Zu anderen Worten finden

Liebe Gemeinde,

Wenn Wut aus uns spricht

Zuerst sehen wir. Hören auch. Sind wir in schlimme Ereignisse verwickelt, rufen sie in uns sofort Zorn, Angst oder Empörung hervor. Dann hört man uns reden, wie wir unsere Wut in Schrei und Worte pressen. Oder besser, wie die Wut unsere Stimme benutzt und unsere Gedanken besetzt, formt und raus schreit. Und wenig später stehen wir neben uns selbst. Kommen zur Ruhe. Nicht selten sind wir entsetzt. Was da alles in uns schlummert. Wehe, wenn es geweckt wird. „Bin ich das jetzt gewesen?“ fragen wir uns. Habe ich so geschrien? „Hast du das jetzt ernst gemeint?“ hören wir unser ebenfalls noch hart atmendes Gegenüber. Manchmal kehrt dann Stille ein. Schweigend steht man dort. Sag was, hört man sich flehen. Sag was. Und das stille Gebet flüstert in der Seele: Hoffentlich wird etwas Gutes gesagt!

Sich Karfreitag nähern

Es gibt natürlich viele Möglichkeiten, unseren Bibeltext von der Kreuzigung Jesu auszulegen. Heute wähle ich eine davon. Wir achten auf die Worte, auf das, was am und um das Kreuz herum gesprochen wird. Leitend ist dabei der Gedanke, dass sich das, was wir tun und wie wir sind, zuerst in unseren Gedanken formt. Wir werden versuchen, das, was am Kreuz geschehen ist, als Sprachereignis zu verstehen. Das klingt kompliziert. Sie werden sehen, es ist eigentlich ganz einfach.

Karfreitag, so sagt man gerne, sei der höchste Feiertag unserer Kirche. Jesus Christus opfert sich für uns am Kreuz. Stellvertretend nimmt er unsere Sünde auf sich. Wie aber können wir eine Verbindung herstellen zwischen dem Ereignis damals und unserem Leben heute? Es kommt wohl darauf an, in welchem Zusammenhang wir das Kreuz verstehen wollen. Nur für sich genommen, als Hinrichtung, bliebe es ein zwar schreckliches, aber doch längst vergangenes Ereignis, millionenfach wiederholt in den Kerkern der gewalttätigen Herrscher. Und Jesus ist nicht der einzig gute, edle Mensch gewesen, den Menschenhass ums Leben gebracht hat.

Die Annäherung an das Kreuz kann für mich nur von Ostern her geschehen. Sie kann nur geschehen von dem her, der sein Leben am Kreuz gelassen hat, dem Auferstandenen.

Hört nur, was er sagt!

Achten wir also darauf, wie geredet wird unter dem Kreuz. Jesus spricht den ersten Satz, die zentralen Worte. Darin reicht er uns den Schlüssel, das zu verstehen, was dort geschehen ist.
Im tiefsten Elend seines Lebens an der Pforte zum Tod, in das schlimmste Ereignis verwickelt, das einem Menschen widerfahren mag, erhebt Jesus seine Stimme. Die schmerzenden Nägel, die Fesseln, Schmach und Erniedrigung vermögen es nicht, ihm Worte aus Wut und Hass in den Mund zu pressen.

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
Dieser Satz ist eingewebt in das Leichentuch, das sich über die Szene senkt, eingewebt wie ein goldener Faden. Er mag heroisch wirken, heldenhaft. Und wollten wir ihn nur so verstehen, als tapferen, letzten Satz eines aufrechten Menschen, dann hätten wir zu kurz gegriffen. Blieben dort stehen, wo der Hauptmann stand: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen. Dann wäre Jesus wie jeder andere auch, der tapfer sein Leben beendet.
Der Kreuzestod Jesu ist kein heroischer Akt. In seinem Tod fokussiert sich das Elend dieser Welt.

