Bodenlose Hoffnung

So geht’s also zu Ende. Jesus, der Menschensohn, der Sohn Gottes, der, der gesagt hat, er reißt den Tempel ab und baut ihn in drei Tagen wieder auf, dieser Mann hängt jetzt zwischen zwei Verbrechern. Bodenlos. Hoch erhöht über der Erde hängt er. Der sichere Boden unter seinen Füßen ist ihm entzogen. Er schwebt nicht über den Dingen. Ihm ist der Boden entzogen. Er ist gefangen an einem Holzbalken. Hoch erhoben hängt er da über dem Geschehen und schaut runter auf die Menschen, die sich da um ihn herum versammelt haben. Eine bunte Truppe hat sich da versammelt: Familie, Soldaten, Jünger, Schaulustige.

Jesus wird sterben. Gegenwärtig ist seine Lage aussichtlos. Er wird zum Vater gehen. Er wird all das tun, wovon die Lieder, die wir heute singen und in langen sieben Wochen zuvor gesungen haben, berichten. „Ob es jemals einen Menschen gegeben hat, der so wenig Boden unter den Füßen gehabt hat“, fragt Dietrich Bonhoeffer?

Die Antwort folgt auf dem Fuße: Jeden Tag. Jeden Tag hängen Menschen in der Luft. Wissen nicht mehr ein noch aus. Sind wie festgenagelt in ihren Gedanken. Trinken bitteren Essig aus dem Kelch des Leids. Jeden Tag gibt es Menschen, denen die „im Bereich des Möglichen liegenden Alternativen der Gegenwart gleich unerträglich und lebenswidrig […] erscheinen.“

Jesus ist dort oben am Kreuz nicht alleine. Neben ihm hängen nicht nur zwei Mörder, zwei Verbrecher. Neben ihm hängt der Mann, der sich aus totaler Verzweiflung vor einen Zug gelegt hat. Oder die vier Kinder, die plötzlich ihre Mutter verloren haben. Bodenlos. Ohne Kontakt zur Erde hängen diese Menschen da. Und sie wissen nicht ein noch aus, aus ganz unterschiedlichen Motiven, aber doch gleich in der Absolutheit der Erfahrung. Unumstößlich und gnadenlos.

Das Leiden hat ihren Horizont bestimmt und das Leiden bestimmt ihren Horizont. Verbunden sind sie darüber hinaus in Christus. Leiden ist ihm nicht fremd. Er weiß, was Verlust bedeutet; er kennt alle menschlichen Regungen. Nichts von dem, was uns Menschen ausmacht ist ihm fremd. Nicht die Enttäuschung, nicht die Ausweglosigkeit, nicht die Verzweiflung, nicht die Tränen, die wir weinen.

Jesus hängt oben am Kreuz, auf Golgatha, der Schädelstätte. Erhöht auf einem Hügel. Unten, unter dem Kreuz, stehen wir. Und alle Angehörigen mit uns: Jesu Mutter steht dort, ebenso der Lieblingsjünger, wir stehen dort, geschockt und sprachlos gegenüber dem Leid, das sich da vor unseren Augen abspielt. Jesu Schrei ist unser Schrei. Was trennt uns von diesem Mann, der – wie wir – die irdischen Aufgaben und Schwierigkeiten durchschritten hat? Nichts.

Wie erbarmungslos das Leben mitunter ausholt und einen mit voller Wucht treffen kann. Man erlebt es an Sterbebetten, man erlebt es in einem Trauerhaus, man erlebt es in vielen Gesprächen nach Tragödien. Angesichts aller Unsicherheiten und Verlusten und fern aller Erlösungsmythen haben wir nicht viel mehr zu sagen als über diesen und mit diesem Mann. „Mein Gott, mein Gott! Warum hast Du ich verlassen?“ Glücklich der Mensch, der diese Frage nicht stellen, nicht fühlen muss. Getragen der Mensch, der das Echo seiner Frage heute hört.

Jesus aber, der dort am Kreuz hängt, hat immer noch die Kraft zu trösten. Er tröstet nicht nur uns, er tröstet auch den Mörder, er tröstet den Hoffnungslosen, er tröstet die, deren Herz zerbrochen ist. Er tröstet die Weinenden und verspricht denen, die mit ihm auf dem Weg sind: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Jesus sagt das ungeachtet der Tat. Es interessiert ihn nicht, was Du getan hast, denn er ist nur interessiert an dir.

Das Kreuz ist das Symbol für Schwachheit. Und durch Jesus wird es verwandelt. Es wird zum Zeichen für Hoffnung, für Aufrichtung. Das bodenlose Leid wird begrenzt. Der Leidende bekommt festen Boden unter die Füße und steht alsbald auf Worten der Liebe, der Verheißung, der Annahme: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.

Jesu Worte, diese Worte, die die Kraft haben wieder festen Boden unter die Füße zu geben, und die die Kraft haben, uns wieder zu erden – noch bevor wir wieder den Boden der Tatsachen berühren. Diese Worte funktionieren das Kreuz um. Auch Golgatha ist nicht mehr die Schädelstätte. Denn aus der Niedrigkeit zweier Holzbalken erwächst hier Hoffnung. In all der Not und Trauer lodert eine Flamme, brennt ein Feuer, ein Feuer, das unglaublich viel Kraft hat, das Wärme spendet und dunkle Gedanken verbrennt wie Papier.

An diesem Feuer, an diesen Worten Jesu, entscheidet sich für uns, was Jesu Botschaft für uns sein kann. Am Kreuz verdichtet sich die Hoffnung für die ganze Menschheit. Barmherzigkeit, Liebe, bedingungslose Annahme, das sind die Kohlen mit denen, durch die das Feuer brennt. Und dessen Wärme bodenlose Hoffnung schenkt.

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