Beten ist etwas Persönliches und muss darum auch zur Persönlichkeit passen. Das kann sinnvoll sein, bei Tisch zu beten – oder auch nicht. Es kann gut sein, Abends oder Morgens zu beten – oder auch nicht.

Konsequenterweise redet Jesus vom Beten wie von einem Handeln unter Freunden. Dem bittenden Freund ist es egal, warum er das Brot bekommen hat. Er hat es und kann seinen Pflichten nachkommen. Er ist hat seinen Freund empfindlich gestört und hatte Erfolg. Die Freundschaft muss das aushalten können. Sonst taugt sie nichts.

Mit Gott kann ich reden wie mit einem Freund, ein Satz, der Menschen immer wieder staunen lässt, weil sie scheinbar anderes erfahren. Vor Gott muss man würdig auftreten, heißt es. Die Bibel erzählt ganz andere Geschichten. Sie erzählt von Menschen, die so machen, wie der Freund in dieser Geschichte. Die einfach losgehen und bitten. Die darauf vertrauen, dass sie mit Gott reden dürfen und er hören will, egal wie ungefiltert oder gestammelt mein Gebet daher kommt. Egal ob ich täglich bete oder unregelmäßig.

Natürlich hat es Vorteile, wenn ich oft bete. Dann lerne ich mich selbst besser kennen und lerne mehr auf Gott zu vertrauen. Aber Gott will mich hören, auch wenn ich in der Nacht zu ihm komme, wenn ich störe und auf die Nerven gehe.

So wie kein Vater und keine Mutter Kinder freiwillig enttäuschen würde, so wird auch Gott uns nicht enttäuschen. Selbst dort, wo Eltern ihre Kinder enttäuschen, dürfen wir uns darauf verlassen, dass Gott genau das nicht tun will.

Im Mittelpunkt von dem, was Jesus sagen will, steht mein Tun.

Wie gehe ich um mit der Einladung mit Gott zu reden wie mit einem Freund? Wie nähere ich mich meinem Gott.

Seit der Tempelvorhang zerrissen ist, habe ich einen ganz persönlichen Zugang zu Gott. Ich muss mich Gott nicht sklavisch und ehrerbietig annähern, sondern mit dem Selbstbewusstsein, die aus der Berufung kommt: Ich bin Gottes Kind, und darum darf ich bitten. Ich darf aufrecht gehen und mit ihm reden. Ich darf mit ihm diskutieren und ihm widersprechen. Ich darf nervig sein.

Meinen eigenen Weg zu beten, muss ich allerdings selber finden. Jesu Gebot richtet sich weder auf Tischgebete noch auf Gute-Nacht-Gebete. Das alles kann zum entsetzlichen Zwang werden. Jesus geht es aber um befreites Beten. Um ein Reden mit Gott voller Vertrauen. Aber auch in dem Bewusstsein: Gottes Wille ist mehr als meine Erkenntnis. ‚Dein Wille geschehe‘ heißt es in dem Gebet, das er uns gegeben hat. Nicht alles, was ich bete passt vielleicht zu Gottes Willen. Aber ich darf es aussprechen.

Ich darf mich überwinden Bitte zu sagen. Das könnte auch mein mitmenschliches Miteinander verändern. Bitte gehört für viele Menschen heute zu den schwierigsten Worten. Bitte zu sagen, bedeutet, meine Abhängigkeit einzugestehen, von meiner Hilfsbedürftigkeit zu erzählen. Für die Alten war das noch selbstverständlich. Kein Ei im Haus, die Läden zu. Man geht Bitten und erhält.

Ich brauche den Mut, zu bitten und zu beten.

Die Antwort Jesu ist eine Einladung. Das Gebet zu Gott ist genauso selbstverständlich, wie Freunde um Hilfe bitten.

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