Karfreitag ist der Tag, an dem die Opfer zu Wort kommen sollen

Liebe Gemeinde,

hier von der Kanzel aus hat man einen besonders eindrucksvollen Blick auf die Kreuzigungsdarstellung in unserer Kirche. Das Besondere an dieser Kreuzigungsgruppe aus dem 16. Jahrhundert ist, dass der unbekannte Künstler sein gestalterisches Geschick vor allem bei den Übeltätern, bei den Verbrechern entfaltet. Besonders der unbelehrbare Übeltäter hier auf der rechten Seite von Jesus ist sehr realistisch, mit individuellen Gesichtszügen, dargestellt. Die Bibel selbst gibt uns ja keine Auskunft darüber, welcher von beiden der Lästerer war, der rechte oder der linke. Die Künstler behelfen sich aber damit, dass einer Jesus zugewandt ist und der andere sich von ihm abwendet, wie es auch bei unserer Kreuzigungsgruppe deutlich zu sehen ist.

Im heutigen Bibeltext für Karfreitag werden wir durch den Evangelisten Lukas ganz nahe an das Kreuzigungsgeschehen herangeführt. Es ist fast so, als würde er mit einer Kamera ganz nahe heranzoomen. Wir erfahren Dinge, die sonst keiner gehört hat. Wir werden Zeugen eines Gesprächs am Kreuz, von dem die anderen Evangelisten nichts wissen. Der Dialog der Verbrecher mit Jesus am Kreuz wird nirgends sonst im neuen Testament berichtet.

Durch die Erzählung von Lukas sind wir mitten hineingenommen in dieses grausame und furchtbare Geschehen. Eine öffentliche Hinrichtung mit Gaffern, die sich gruseln wollen, mit Händlern, die auf ein großes Geschäft hoffen. Da stehen Selbstgerechte, die zufrieden sind, dass wieder Ordnung herrscht neben Vertretern der Religion, die hoffen, dass jetzt wieder Ruhe unter den Gläubigen einkehrt.

Nur die, von denen wir erwartet hätten, dass sie Jesus in dieser schrecklichen Stunde nicht alleine lassen würden, sind nicht da. Die Jünger und Jüngerinnen mit denen er noch am Tag vor seiner Verhaftung Brot und Wein geteilt hat. Die Menschen, die er geheilt hat, die ehemals Lahmen, Blinden, Aussätzigen, wo sind sie?

Schreibt Lukas: „Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.“

Nachdem in den Bibelversen davor, die an der Kreuzigung anwesenden und beteiligten Menschen doch sehr eindrücklich beschrieben wurden, befremdet diese sachliche und nüchterne Feststellung.
Kein Wort der Betroffenheit, kein Weinen und Wehklagen. Eine seltsame Distanziertheit begegnet uns in der Gruppe von Jesu Anhänger und Jüngerinnen.

Sie sind ratlos und sprachlos, wie erstarrt. Was hat dieser Tod zu bedeuten? Scheitern und Versagen oder Rettung und Erlösung?

Wir, liebe Gemeinde, schauen heute nicht mehr aus der gleichen Betroffenheitsperspektive auf das Kreuz, wie die ersten Christen damals.

Aber die Fragen, die der Tod Jesu am Kreuz aufwirft, bewegen uns doch in gleicher Weise immer wieder neu. Musste Jesus sterben? War das alles ein göttlicher Plan und haben wir, in irgendeiner Weise mit diesem Tod zu tun?

Über viele Jahrhunderte schien dies unhinterfragt zu gelten: „Für uns gestorben“ und „O Mensch bewein dein Sünde groß“, wird in unterschiedlichster Weise in den meisten Passionsliedern besungen und betont.

Aber der Karfreitag, der früher in der evangelischen Kirche als der höchste Feiertag galt, hat offensichtlich an Bedeutung verloren und das ist wirklich schade.

Dass den Menschen in unserem Land dieser Tag nicht mehr so wichtig ist, ist sicher auf der einen Seite ein gesellschaftliches Phänomen. Sich den Fragen von Leid, Tod und Sterben zu stellen, ist für die meisten Menschen grundsätzlich schon sehr schwierig und dann dies alles noch mit Sünde, Schuld und Hölle, Gott, und Erlösung in Zusammenhang zu bringen, überfordert die meisten.

