Die dunkle Seite Gottes – die Opferung auf Moria vollendet sich auf Golgatha

PREDIGT ZU GEN 22,1-13: ABRAHAMS VERSUCHUNG – MORIA
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus, der sich selbst für unsere Sünden dahingegeben hat.

– Predigttext Gen 22,1-13 –

1. „…der hat aber gesagt…“
„…und wenn der Stefan dir sagt, dass Du aus dem Fenster springen sollst, was machst Du dann? Ach, das lässt Du dann also bleiben? Dann erzähl mir bitte auch nicht, dass Du der Nina nur deswegen an den Haaren gezogen hast, weil Dir der Stefan das gesagt hat.“

Liebe Gemeinde,
so schimpfte mich vor vielen Jahren einmal mein Grundschullehrer aus.
Nur weil irgendjemand irgendetwas sagt, muss man nicht folgen. Selbst dann nicht, wenn derjenige stärker ist als ich es bin – und ich dadurch ein wenig Angst vor ihm habe.
Es ist keine große Weisheit, dass wir für unser Handeln verantwortlich gemacht werden. Die Ausrede, der oder die sagte mir dies und das… und ich tat das dann – diese Ausrede entbindet uns nicht von der Verantwortung, die wir im Leben mit unseren Taten haben.

2. „Gott hat aber gesagt…“
Wie verhält es sich aber, wenn Gott es ist, der dieses „etwas“ sagt.
Wie geht es aus, wenn Gott sich direkt ins Leben eines Menschen einmischt?
Wenn er selber – Gott – den Menschen anredet und auffordert, etwas zu tun, das nach unseren Maßstäben unglaublich abwegig ist und an Perversion kaum zu überbieten: Seinen eigenen Sohn zu opfern?

Begeben wir uns einmal in den Gesamtzusammenhang hinein: Abraham und Sara sind alt und kinderlos. Eine Art Ersatzsohn wird mit der Dienstmagd Hagar, der Ägypterin, gezeugt und geboren: Ismael, der später mit seiner Mutter in die Wüste gejagt wird.
Gott erhört die Gebete von Sara und Abraham; in hohem Alter bekommen beide endlich den ersehnten Nachkommen geschenkt: Isaak, der Stammhalter, der geliebte Sohn.
Und genau diesen ersehnten, geliebten Sohn soll Abraham nun diesem Gott opfern.
Dass dies nur eine Prüfung seines Glaubens sein sollte, konnte Abraham nicht wissen. Und wir erfahren nichts darüber, weswegen Gott dem Abraham solch eine Prüfung auferlegt. Gott verlangt von Abraham Abscheuliches. Und Abraham antwortet auf die Forderung Gottes nichts. Er argumentiert nicht, redet sich nicht raus. Abraham steht früh am Morgen auf, nimmt seinen Sohn, zwei Knechte, einen Esel, das Brennholz und zieht los.
Wenn Gott uns direkt anspricht, wenn Gott so konkret in unser Leben tritt, dann handeln wir entsprechend.
Wie ein Automat sind wir dann bereit, selbst den eigenen Sohn zu opfern.

3. Kant aber hat gesagt
Oder?
Kann man da nicht anders?
Kann man nur so reagieren, wie es Abraham getan hat?
Gott ganz oben – wir ganz unten?

Der große Königsberger Philosoph Immanuel Kant hat sich die Passage über die Opferung Isaaks auch einmal vorgenommen. Er schrieb dazu:
„Denn wenn Gott zum Menschen wirklich spräche, so kann dieser doch niemals wissen, daß es Gott sei, der zu ihm spricht. Es ist schlechterdings unmöglich, daß der Mensch durch seine Sinne den Unendlichen fassen, ihn von Sinnenwesen unterscheiden und ihn woran kennen solle. – Daß es aber nicht Gott sein könne, dessen Stimme er zu hören glaubt, davon kann er sich wohl in einigen Fällen überzeugen; denn wenn das, was ihm durch sie geboten wird, dem moralischen Gesetz zuwider ist, so mag die Erscheinung ihm noch so majestätisch und die ganze Natur überschreitend dünken: er muß sie doch für Täuschung halten.“

Die Antwort Kants ist bestechend einfach:
Erstens: Wir können nie wirklich wissen, wer da zu uns spricht, wenn derjenige behauptet, Gott zu sein. Es könnte ja auch alles nur Einbildung, oder sogar eine psychische Krankheit, sein.
Und zweitens: Wenn das, was man da hört gegen das Sittengesetz, das heißt gegen das, was als moralisch von uns gefordert ist, verstößt, dann könne das nie und nimmer die Stimme Gottes sein.
Abraham hätte dieser Stimme antworten sollen, statt dem Sohn noch das Holz aufzuladen, etwa so:
„Dass ich meinen Sohn nicht töten soll, davon bin ich überzeugt; dass aber du, der du mir erscheinst, Gott sein könnte, davon bin ich ganz und gar nicht überzeugt, und das kann ich mit der Aufforderung auch nicht werden – selbst dann nicht, wenn deine Stimme klar und deutlich vom Himmel herab rufen würde.“

