Leben, ich werde leben.

Liebe Ostergemeinde,

Andere Herrscher

Es gibt so viele Schutzvorrichtungen für alles auf dieser Welt. Jedes unserer technischen Geräte wurde geprüft, ehe es auf den Markt kam. Unsere Autos müssen wir alle zwei Jahre untersuchen lassen, ob sie noch fahrtauglich sind. Mein Ausweis läuft nach zehn Jahren ab, dann ist eine Erneuerung fällig.

Wo aber wurde ich geprüft, ehe ich die Welt betrat? Reicht es, wenn ein Arzt meinen Körper alle zwei Jahre kontrolliert? Meine Laufzeit dauert schon mehr als zehn Jahre, aber neu geworden ist so wenig.

Für meinen Computer habe ich einen Virenschutz, der böse Attacken abwehrt. Meine Haustür ist immer gut abgeschlossen. An jeder Wand hängen Sicherheitshinweise in meiner Firma. Wenn es erforderlich ist, sind Schulungen fällig. Der Aktenordner mit all den Versicherungen wächst mit den alljährlichen Rechnungen.

Meine Seele hat keinen Virenschutz, die bösen Seiten des Lebens auszublenden. Meine Ohren sind offen und die harten Worte treten ein als ungebetene Gäste. In meinen Lebensräumen hängen keine Sicherheitshinweise. Die Schule damals hat dann wohl doch nur sich selbst gedient. Quittungen gab man mir genug im Leben. Meine Seele hat sie ordentlich abgeheftet und in den Morgenstunden blättere ich darin.

Herr, unser Gott, es herrschen wohl andere Herrscher über uns als du. Gleich nach dem Frühstück verbrüdern sich die engen Schuhe mit den engen Pflichten, die draußen auf mich warten. Und mit der Jacke legt sich die Last des neuen Tages auf die Schultern.

Wer alles über mich herrscht? Sollte ich nun auf die anderen zeigen und ihre Namen ausspeien? Ach, das wäre nicht einmal ein Bruchteil der Wahrheit und allenfalls ein fahler Schatten davon.
Wer über mich herrscht sind nicht die anderen. Was mich beherrscht, ist ein Teil meiner selbst.

Die Mitbewohner meiner Seele sind es, die meine Schritte lenken, mich zu Fall bringen und dann, wenn ich wieder auf den Füßen stehe, in falsche Richtung führen. Sollten sie Namen haben, dann könnten sie heißen: Angie Angsthase. Friedrich Furchtvoll. Betty Bissig. Rudi Rechthaber. Charly Schüchtern. Peter Petze. Traudl Trauerkloss, die mich mit ihrem Übergewicht bedrängt. Goldie Habgierig-Immerfort. Sie hat gut geheiratet und besitzt sogar einen Doppelnamen. Aber da wären wären noch Nina Nievergißich zu nennen und Susanna Sucht.

Herr, unser Gott, es herrschen wohl andere Herren über uns als du.

Seines Namens gedenken

Heute aber, in dieser frühen Morgenstunde sitzen wir in dieser reichlich frischen Kirche. Lange genug haben wir in unseren Gedanken um selbst gekreist.

„Aber wir gedenken doch allein deiner und deines Namens“, schreibt Jesaja für uns. So erheben wir nun unsere Seele über all das hinweg, was an anderen Tagen uns niederhält. Hier, in diesem mit Gesang und Gebet erfüllten Raum, gib, Herr, meiner Seele neue Kraft.

Als ich ein Kind war und nichts wusste von dieser Welt, da wurde dein Name über mir genannt. In Jesu Namen hat mein Leben begonnen. Das bedeutet oft so wenig auf den Wegen, die ich gehe.
Nun aber lass, Herr, meine Gedanken zu dir aufsteigen, übe die Berge hinweg, die dem freien Blick ein Hindernis sind. Auf den Gipfel stelle mein Herz, das ich das weite Land meines Lebens unter mir sehe, meinen Weg zu erkennen.

Glauben, Herr, wecke Glauben in unseren Herzen. Öffne über uns den weiten Horizont deiner Hoffnung. Stärke uns mit Vertrauen, Herr, mit Glauben und Vertrauen, dass wir leben können mit diesem Licht in uns: Dein Name ist über uns genannt. Unter deinem Segen wollen wir leben, dein Wort lieben und achten, dir lobsingen. Herr, mit dir zu reden über mein Leben und all die, die darin herrschen, machte mich lebendig und gäbe mir Kraft.

Mit dem aufgehenden Licht, Herr, sende dein Licht in meine Seele und gib, dass ich gewandelt hinausgehe als ein Mensch, der das Leben in dir gesehen hat. Diesen Moment, Herr, schenke mir in diesem heiligen Raum. Wie frischer Tau möge der Glaube sich über mich senken und mir all die Frische, all die Lebensfrische anhauchen, nach der mein Leben sich sehnt.

Leben, ich werde leben

Deine Toten werden leben, schreibt dein Prophet in unsere Bibel. Hinter dem schwarzen Vorhang vermagst du unendliches Sein, junges Leben erblühen zu lassen. Und wenn ich, Herr, dazu gehören soll, so schenke mir in diesen Tagen, in den Tagen meines Lebens vor dem Vorhang eine gewisse Ahnung, eine feste Hoffnung, ein mutiges Vertrauen. Lass mich aufwachen, der ich unter der Erde meines Lebens gefangen bin. Lass wahr werden für mich, was Jesaja schreibt: Die Erde wird die Toten herausgeben. Nimm den Staub von meinem Gesicht und wasche mich rein, Herr, so wie ich einst in der Taufe für das Leben in dir gereinigt worden bin.

Dich zu loben, Herr, ist nicht so meine Sache. Die Texte deiner Lieder sind mir fremd. Die Gebete vermag ich nur leise mit zu flüstern. Meine Hände falte ich beschämt, als dürfte kein anderer es sehen.

Heute aber, in dieser frühen Morgenstunde, in der wir die Auferstehung deines Sohnes Jesus Christus feiern, leuchtet etwas in mir. Erhalte mir dieses Licht, diesen Glanz. Meine Tränen werden wieder trocknen. Doch der Tau, der frische Tau des Lebens, mag mir anhaften und in mir bleiben. Leben, ich werde leben.

Und wenn das Leben mich prüft, so mag es Glauben in mir finden. Zum Leben traue ich dir. Mein Pass mag ablaufen. Die Taufe, der Bund des Lebens aber währt ewig. Die Osterkerze ist bald nieder gebrannt. Das Böse wird nicht aufhören, mich zu bedrängen, doch finde ich Schutz in deinem Geist. Und so leicht geben die Herrscher meines Lebens nicht auf. Jesus Christus aber wird siegen in mir. Und sei es nur in diesem kleinen Augeblick, in dem ich dich so nahe spüre, wie nie zuvor. Das muss mir wohl reichen. Es gibt einen anderen Herrn. Sei mir gegenwärtig, wenn ich den Tag beginne und zu dir rufe. Sei mir gegenwärtig, wenn mein letzter Gedanke den Tag beschließt. Sei es auch in der langen Nacht.

Du bist mir gegenwärtig an diesem Morgen. Der Morgenglanz deiner Ewigkeit scheine über uns. Bewahre mir das österliche Licht meines Lebens.

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