Der Nachtrag wird zum Auftakt

Liebe Johannesgemeinde,

immer wieder kommt es vor, dass in einem Dokument oder Bericht ein Nachtrag hinzugefügt wird. Ein Ereignis, eine Handlungsweise erscheint dann in einem neuen Licht. Bisher Unscheinbares leuchtet auf und wird transparent.

So ist es auch bei diesem 21. Kapitel des Johannesevangeliums. Dort wird von einer dritten Offenbarung des auferstandenen Christus erzählt. Man kann sie nicht lesen, ohne an irgendeiner Stelle persönlich berührt zu sein. Irgendwann in unserem Leben geht uns eine Ahnung auf, dass es auch uns angeht, was hier nachträglich festgehalten wurde. Erfolg zu haben oder zu versagen, etwas zu versäumen und zu verschulden – das sind Themen, mit denen auch wir uns in unserem Alltag auseinander zu setzen haben.

Ich kann diese Verse nicht unbewegt lesen; auch mein eigenes Leben ist davon angerührt und betroffen. Heute sehe ich Personen und Dinge, mit denen ich zu tun hatte, klarer und in einem anderen Licht.

Die heutige Erzählung spielt am See Genezareth. Zu Ehren des römischen Kaisers hatte der Provinzfürst Herodes dem See den neuen Namen Tiberias gegeben. Der Evangelist deutet ganz dezent an: dies ist das Herrschaftsgebiet des auferstandenen Christus. Das römische Reich hat keinen Bestand. Ein Herrschaftswechsel bahnt sich an. Jesus Christus ist der Herr aller Herren. Es ist die sanfte Proklamation der kommenden Königsherrschaft des Auferstandenen ohne Heere und Waffen. Den fürchterlichen Gegensatz dazu erleben wir jetzt in den Staaten des Nahen Ostens.

Am See Tiberias sind es für die sieben Jünger zunächst einmal die Tage des Verlassenseins, der inneren Leere und der stummen Frage: wie soll es jetzt weitergehen, nachdem unser Herr auferstanden ist und lebt?

Sie tun zunächst das Naheliegende und beginnen dort wieder, wo sie drei Jahre zuvor aufgehört haben.

Petrus ergreift die Initiative und sagt, dass er jetzt zum Fischen gehe. Die anderen folgen ihm. Das ist nicht selbstverständlich. Es ist ein Zeichen der Solidarität. Sie lassen den Petrus jetzt nicht allein, sie überlassen ihn nicht dem Gefühl, in einem entscheidenden Augenblick versagt zu haben. Sie spüren selbst den Schatten, der über ihnen allen liegt. Auch sie fühlen sich schuldig. Sie waren nicht da, als Jesus gefangen genommen wurde. “Da verließen ihn alle Jünger und flohen” – so berichtet es uns der Evangelist Markus.

Liebe Johannesgemeinde, Schuld lastet und lähmt. Da kann ein Mensch nicht mehr frei und froh ausschreiten wie er will, nicht mehr die altgewohnte Leistung erbringen. Wie vieles fällt da durch die Maschen – in den Fischernetzen, und auch im Verhältnis zueinander. Nicht nur die Netze bleiben dann leer, sondern auch das Herz. Der Umgang miteinander wird floskelhaft und formell. Man erreicht die anderen nicht mehr in dem, was sie beschäftigt, bewegt und umtreibt. Das Ergebnis ist entsprechend: “In derselben Nacht fingen sie nichts”. Alles war vergeblich, umsonst und ohne Wert.

Passiert uns das nicht auch heute immer wieder? Eine Sitzung verläuft ohne Ergebnis, Argumente laufen ins Leere, werden nicht aufgenommen und gewogen, man dreht sich im Kreis. Heraus kommt ein unbefriedigender Beschluss, von dem man fühlt, dass er vor uns selbst und anderen nicht bestehen kann. Dass nicht alles sorgfältig genug bedacht und entschieden worden ist. Hier erwächst dann wieder neue Schuld gegenüber denen, die mit den manchmal so ungerechten Folgen unserer Entscheidungen leben müssen.

Muss das so bleiben? Es gibt doch einen Wendepunkt in jener Geschichte am See Genezareth. “Als es aber jetzt Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war”. Das empfanden die sieben Fischer als einen der entscheidenden Augenblicke in ihrem Leben. Mit einem Mal waren sie waren nicht mehr allein – und sie wurden auf eine Weise angeredet, die sie so nicht vermutet hätten: “Kinder, habt ihr nichts zu essen?”

