Gott braucht keine Opfer!

Gottesdienst am Karfreitag (22.4.) 2011 in Guntershausen um 15.00 Uhr und in Rengershausen um 16.15 Uhr

Predigt zu Lk 23,33-49

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Verlesung des Predigttextes: Lk 23,33-49

Liebe Gemeinde,

wissen sie, was die Jugendlichen zur Zeit sagen, wenn sie jemanden aus ihren Reihen ärgern oder regelrechtrecht mobben wollen: Du Opfer! Und indem dies zu jemandem gesagt wird, wird er es tatsächlich auch, nämlich das Opfer ihres Hasses, ihrer eigenen Unzulänglichkeit, ihrer Unsicherheit, ihrer Angst vor dem Anderen, ihrer eigenen Fehler und ihres Stolzes. Wer dies zu einem anderen sagt, denkt nur über die Defizite des anderen nach und legt den Finger in die Wunde und wühlt darin herum, damit er oder sie selbst nicht und niemand sonst etwa auf die Idee kommt, auf die eigenen wunden Punkte zu schauen. Diese Worte „Du Opfer!“ lenken von mir selbst ab und weisen dem Anderen, Bedrängten, dem, der sich nicht wehren kann, weil alle gegen ihn sind, zumindest viele schlechte Eigenschaften zu. Das ist im Übrigen nicht nur bei Jugendlichen so, sondern geschieht tagtäglich auch unter Erwachsenen: Mobbing, Lästern, schlechtes Reden übereinander oder gar offenes Beschimpfen. All dieses Verhalten fordert Opfer. Von den „Opfern im Straßenverkehr“ oder den „Opfern unter der Zivilbevölkerung im Krieg“ und den ungezählten anderen Opfern, die unsere sogenannte Zivilgesellschaft fordert ist oft die Rede.

Es scheint so zu sein, als begegneten uns Opfer all über all, nicht nur heute am Kreuz. Man könnte sich sogar dazu hinreißen lassen, zu behaupten, wir bräuchten Opfer. Aber wenn ja wozu brauchen wir diese Opfer? Damit wir uns gut fühlen, wenn wir jemanden anders schlecht (und damit zum Opfer) machen? Damit wir unbegrenzt schnell und am besten bis ins höchst Alter hinein automobil sind brauchen wir halt Verkehrsopfer? Und ganz perfide: Um die Zivilbevölkerung zu schützen und sie mit meist westlichen Werten zu beglücken, fordert das militärische Eingreifen eben auch Opfer. Naja und hier ist es wirklich ein echtes Dilemma, denn auch einen grausamsten Diktator wie Gaddafi einfach gewähren zu lassen, fordert natürlich Opfer. Schuldig wird man da so oder so. Schuldig wird man, weil man nicht alle Ansprüche des Lebens und der Liebe erfüllen kann. Immer bleibe ich irgendjemandem irgendetwas schuldig.

Gibt es also deshalb die Opferkultur? Brauchen wir Opfer, um mit unserer Schuld umzugehen, um weiterzuleben, um uns zu entschuldigen?

Wenn man in die Religionsgeschichte schaut, dann gibt es da eine Entwicklung. Es gab Zeiten, da wurden Menschen geopfert, um die Götter gnädig zu stimmen und um die Götter zu einem bestimmten Verhalten zu bewegen. Manche Religionswissenschaftler sagen, damit werde die ganz normale menschliche Aggression kanalisiert und in akzeptable Bahnen gelenkt. Das Menschenopfer wurde im Laufe der Zeit abgelöst durch ein Tieropfer, das wiederum die Götter oder Gott für die Opfernden einnehmen sollte. Man vermutet, die Geschichte von der Nichtopferung Isaaks, die neulich auch schon Predigttext war, markiert solch einen Übergang vom Menschen- zum Tieropfer. Diese Praxis der Tieropfer am Tempel in Jerusalem herrschte auch noch zur Zeit Jesu und danach, nicht nur im Judentum, sondern auch in vielen anderen damaligen Religionen und Weltanschauungen. Von daher ist es zu verstehen, dass die Christen auch die Tötung Jesu als ein Opfer verstanden haben, um seinem Tod einen Sinn zu geben. Wie das unschuldige Opferlamm bekommt Jesus alle Schlechtigkeiten und buchstäblich alle Schuld der Welt aufgeladen und wird dann, wie das Opferlamm, getötet. Mit ihm stirbt die Schuld, die Schlechtigkeit und die Sünde, für die eigentlich ich geradezustehen hätte. Jesus nimmt in dieser Argumentation stellvertretend die Strafe auf sich, damit ich leben kann. Gott gibt uns seinen Sohn, sich selbst, damit wir ihn opfern können und hinterher einen gnädigen Gott haben.