Über Jahrhunderte hinweg hatten die Menschen des christlichen Abendlandes, große Angst vor dem, was nach dem Tod kommt, weil sie die Strafe Gottes fürchteten.

Wenn wir einer repräsentativen Umfrage der GFK folgen, dann glauben heutzutage die meisten Deutschen, dass der Tod die Existenz absolut beendet. Nur ein Drittel ist noch davon überzeugt, dass alle Taten zu Lebzeiten Einfluss auf das Leben danach haben werden und noch weniger rund ein Viertel teilen die Vorstellung von Paradies und Hölle.

Auf einzelne Prozente kommt es gar nicht an, wichtig ist festzuhalten, dass für die meisten Menschen in unserer Gesellschaft der Zusammenhang zwischen dem Tod Jesu und dem eigenen Leben nach dem Tod ohne Bedeutung ist und daher können viele auch mit den alten christlichen Deutungen immer weniger viel anfangen.

So empfinden viele, die nicht in einem streng christlichen Elternhaus aufgewachsen sind, eine innere Distanz zum Tod Jesu am Kreuz.

Ich glaube, liebe Gemeinde, dass wir kritische Fragen ernst nehmen sollten und es uns als Kirche gelingen muss, den Menschen des 21. Jahrhunderts zu sagen, warum der Karfreitag ein unverzichtbarer und zentraler christlicher Feiertag ist, der auch der Gesellschaft allgemein etwas geben kann.

Der Karfreitag ist deshalb wichtig, weil an diesem Tag das Leid des Menschen und die Opfer von Gewalt im Zentrum stehen und eine Stimme bekommen. Gerade in der Erzählung des Evangelisten Lukas, die es uns ermöglicht wirklich hineinzuhören, was am Kreuz geschah, wird dies besonders deutlich.

Aus den Geschichtsbüchern, liebe Gemeinde, wissen wir, dass die Weltgeschichte immer von den Siegern geschrieben wurde. An Karfreitag dagegen findet das Leid, der Leidende Gehör. An Karfreitag wird den stummen Opfern eine Stimme gegeben.

In Jesus Christus begegnet uns der unschuldig Leidende am Kreuz. Indem wir Anteil nehmen an seinem Leiden und Sterben, nehmen wir gleichzeitig die ganze Welt in den Blick. Wir verschließen uns nicht gegenüber dem unschuldigen Leiden und Sterben anderer.

Manchmal ergeht es uns vielleicht dabei wie den Jüngern und Jüngerinnen Jesu, die von ferne schockiert und ohnmächtig zuschauen müssen.

Mir geht es z.B. so, wenn ich lese, wie völlig friedliche Menschen, die in Syriens Hauptstadt Damaskus an einem Sitzstreik teilnehmen, mit scharfer Munition niedergeschossen werden.

Oder wenn ich von sinnloser brutaler Gewalt gegen zufällige Passanten in U-Bahnhöfen höre.

Wenn ich Menschen begegne die schon in jungen Jahren von schweren Krankheiten gezeichnet sind.

Wer in solchen Situationen nicht wegsieht oder weghört, wer den Opfern zuhört, bekommt eine andere Sicht der Wirklichkeit, nimmt Anteil an ihrem Leben, Schicksal und Leiden.

Sich dem Leid der Welt stellen, dem Leidenden zuhören, darum geht es an Karfreitag.

Und die Erfahrung vieler Menschen, die das gemacht haben ist, dass sie durch diese Begegnungen, selbst etwas für ihr Leben und den Umgang mit Leid gelernt haben.

Gerade, wenn wir auf die Worte Jesu am Kreuz aus unserem Bibelwort hören, erstaunt es, dass der Leidende von Vergebung für die Täter spricht: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun“. Dass er den Sterbenden Hoffnung gibt: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein“; und er sich selbst in der schlimmsten Stunde seines Lebens bei Gott geborgen weiß: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“

Liebe Gemeinde,

Karfreitag ist der Tag, an dem die Opfer zu Wort kommen sollen. Es ist ein Tag der Besinnung und der Anteilnahme. Es ist der Tag wo wir uns mit den Gekreuzigten und Leidenden solidarisieren und von ihnen lernen wollen.

Amen

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