… hält euch kein Dunkel mehr!

Lesung von Mt 28,1-10
Liebe Gemeinde! „Das Leben ist hart und unbarmherzig und es gibt einfach ein paar Dinge, die man anerkennen muss; da geht kein Weg drum herum. Unsere Wirklichkeit wird bestimmt von Menschen und Dingen die Macht über uns haben, denen wir ausgeliefert sind und unser Leben endet mit dem Tod, manchmal sogar auf eine ganz grausame Weise, langsam durch eine schwere Krankheit oder einsam und verlassen von allen lieben Menschen oder zu Unrecht verraten und verurteilt wie Jesus. Manche Dinge muss man einfach hinnehmen, wie den Tod ihres besten Freundes und des Menschen, der ihrem Leben eine Perspektive und einen Sinn gegeben hatte.“ So mögen die beiden Marias vielleicht gedacht haben, als sie auf dem Weg zum Grab waren, wie um sich diese Realität noch einmal vor Augen zu führen, wie um zu begreifen, dass Jesus tot ist. Nach dem Grab wollen sie sehen und ihrer Trauer Ausdruck verleihen.
Das Erdbeben von dem Matthäus erzählt, scheint ihren inneren Gemütszustand auszudrücken: Aufgewühlt, emotional durchgeschüttelt, keinen festen Boden mehr unter ihren Füßen spürend. Den leidenden Jesus am Kreuz noch im Herzen und vor Augen, wird dieses Bild plötzlich überstrahlt von hellem Licht, einer weißen Gestalt, einem Engel, einem Boten des Himmels, der herabkommt und den Stein vor dem Grab wegwälzt und sich draufsetzt. Eine Lichtgestalt, wie ein Blitz, blendend wie Schnee in der Sonne. Wollten die Frauen nach dem Grab sehen, ihrer Trauer und ihren dunklen Gefühlen Ausdruck verleihen, buchstäblich in die Höhle des Todes gehen um einen Toten zu besuchen, können ihre Augen jetzt gar nicht mehr nach dem Grab sehen, denn das Grab wird überflutet von Licht. Wieder mal gerät im Wirkungsbereich Gottes etwas in Bewegung, wie sie es mit Jesus schon so oft erlebt haben. Wieder mal bricht sich eine andere, eine neue Wirklichkeit in unserer harten Realität die Bahn und Dinge die vorher festgefahren schienen, ja völlig eindeutig waren, wie zum Beispiel der Satz „Tot ist Tot.“ stimmen auf einmal nicht mehr.
Vielleicht waren die Frauen an solch außergewöhnliche Licht- und Gotteserfahrungen schon gewöhnt, schließlich haben sie drei Jahre bei Jesus gelernt einen Blick für das Reich Gottes, für Gottes Handeln in unserer Welt zu entwickeln. Sie haben an Jesus gesehen und erfahren, dass es mehr gibt zwischen Himmel und Erde als das, was wir gemeinhin „die Realität“ nennen und die wir für unabänderlich halten. Vielleicht hatten die Frauen noch die Worte Jesu im Ohr und im Herzen, dass er gesagt hat, dass er wieder auferstehen wird, und sind deshalb nicht sofort erschrocken weggelaufen.
Die Wächter vor dem Grab jedenfalls konnten mit diesem Einbruch von Gottes Wirklichkeit in ihre Wirklichkeit nichts anfangen. Sie liegen da wie tot, nehmen Gottes Handeln nicht wahr aber versperren den Frauen und uns auch nicht länger den Blick auf das Wunder. Das dunkle Grab wird zum Durchgang zum hellen Licht. Der schwere Stein, der wie ein Sinnbild ist für all die Trauer, all das Schwere und Leidvolle, für all die Verletzungen, für alles Tote auch in unserem Leben, liebe Gemeinde, ist weggerollt worden. Wie um die Übermacht Gottes über den Stein des Todes zu demonstrieren setzt sich der Engel oben drauf. Hier berühren und verschränken sich die Wirklichkeit Gottes und die Wirklichkeit der Welt. Als Mittler, sitzend zwischen Himmel und Erde kündet der Engel von der Lebensmacht Gottes.