Klingt logisch?! Wurde auch lange genug so gepredigt und auch ich habe das lange so zu sagen versucht, allerdings immer mit einem schalen Nachgeschmack. Denn die Fragen liegen doch auf der Hand und der Protest auch: Braucht Gott ein Menschenopfer, damit er uns, seine eigenen Geschöpfe lieben kann? Muss er durch eine so grausame Art, wie Jesus hingerichtet wurde, besänftigt werden, weil sonst sein Zorn alles und alle zunichtemachen würde? Ist Gott am Ende so drauf, dass er sich freut, weil die Menschen ihm seinen Sohn zum Opfer gebracht haben? Was ist das für ein Mechanismus, was wäre das für ein grausamer Gott, habe ich mich schon immer leise gefragt, und wie passt das damit zusammen, dass Jesus die Liebe gepredigt hat? Wie passt das damit zusammen, dass Gott an vielen Stellen des Neuen Testamentes als Liebe, und zwar als völlig voraussetzungslose und bedingungslose Liebe beschrieben wird? Passt in diese Liebe ein Menschenopfer?

Sie merken, liebe Gemeinde, dass ich das alles nicht mehr so sehen kann. Gott braucht all dies nicht und er will all dies nicht! Er liebt uns als seine Geschöpfe einfach so, auch ohne Opfer und schon vor der Hinrichtung Jesu am Kreuz. Insofern könnte man die grausame Tötung Jesu, an die wir heute denken, als Versuch der alten Religion, die Opfer brauchte sehen, sich gegen diese bedingungs- und voraussetzungslose Liebe Gottes zu wehren. Denn schließlich hebelt Jesus mit seiner Art von und mit Gott ganz direkt zu reden, vertrauensvoll und direkt zu leben, die institutionelle Religionskultur aus. Nichts braucht mehr zwischen Gott und die Menschen zu treten, wenn wir unsere Gottesbeziehung so leben wir Jesus und Gott als unseren lieben Vater oder Mutter anreden und uns als seine Kinder und Geschöpfe geliebt wissen. Wir brauchen kein Opfer, um einen gnädigen, liebevollen Gott zu haben.

Das war natürlich allen Vertretern der damaligen Opferkultur und der damaligen Religionen ein Dorn im Auge, ja und sogar die ersten Christen fielen schnell wieder in dieses Opferdenken zurück und konnten sich aufgrund ihres Herkommens den gewaltsamen Tod Jesu nur so erklären und ihn mit einem positiven Sinn erfüllen. Aber der Tod Jesu trägt keinen Sinn in sich, wie kein gewaltsam herbeigeführter Tod irgendeinen Sinn in sich trägt, eben weil kein noch so großes Gewalt-Opfer irgendetwas ändert an der Lieblosigkeit vieler Menschen, der Welt und unseres Zusammenlebens, geschweige denn Einfluss hätte auf Gott, der sich in Jesus als Liebe offenbart hat.

Wenn Gott Jesu Tod aber gar nicht braucht um sich selbst gnädig zu stimmen, warum ist Jesus dann nicht diesem gewaltsamen Tod aus dem Weg gegangen und ist geflüchtet? Weil er sonst seinen ganzen Lebensweg der unbedingten Liebe zu Gott und den Menschen verraten hätte. Jesus geht den Weg der Liebe bis zum Schluss. Er bleibt bei seiner Einstellung an der Seite der Sünder und Ausgestoßenen, der Gescheiterten und Ohnmächtigen, der ganz normalen Menschen zu stehen, ihnen allen zu helfen, sie liebevoll anzunehmen, auch wenn es schwierig wird und er in Konflikt gerät mit den Behörden, mit den Konventionen, also all dem, was MAN so macht und nicht macht. Jesus geht seinen Weg des herzlichen Vertrauens zu Gott und seiner direkten Verbindung zu ihm bis ans Ende und verzichtet bis zum Schluss auf den Mechanismus von Gewalt und Gegengewalt.

Und das wird auch im heutigen Predigttext deutlich, an dem was Jesus da nämlich noch am Kreuz sagt.

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.