Die Oberen, die Soldaten treiben mit Jesus ihr böses Spiel. Wollten wir in der Manier der alten Tafelmaler diesen Menschen Gesichter geben, wir könnten unsere Zeitungen neben uns legen, und die Gesichter abzeichnen. Die kalte Arroganz der Macht ist bis heute geblieben. In Afrika erschlagen sich die Völker gegenseitig. In Libyen herrscht Krieg. Ach ja, von Afghanistan hat man schon lange nichts mehr gehört. In Japan drücken sich die Verantwortlichen um ihre Schuld und verschleiern ihre sträfliche Nachlässigkeit.

Wir sind in schlimme Ereignisse verwickelt. Welche Gedanken schreiben sie uns in den Kopf? Welche Wut kochen sie auf? Wie viel Hass drängen sie uns ins Gemüt?

Nun könnten wir anheben zu klagen:
Hört nur die Hassreden der neuen Nazis. Hört nur die giftigen Worte der politisch Streitenden. Lest doch im Internet nach, wie Schüler sich gegenseitig bloß stellen. Lest eure Zeitungen. Merkt ihr nicht, wie man dort mit euren dumpfen Gefühlen aus Neid, Missgunst und Hochmut spielt? Unablässig sucht man den Splitter im Auge des anderen. Dabei wird stets unterstellt, dass Menschen allezeit stark, ohne Fehl und Tadel, immer richtig, immer korrekt sein müssen.

Am Donnerstag habe ich zusammen mit einem unserer Kinderhorte einen Gottesdienst gefeiert. Die Erzieherinnen gaben das Thema vor: Wort töten, Worte machen lebendig. Es sei so schlimm, sagten sie, wie hart und unbarmherzig Kinder miteinander reden.

Da ist soviel Gewalt in den Worten.

Worte erklingen unterm Kreuz: Es wird gespottet und verhöhnt. Hilf dir doch selbst, geifern sie. Zeig doch deine Macht! Christus willst du sein und König? Wehe dem, der Schwachheit zeigt. Das ertragen die Menschen nicht, deren Götze andere Namen trägt: Macht. Stärke. Durchsetzungsgewalt. Herrschaft. Eigensinn.

Es ist soviel Wut, soviel Hass in den Worten. Und wollten wir uns nun darüber empören? Nein, das werden wir nicht tun.
Sag was, hört man sich flehen. Sag was. Und das stille Gebet flüstert in der Seele: Hoffentlich wird etwas Gutes gesagt!

Hört, was er sagt:

Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.
In seiner Bitte, in deinem letzten Gebet, öffnet Jesus die furchtbare Stunde hin zu Gott. Er öffnet im Tod die Welt hin zu Gott. So wird das Kreuz zum Heilszeichen. Am Kreuz stirbt Gottes Sohn. Er nimmt die ganze Todverfallenheit unseres Menschseins auf sich. Er nimmt den Tod auf sich, er vergibt sein Leben, damit wir Vergebung erfahren.

Hört, was er sagt! Dem armen Kerl, der mit ihm am Kreuz hängt, dessen Leben die grausamen Menschen aus seinem Leib quälen, diesem armen Halunken spricht Jesus zu: Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradies sein. Paulus wird später sagen: Das Kreuz Jesu wird uns zum Heilszeichen, zum Zeichen dafür, dass wir ohne gute Werke vor Gott gerecht werden.
Das ereignet sich am Kreuz, wenn wir es von dem her verstehen, was gesagt wurde: Im Tod öffnet sich die Endlichkeit hin zu Gott. Im Tod liegt das Tor einer uns unvorstellbaren Zukunft.

Gott anders glauben

Im Tempel, so erzählt uns Lukas, sei in der Stunde des Todes der Vorhang zerrissen. Dieser Vorhang sollte die Trennung zwischen Welt und Gott symbolisieren, das Heilige vor dem Profanen schützen. Und noch heute wird Religion so gelebt, so konstruiert: Hier das Heilige und dort die böse Welt. Hier die guten Machthaber, dort die Feinde Gottes. Hier die Priester, dort das elende Volk.

Hinter dem zerrissenen Vorhang aber sieht man nun die nackte Wand aus Steinen, von Menschen gebaut.