4. Ich aber sage euch: Gott ist anders!
Nun, so schön die Argumentation Kants auch ist, sie hat einen Haken: Es wird vorausgesetzt, dass Gott ein durch und durch moralisches Wesen ist, es wird ein immer bloß gerechter, moralischer Gott von Kant erwartet.
Der Kant macht sich´s einfach: Alles, was nicht ins Schema passt, alles, was etwa mit Gottes Zorn, Gottes Eigensinn, Gottes Unnahbarkeit, Gottes Verschlossenheit, Gottes Rache zu tun hat, eben mit all dem, was für uns vor allem im Alten Testament von Gott gesagt wird, all diese Eigenschaften, oder sagen wir lieber: diese dunkle Seite Gottes: Die blendet Kant einfach aus.

Liebe Gemeinde, das kann man tun. Wir Menschen interpretieren Gott eben mal auf diese, mal auf die andere Weise.
Bloß: Was bleibt uns dann noch von dieser Geschichte der Versuchung Abrahams? Ja, was bliebe noch am ganzen Christentum, wenn wir Gott nur noch dann in der Bibel zu Wort kommen ließen, wo er in unsere Vernunft hereinpasst?
Es bliebe der Kuschelgott, der immer nur liebende Gott, der so weich ist, dass er jetzt schon keine Substanz mehr aufweist. Ein Gott, der so bequem und heimelig ist, dass man ihn einfach beiseite stellen oder sich in die Hosentasche stecken kann.
Es wäre der „liebe Gott“, von dem Pfarrerinnen und Pfarrer landauf landab in den letzten Jahren viel zu viel gepredigt haben.

Ein Gott billiger Gnade.

Und wenn es auch richtig ist, dass unser Gott sich uns gegenüber gnädig und barmherzig zeigt, dass er uns unbedingt anerkennt, er uns liebt – so richtig das auch ist, so darf doch darüber nicht vergessen werden, dass, nach allem, was wir hier auf Erden sehen und erleben können, Gott auch manchmal schreckliches ist.
Erzählungen wie die von der beinahe vollzogenen Opferung Isaaks halten uns diese dunklen, anderen Seiten Gottes wach.

Ich gehe davon aus, dass manch einer oder eine von Euch neben all dem Guten, das er von Gott erfahren durfte, sehr wohl auch seine düsteren Seiten erlebt hat – selber oder zumindest im Beobachten der Menschen und der Welt:
Ein Kind, das ich zu Grabe tragen muss, zeigt uns etwas von der dunklen Seite Gottes.
Die Naturkräfte, die er zwar nicht entfesselt, aber sehr wohl zulässt, und die dann Zerstörung anrichten, etwa in Erdbeben und Tsunami, lassen uns erahnen, dass wir es bei Gott nicht einfach nur mit einem zu tun haben, der mit uns schmusen will.

Bei Gott haben wir es immer auch mit etwas ganz Anderem zu tun als wir es erwarten.
Daher halte ich die Argumentation meines Lieblingsphilosophen Kant zwar für durchaus schlüssig, aber letztendlich für falsch.
Gott ist nicht nur Vernunft und Moral, bei Gott haben wir stets auch eine unbekannte Größe vor Augen.
Und die erschreckt uns. Und die zeigt uns die Differenz zwischen Mensch und Gott:
Dieses Aufscheinen der ganzen Andersartigkeit Gottes erzeugt das, was man als Gottesfurcht bezeichnet. Nicht ein Gott, der uns ängstet, aber doch einer, dem wir Menschen mit höchstem Respekt begegnen sollen.

5. Bonhoeffer sagt: Gott ruft unbedingt!
Doch kommen wir noch einmal zu unserem Predigttext zurück.
Es ist schnell gesagt, dass Abraham ja hätte anders reagieren können, ja sogar anders hätte reagieren sollen.
Sich weigern, protestieren; oder verhandeln, so wie wir Abraham aus der Geschichte kennen, in der er um die Rettung von Sodom und Gomorrha feilscht.
Allein: Der tut das nicht.
Geradezu blindlings folgt auf den Ruf Gottes die Tat Abrahams.

Wie es zu diesem Gehorsam kommen kann, das haben einige von Euch zusammen mit mir bereits am vergangenen Donnerstag beim Bonhoeffergesprächsabend erfahren.
Bonhoeffer schreibt in seinem Büchlein „Nachfolge“ über eine andere Stelle in der Bibel, wo Gott mit seiner gesamten Autorität zu einem Menschen spricht.
Wenn Jesus etwa im Markusevangelium den Zöllner Levi zum Jünger beruft, dann fällt die Reaktion ähnlich kurz und knapp aus wie bei Abrahams Ruf zum Opfer an seinem Sohn.
Jesus spricht im Evangelium: „‘Folge mir nach!‘ Und er stand auf und folgte ihm nach.“
Auch Levi antwortet nicht, sondern folgt dem Ruf Gottes – hier durch Jesus – bedingungslos.
Bonhoeffer dazu: „Der Ruf ergeht, und ohne weitere Vermittlung folgt die gehorsame Tat des Gerufenen. […] Es ist der natürlichen Vernunft überaus anstößig.“
Es müsste doch wenigstens erklärt werden, wie jemand eine so abrupte Wende in seinem Leben vollziehen kann, vom Zöllner zum Jünger; Psychologen, Historiker, Biographieforscher müssten auf den Plan treten. Aber all das interessiert bei der Jüngerberufung nicht.
Bonhoeffer weiter: „Warum (interessiert das) nicht? Weil es nur eine einzige Begründung für dieses Gegenüber von Ruf und Tat gibt: Jesus Christus selbst. Er ist es, der ruft; und darum folgt der Zöllner. […] Jesus ruft in die Nachfolge, nicht als Lehrer und Vorbild, sondern als der Christus, der Sohn Gottes.“