Das ist kein: Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt eines Gottes, der schon weiß: ich werde ja sowieso wieder auferstehen, sondern das ist die Hinwendung zu den Menschen selbst im Angesicht seines Todes. Jesus bittet Gott für sie um Vergebung obwohl sie gerade dabei sind ihn zu ermorden. Das ist die radikale Feindesliebe, von der Jesus gepredigt hat, die er von seinen Leuten verlangt. Das ist die Liebe, von der Jesus sagt: Daran soll man euch als meine Jünger erkennen. Die Henker bitten auch nicht vorher um Vergebung und dennoch wendet sich Jesus ihnen zu.

Auch das zweite Wort Jesu am Kreuz drückt seine Hinwendung zu den Menschen aus. Auf die Bitte des Verbrechers an seiner Seite, an ihn zu denken, antwortet Jesus ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Auch er bittet nicht um Vergebung oder bereut zuerst seine Taten. Nein auch hier bleibt die Zuwendung Gottes zu ihm voraussetzungslos.

Vielen legt sich jetzt der Rückschluss nahe, dass der andere Verbrecher verloren ist, aber das wird hier gar nicht erzählt. Zu ihm sagt Jesus zwar nichts, aber Jesus verurteilt ihn auch nicht, jedenfalls nicht explizit. Jesus macht dem Verbrecher am Kreuz neben ihm Mut, auch im Tod und im Leiden auf Gott zu vertrauen, darauf zu vertrauen, dass Gottes Liebe stärker ist als der Tod und die Schuld, die er auf sich geladen hat bzw. der Grund für seine Verurteilung war. Heute wirst du mit mir im Paradies sein ruft Jesus auch heute Menschen in ihrem Sterben zu und lädt sie ein, auch am Ende ihrer Kräfte, ihres Lebens auf der Erde Gott zu vertrauen und sich seine Liebe zusprechen zu lassen, so wie auch Jesus bis zum Schluss Gott vertraut hat.

Das drückt sich aus in seinen letzten Worten: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Auch im Fallen weiß er sich getragen von Gottes Händen. Er stirbt beispielhaft, wie auch wir sterben können und geht so wirklich den Weg des Vertrauens bis ans Ende und über das Ende heraus, wie sich Ostern herausstellen wird. Denn Ostern wird Jesus als Opfer menschlicher Gewalt und menschlicher Mechanismen mit seiner Auferstehung wieder ins Recht gesetzt und sein Weg des Vertrauens auf Gott und der Liebe bestätigt. Aber das ist ein neues Thema.

Nochmal: In dieser Erzählung nach Lukas gibt sich Jesus uns als Beispiel für ein Leben im Vertrauen zu Gott. Er ist hier in der Lukas Version weder von Gott verlassen (Mt), noch der souveräne „es ist vollbracht“ Typ bei Johannes. Jesus bleibt hier in dieser Erzählung ganz Mensch, der sich im Einklang mit Gott befindet und daraus seine Kraft bekommt, Leiden und Tod zu ertragen. Wir sehen an ihm das Beispiel eines versöhnten Menschen.

Warum musste also Jesus leiden und sterben? Weil er mit den Sündern Gemeinschaft hatte und er alle Menschen lieb hat. Das konnten die anderen nicht ertragen. Und weil er damit ganz bei sich geblieben ist und seinen Weg der Liebe nicht verleugnet hat, sondern bis zum Ende gegangen ist.

Das erkennt auch der Hauptmann aus der römischen Wache unter dem Kreuz: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen! sagt er.

Lassen wir uns von diesem Vertrauen auf Gottes Liebe anstecken und lassen uns befreien von all unseren Bedürfnissen nach Opfern und den Versuchungen, andere schlecht zu machen, damit wir besser dastehen. Lassen wir uns befreien zu einer bedingungslosen Liebe. Amen.

Und der Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Henning Porrmann (http://www.mitreden.henning-porrmann.de/?p=68)

Gottesdienst am Karfreitag (22.4.) 2011 in Guntershausen um 15.00 Uhr und in Rengershausen um 16.15 Uhr

1. Die Orgel schweigt

2. Begrüßung

3. Lied: EG 81,1.2.6.10 Herzliebster Jesu

4. EG 731 (bitte anschlagen!) Psalm 69

5. Bittruf

6. Tagesgebet

7. Schriftlesung 2. Kor 5,14-21

8. Glaubensbekenntnis

9. Lied: EG 85,1.5.9 O Haupt voll Blut und Wunden

10.Predigt

11.Lied: EG 98,1-3 Korn das in die Erde

12.Fürbitten / Vaterunser

13.Lied: EG 376,1-3 So nimm denn meine Hände

14.Bekanntmachungen

15.Segen

16.Die Orgel schweigt immer noch

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