Kompromisslos

Wenn ich den Kölner Dom betrete oder die Ludwigskirche in Saarbrücken stehen da auch Marktstände. Mehr oder weniger kitschige Andenken sind zu kaufen. Und immer wieder fällt mir dann die Geschichte von Jesus im Tempel ein. Was ist zu halten von Handel in der Kirche, von Geschäftemacherei, die zwar auch dem Erhalt eines Gebäudes gilt, aber eigentlich dort nicht hingehört. Da ist es gut noch einmal genau die biblische Geschichte anzusehen.

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Ich lerne, die Geschichte von der Tempelreinigung ist schön, aber sie hat auch eine Fortsetzung, die nicht geschlabbert werden darf. Die Händler werden vertrieben. Das ist richtig, aber mit dieser Vertreibung wird Platz gemacht. Die Behinderten und die Unmündigen werden befördert.

Die Händler im Tempel verrichteten eine wesentliche Arbeit wie heute noch. Nur der Schwerpunkt hat sich verändert. Damals erleichterten sie den Opferwilligen die Durchführung des Opfers, indem sie Tempelmünzen bereithalten und Opfertiere. Mit normalen Münzen konnte man im Inneren des Tempels nichts werden. Darum musste gewechselt werden. Und Tiere mitbringen auf einer Pilgerreise zu Fuß, war strapaziös. Die Händler und Wechsel waren dazu da, die religiösen Bedürfnisse zu befriedigen. Sie waren natürlich aus wirtschaftlichem Interesse da, aber ohne sie konnte es keinen geregelten Gottesdienst geben.

Trotzdem vertreibt Jesus sie mit sehr drastischen Mitteln, die den Mythos vom reinen Friedensprediger Jesus von Nazareth arg beschädigen.

Aber die Geschichte endet nicht mit der Gewalttat. Sie hat ein anderes Ziel. Nachdem Jesus den Eingang vom Tempel so frei geräumt hat, kommen Menschen, die bisher keinen Platz hatten im Heiligtum: Kinder trällern das Lob Gottes, gegen den Protest der Kirchenfunktionäre und Behinderte kommen um Gott zu ehren und Jesus zu begegnen. Viele von ihnen werden dadurch gesund.

Der Tempelprotest ist nicht losgelöst. Es wird nicht nur niedergerissen, sondern auch aufgebaut. Die nicht kultfähigen Behinderten und Kinder gehen in den Tempel. Sie werden geheilt und sie loben Gott. Die Frage wird nicht ausdrücklich gestellt: Was gehört in das Haus Gottes: Handel oder die Mühseligen und Beladenen, die Randfiguren der Gesellschaft?

Aber irgendwie ist der Angriff auf die Händler ein Angriff auch auf die Opfer, die gebracht werden. Sie werden nicht direkt in Frage gestellt, aber indirekt. Kann Gott wirklich gelobt werden, indem ich Opfer bringe oder nicht besser indem ich die in die Kirche einlade, die sich ausgeschlossen fühlen und ihnen helfe: Damals Kinder und Menschen mit Behinderung.

Heute bleibt die Frage: Wie feiere ich Gottesdienst? Würde Jesus auch heute Händler rauswerfen oder eher Kirchenmusiker und Ordnungswärter? Wen lade ich wie in diesen Gottesdienst ein? Wen grenze ich aus?

Die Frage wird für alle Zeiten offen bleiben: Spekulation, deren Ausgang sicher auch von meinem Geschmack abhängt. Aber wenigstens versuchen kann ich zu verstehen, was damals passiert ist und was das für uns heute bedeuten könnte.

Jesus hat provoziert dort im Tempel, wo wir eher zur Mäßigung rufen würden. Es hilft wohl nichts: Wir sind gemeint. An uns geht die Frage: Wie tolerant seid ihr gegenüber Geschäftemachern und wie intolerant gegen Störer, egal ob sie demonstrieren oder nur Kinderlärm machen? Egal, ob sie genau wissen, was sie tun, oder ob sie nur unkontrolliert reagieren? Es könnte auch sein, dass Jesus uns selber aus seinem Tempel wirft.

Gottesdienste ohne Menschen, die stören, gehen vielleicht doch nicht, sind möglicherweise ein Ding der Unmöglichkeit. Dort wo Störenfriede aus der Gemeinde ausgeschlossen werden, muss das Evangelium gefragt werden, ob hier nicht Jesus selbst aus seiner Gemeinde ausgeschlossen wird.

Dort wo Ruhe wesentlich ist für den Gottesdienst, haben wir zwar Konzentration gewonnen, aber vielleicht unseren Herrgott verloren.

Vom 17. – 25. Mai ist eine Tagung in Kingston / Jamaika zum Abschluss der ökumenischen Dekade zur Überwindung von Gewalt. Unsere Gemeinde hatte Anteil an dieser Dekade. Es gab Aktionen und Konfirmanden haben einen Gottesdienst zum Thema gestaltet. Teile gingen in den newsletter unserer Landeskirche ein.

Aber das ist alles nichts hat alles keine Bedeutung, wenn es nicht wirklich stattfindet in unserer Gemeinde, in unseren Köpfen. Die Botschaft muss sich breit machen unter uns. Wir müssen lernen Unruhe, Demonstration zuzulassen unter uns, damit sich etwas bewegt. Und wir müssen lernen selber zu spüren: Was ist wichtig, dass wir unseren Glauben leben und dass andere Menschen ihren Glauben leben können.

Unsere Gottesdienste können Frieden atmen. Aber manchmal müssen wir auch kompromisslos deutlich werden um des Evangeliums Willen – von Christus lernen, der den Neubau des Hauses Gottes mit Gewalt angeht, damit die Menschen ohne Chance eine Chance bekommen.

Manchmal müssen wir selber die Händler und Wechsler vertreiben, damit das Wort Gottes bleibt, mitten unter uns.

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