Wenn Gott nun den Menschen ruft, und sei es zur Ermordung des geliebten Sohnes, dann kann der Mensch, dann kann auch Abraham gar nicht anders, als die Messer zu wetzen und umgehend zur Tat zu schreiten.
Wenn die ganze Autorität Gottes in der Waagschale liegt, was sollten wir Menschen dann dagegen setzen können?

6. Was sagen wir Menschen eigentlich?
Tatsächlich können wir in dieser Situation nichts dagegen setzen.
Wir sind in einer solchen Situation der direkten Gottesbegegnung alles andere als selbstbestimmt.
Gott der Herr ist nicht Stefan aus meiner Grundschulklasse;
mir scheinen im Übrigen solche absoluten Rufe Gottes auch nur sehr spärlich vorzukommen.
– Viel spärlicher jedenfalls als die Rufe der unterschiedlichen Stefans in unserem Leben, sei es am Arbeitsplatz, in der Konfirmandenstunde oder im Freundeskreis.
Da sind die Jünger Jesu, an die solch ein Ruf erging. Da sind die Propheten – bei manchen erging der Ruf zunächst nicht einmal so absolut, die konnten sich noch wehren. Einzelne Gestalten allesamt und einmalig wie Abraham.

Aber an uns?

Ergeht der Ruf Gottes auch an uns, an jeden von uns, an die Kirche, an die hier versammelte Gemeinde?
So unmittelbar, so konkret, so fürchterlich wie bei Abraham erlebe zumindest ich den Ruf Gottes nicht.
Höre ich vielleicht nicht genug hin?
Ist es in unserer Welt zu laut?

Aber kann denn irgendetwas – verstopfte Ohren, oder der Lärm unserer Welt den Ruf Gottes übertönen?

Vielleicht ist es für uns auch besser so, dass Gott die meisten von uns nicht so unmittelbar anredet, wie er es bei Abraham tat.
Wie Gottes Marionetten würden wir die Nachfolge betreiben.
Doch Gott scheint uns lieber als „Freie“ haben zu wollen.
Der braucht uns nicht als seine Marionetten.
Der braucht uns nicht alle als seine Handlanger ohne eigenen Willen.
Frei will er uns sehen.

Dass diese uns gegebene Freiheit ebenfalls wieder einer düsteren Tat unseres Gottes geschuldet ist, ja die düstere Tat sogar Bedingung der Freiheit ist –
nämlich das in letzter Konsequenz für uns Menschen nicht fassbare Ereignis der Kreuzigung Jesu Christi, das nun doch vollzogene Menschenopfer, vor dem Issak verschont blieb –
das lässt uns etwas ratlos zurück.

Auch bei diesem Mord scheint so sehr die düstere Seite Gottes auf, dass es zum Fürchten wäre, wüssten wir nicht, dass dies für uns geschieht.
Für uns leidet er, für uns war er bedingungslos treu.
Für uns wurde das blutige Opfer dann doch vollzogen.

Und wenn das verstanden ist, dann verwundert es vielleicht etwas weniger, dass der Ruf Jesu heute an uns so viel leiser ergeht;
weil wir von ihm längst mitgenommen werden, durch´s Kreuz hinein in die Auferweckung.
Trotz den dunklen Seiten Gottes, trotz den Krisen, die unsere Welt erschüttern, trotz des großen Unglaubens seiner Kinder, unserer Sünde.

Letzten Endes hat dann auch Abraham seinen Sohn nicht schlachten müssen. Gott hat ihn verschont. Die helle, freundliche, lichte Seite Gottes wird in der Geschichte für einen Augenblick sichtbar, als der Widder an die Stelle Isaaks tritt.

Und dieser helle Augenblick mag für diejenigen unter euch, die im eigenen Leben der finsteren Seite Gottes begegnet sind oder noch begegnen, am Ende wohltuend als Erlösung erlebt werden.
Am Ende ist und bleibt Gott bei aller Strenge und aller Andersartigkeit für seine Menschen der Barmherzige, der Gnädige; einer, der sich uns freundlich zuwendet.
Kein Gott zum Kuscheln. Das nicht.
Aber ein Gott, der sich für uns geopfert hat – endgültig.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen.

LIED EG 93: NUN GEHÖREN UNSRE HERZEN

drucken