Wenn wir über den Karfreitag wirklich nachdenken wollen, kommen wir nicht umhin, Gott anders zu glauben. Gott ist die Liebe, wird der Evangelist Johannes sagen. Diese Liebe mag unser Herz erreichen und uns wandeln. Diese Liebe zu leben, in ihr zu leben, ist unsere Lebenschance. Gebe Gott, dass wir zu anderen Worten finden, zu Worten, in denen sich Zukunft aufschließt. Worte aus Heiligem Geist gesprochen.

Wenn wir das im Glauben erfassen und mitnehmen in unser Leben, in unsere schlimmen Ereignisse, dann mag uns das Kreuz zum Heilszeichen werden, zum tief in Gott gegründeten Zeichen, dass wir an der Pforte des Todes, im Schlimmsten nicht verloren sind.

Leben wandeln

Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände. In diesen letzten Worten Jesu liegt unsere Zukunft.

Wir leben in einer unruhigen Zeit, voller Katastrophen, voller Orientierungslosigkeit. Was wir erleben, aufnehmen und mitkriegen formt unsere Gedanken. Kinder sind es oft, die es als erste spüren: Die Zeit ist hart. Auf so wenig ist Verlass. Die Großen scheinen das Leben als Krieg zu aufzufassen, als Wettlauf, als Kampf jeder gegen jeden. Pass nur auf, dass du immer Menschen unter dir hast, dass Menschen da sind, auf die du herabblickst in Verachtung.

Wir leben in unruhiger Zeit als Christenmenschen. Zuerst sehen wir. Hören auch. Sind wir in schlimme Ereignisse verwickelt, rufen sie in uns Wut, Angst oder Empörung hervor. Davon sind nicht frei, denn wir wollen uns nicht als die Besseren darstellen. Und doch ruht eine andere Kraft in uns, das was man in der Theologie den „Heiligen Geist“ nennt. Unser Glaube mag darin lebendig werden, dass wir in Zeiten harte Rede zu anderen Worten, zu einem anderen Geist finden. Das heißt ja nicht, dass wir gleichmütig grinsend durch die Welt laufen müssen. Nüchtern sollen wir sein, heißt es in der Bibel, uns des Zorns enthalten. Darin liegt eine schwere Aufgabe, weil wir uns gegen den Zeitgeist stemmen, gegen Unbarmherzigkeit und Wut.

Sag was! Hören wir die Welt flehen? Sag was. Und im stillen Gebet der Erde ruht Sehnsucht: Hoffentlich wird etwas Gutes gesagt!

Es ist ganz einfach: Lukas schildert uns beides in eins. Er schildert die brutale, herzlose Gewalt der Kreuzigung und all den Spott und die grausame Lust der Soldaten. Zugleich hat er uns das Kreuz als Sprachereignis uns überliefert. In der tiefsten Todesnot öffnet Jesus seinen Mund: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Gebe Gott uns Christen den Mut, in dieser am Kreuz offenbar geworden Liebe zu leben, zu reden, zu handeln. Das ist eine schwere Arbeit. Eine segensreiche Aufgabe, der wir uns überall dort stellen können, wo wir leben und teilhaben am Gespräch dieser Welt.

Der Karfreitag ist unser höchster Feiertag, weil Gottes Liebe sich in tiefster Not, im tiefsten Elend offenbart hat. Um das zu begreifen, brauchen wir keine mittelalterlichen Theorien von einem strengen Gott, der sich nur durch Opfer besänftigen ließ. Der Vorhang ist zerrissen. Und wenngleich jede Generation neu versucht, ihn wieder zu flicken, so stemmen wir uns dagegen: Gott ist die Liebe. Im Hebräer-Brief heißt es: Wo aber Vergebung der Sünden ist, da geschieht kein Opfer mehr für die Sünde (10,18). Die Versöhnung ist am Kreuz offenbar geworden in Christus, in den Worten Jesu. Die Rede vom Kreuz ist ein Sprachereignis: Vater, vergib uns. Rette uns aus unserer harten Welt und schenke uns einen neuen Geist.

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