Fürchtet euch nicht! Das sagen Engel immer, wenn sie als Boten von Gott kommen. Danach beweist dieser Bote Gottes großes Einfühlungsvermögen und nimmt die Frage der Frauen vorweg: Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Unglaublich: Er ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! Ein Wort schafft eine neue Wirklichkeit. Unsere Alltagswirklichkeit wird durchbrochen und durchdrungen von der Wirklichkeit Gottes, in der der Satz: „Tot ist tot!“ nicht mehr stimmt.
Und dann zeigt der Engel den Frauen das leere Grab. Jesus ist nicht mehr da, nicht am Ort der Toten, nicht mehr im Grab. Er ist auferstanden und wird ihnen vorausgehen nach Galiläa, um sich dort seinen Jüngern zu zeigen. Die Frauen sind offen für diese Botschaft, sind offen die neue Wirklichkeit Gottes. Kein: Das kann doch nicht sein! Kein Nachfragen, kein Zweifel. Sie wissen und glauben – auch wenn sie den Auferstandenen noch nicht gesehen haben: Es ist eingetreten, was Jesus immer schon gesagt hat. Die Last der Trauer und des Schmerzes ist ihnen in diesem Moment schon von den Herzen genommen, wie der Stein vom Grab weggerollt ist. Und dann haben sie es eilig. Sie wenden sich ab vom Ort des Todes, vom Grab und sehen den hellen Weg vor sich mit Jesus, dem Gekreuzigten und dem Auferstandenen an ihrer Seite. Sie fassen Mut und spüren die erste Osterfreude. Und an dieser Freude, an ihrem Glauben und an ihrer Gewissheit sollen die anderen Anteil haben. So schnell wie möglich wollen sie davon erzählen.
Jetzt erst begegnet Jesus ihnen. Ganz vertraut begrüßt er die beiden Frauen: Seid gegrüßt! Und wie um die neue Realität erst begreifen zu müssen, fallen die beiden Frauen nieder und umfassen seine Füße. Und Jesus nimmt ihnen ihre Furcht endgültig. Fürchtet euch nicht, auch wenn das, was ihr heute erlebt gegen jede menschliche Vernunft ist, in und mit dieser neuen Realität Gottes könnt ihr nun leben. Verhelft auch den anderen Jüngern und allen Menschen zu dieser Erfahrung, indem ihr es ihnen erzählt und dann werden sie mich sehen, in Galiläa. Darauf lassen sie sich gerne ein. So leben wir bis heute in dieser Wirklichkeit, die immer noch bestimmt ist von den Mächten und Mächtigen, vom Tod und Gewalt, von Verletzungen und Unfrieden und die doch umgeben ist von der Wirklichkeit Gottes, die für die Glaubenden schon angebrochen ist.
Das Dunkle unserer Welt wird überstrahlt vom Licht der Botschaft: „Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Beglänzt von seinem Lichte, hält uns kein Dunkel mehr, von Gottes Angesichte kam uns die Rettung her, dichtet der Dichter Jochen Klepper.
Wenn wir uns auf diese Botschaft einlassen und der Wirklichkeit Gottes trauen, dann wird auch unsere Dunkelheit hell. Dann werden auch unsere Verletzungen und unsere Trauer und all das, was in unserem Leben starr und tot ist, überstrahlt vom Licht des Ostermorgens und lebendig. Dann kommt auch in unser Leben Bewegung und Licht, wo wir es nicht mehr erwartet hätten. Dann leben auch wir in der Gewissheit, dass Gott Lebensmacht stärker ist als der Tod. Dann sehen auch wir schon im Gekreuzigten Jesus den Sieg des Lebens über die dunkle Macht des Todes.
Ich wünsche ihnen, liebe Gemeinde, uns allen, dass diese Gewissheit unser Leben bestimmt, dass wir mit Jesu Auferstehung aufbrechen können in die Hoffnung und in das Licht, dass Gottes Wirklichkeit sich mitten in unserem Alltag Bahn bricht und wir mit den Christinnen und Christen der ersten Stunde auf den Ruf des Engels: „Der Herr ist auferstanden!“ voller Glauben und Vertrauen antworten können: „Er ist wahrhaftig auferstanden!“ Amen.

Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Henning Porrmann (http://www.mitreden.henning-porrmann.de)

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