Osterhaut

Liebe Taufgemeinde, lieber Ostergemeinde,

aus unserer Haut kommen wir nicht raus, das ist mal klar. Wir leben in ihr vom ersten Schrei als Säugling bis zum Tod, wenn wir mit wächsener Haut im Sarg liegen.

Dünnhäutig sind manche von uns. Manchmal weil an ihrer Haut allzu oft und allzu stark gezogen wurde. Empfindlich, sogar überempfindlich sind Menschen in so einer dünnen Haut. Es sind Menschen, die gelitten haben, Menschen, die dann um sich schlagen. Menschen also, die unser Mitgefühl dringend brauchen.

Andere haben eine ganz dicke lederne Haut, ein dickes Fell, sagen wir. Denen ist alles egal. Denen kann man nicht beikommen. Das sind Menschen, die man manchmal pieksen muss, sie zu ihrem Glück förmlich zwingen. Das brauchen diese Leute dringend, bevor sie anderen immer weiter zusetzen.

Manche von uns stecken von Geburt an in einer Haut der Liebe. Der Lorenz zum Beispiel ist ein Kind der Liebe. Eines das von Anfang an gewollt und erwartet war. Diese Haut wird ihm niemand nehmen können. Er wird ein Leben lang davon profitieren, selbst wenn mal was schiefgeht in Erziehung oder im Leben. In Lorenz‘ Haut würden viele gerne stecken. Vor allem die ungeliebten Kinder. Die, die so ungeliebt waren, dass sie nicht mal geboren werden durften und die die geboren wurden, aber allen egal sind. Manchmal so egal, dass sie verkommen oder sterben.

Und wie ist unser Haut so? Dünn oder dick geworden durch äußere Einflüsse. In Liebe begonnen, aber in Hass, Sucht oder Egoismus gelb geworden? Oder konnten wir unsere Haut in die Haut der Liebe wandeln, sie widerstandsfähiger machen im Lauf des Lebens und doch zart genug für die wichtigen Gefühle unseres Lebens?

Ich persönlich stecke gerne in der Haut eines Menschen, der von seinen Eltern gewollt und geliebt wurde. In einer Haut, die so einigermaßen durch Schule und Studium getragen hat. In einer Haut als Ehemann und Vater, der ich sein darf. Vor allem aber in einer Haut eines Glaubenden Menschen, der von Gott berührt wurde und diesen wunderbaren Beruf ausüben darf.

Dabei bin ich überhaupt nicht blauäugig, obwohl ich blaue Augen habe.

Nein, ich weiß, dass diese Haut hart erarbeitet worden ist, von Gott, für mich, durch das, was an Karfreitag und am Ostermorgen geschehen ist.

Drum würde ich gerne in der Haut der beiden Frauen stecken, die als erste davon erfahren haben. Eine Haut voller Furcht und voller Freude, so wie das in einem anständigen Christenleben eben ist.

Einerseits die Furcht vor dem Leben, vor dem Sterben, vor Verlust und Krankheit und Tod und Gefahr.

Aber andererseits die Freude, geliebt zu sein, nie allein zu sein, geboren zu sein, gewollt zu sein, wie unser kleiner Lorenz.

Es ist eine Osterhaut, in die beide Frauen eingehüllt sind. Es ist die besondere Haut des Osterfestes. Aber auch wenn wir die beiden beneiden, und wenn wir nicht persönlich dabei gewesen sind: unsere eigene Haut darf sich in diese Osterhaut verwandeln.

Was bringt uns das?, fragen wir Menschen, die im Leben stehen.

Beides, würde ich darauf mit unserem Bibeltext antworten. Es bringt uns Widerstandsfähigkeit gegen das Leid, gegen so viele Enttäuschungen, die viele Menschen dünnhäutig oder dickfellig werden lassen. Osterhaut macht widerstandsfähig im Leben, weil Gottes Liebestat an Ostern uns einhüllt, ganz fest und ganz sicher. Sie schützt gegen die anhaltende Furcht.

Und das andere auch: Osterhaut bleibt empfindsam. Sie lässt einen nicht hart und unversöhnlich werden, sondern man bleibt empfänglich, verständnisvoll, mit liebevollen Augen. Man kann klar sein, ohne zu bedrängen, geradlinig, ohne andere zu verteufeln. Osterhaut ist die menschliche Hülle der Nächstenliebe, drum ist die Gott auch so wichtig.

Ich habe Menschen kennen gelernt, die in so einer Haut leben. Ich habe von ihnen viel fürs Leben gelernt. Ich wünsche uns, dass wir in dieser Haut mehr und mehr leben, von Ostern her.

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