Vielleicht kommt es Ihnen auch sonderbar vor, dass der fremde Mann am Ufer die gestandenen Männer als Kinder anredet. Das war kein gedankenloses Wort, nein, es war eine Ansage aus dem Prolog des Johannesevangeliums: “Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, die an seinen Namen glauben”.

Die Jünger haben diese Anrede in ihrer tieferen Bedeutung wohl noch nicht erfasst. Sie waren gefangen von dem Gedanken: heute Nacht war alles umsonst gewesen. Das geht auch uns so. Nicht selten erfahren wir erst hinterher, welche Substanz hinter einem Gruß verborgen sein kann, der uns da zugesprochen wird. Manches enthüllt sich erst je länger je mehr in viel größerer Klarheit, als wir es im Augenblick ahnen.

Es fällt auf, wie bei dieser Begegnung der noch unbekannte Zuschauer am Ufer die Szene bestimmt. “Kinder, habt ihr nichts zu essen?” Ein Tübinger Theologe hat in seiner Antrittsvorlesung darauf hingewiesen, das erste Wort, das an einen Menschen gerichtet worden sei, wäre die Aufforderung gewesen: “du sollst essen”. So steht es in der Schöpfungsgeschichte aus dem Garten Eden. Darin liegt wohl auch der Ursprung der Gastfreundschaft begründet, von der in den Evangelienberichten immer wieder erzählt wird.

Die Fischer antworten auf die Frage des Fremden mit einem lapidaren Nein, sie hätten nichts zu essen. Nun bekommen sie einen Fingerzeig. “Werft das Netz auf der rechten Seite aus, so werdet ihr finden“. Auch dieser Fingerzeig hat seine tiefere Bedeutung. Im Grund ist er eine Platzanweisung. Was will er damit sagen? Auf meiner rechten Seite ist auch euer Platz; hier findet Ihr Eure erfüllende Lebensaufgabe.

Fragen wir uns: Wer steuert unser Leben? Ist es unser eigener Wunsch und Wille, ist es die verführerische Macht des Bösen oder die Allmacht des auferstandenen Christus, dem alles untertan ist?

Auf das Wort des Fremden hin passiert das Wunderbare. Gegen alle bisherigen Gewohnheiten fangen die Fischer ein dicht gefülltes Netz voll großer Fische. Es ist wie ein Wunder, dass das Netz standhält. Kein Fisch fällt durch die Maschen, keiner geht verloren. Denken wir da nicht auch an das Wort Jesu: “ich habe keines von denen verloren, die du mir gegeben hast?”.

Bei Johannes ist es die Stunde der erneuten Erkenntnis, als er zu Petrus sagt: “es ist der Herr!” Da hält es den Petrus nicht mehr. Noch vor den anderen möchte er Jesus am Ufer begrüßen und willkommen heißen. Doch genau das Unerwartete passiert: Jesus empfängt ihn und die anderen als Gastgeber mit Brot und Fischen an einem Kohlenfeuer.

Ein Kohlenfeuer? Ja! Erinnern wir uns an die Stunde, als Petrus seinen Herrn bei einem Kohlenfeuer im Hof der hohepriesterlichen Residenz verleugnet hatte? Ein zarter Fingerzeig Jesu deutet es an und mehr muss es auch nicht sein als nach dem gemeinsamen Mahl die wiederholte Frage: “Simon, hast du mich lieb?“

Nicht anders können wir heute einladende Kirche erfahren. Die Schatten der Vergangenheit bleiben zurück, wenn der Herr uns als Gastgeber empfängt,in Brot und Fisch im Licht des Ostermorgens das volle Leben anbietet. Wir kommen nicht mit leeren Händen, unser Anteil wird gewürdigt, wir werden reich beschenkt.

Unser Altlandesbischof Heidland (+) erzählte einmal in einer Frühjahrssynode von seinem hannoverschen Kollegen Hanns Lilje, wie dieser in der Nachkriegszeit mit einer Jugendgruppe an einem märkischen See die Osterberichte aus Johannes 21 gelesen hatte. Sie seien dort der Ursprünglichkeit jener Worte begegnet. Die Erzählungen wären mit einem Mal lebendig geworden. Sie hätten nur geschaut und gelauscht,

Ist Johannes 21 wirklich nur ein Nachtrag? Ich sehe den Predigttext eher als einen Prolog, einen Auftakt für uns alle, hier in der Johannesgemeinde, im Kirchenbezirk, in unserer Stadt und in seinem Umland.

Am Beginn des Johannesevangeliums steht das Bekenntnis des Verfassers: “Von seiner Fülle haben wir genommen Gnade um Gnade”. Das gilt heute am 1. Mai und es meint auch uns, die wir das jetzt hören.
Amen.

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