Leidenschaftliche Großzügigkeit und Wertschätzung

Liebe Gemeinde,
in einer Diskussion über Armut und Reichtum sagte einmal eine Frau zu mir „Arme wird es immer geben, das steht schon in der Bibel.“
Dieser Satz steht tatsächlich so ähnlich in dem eben gehörten Bibeltext. Aber wie es so ist mit Bibelversen, die man aus dem Zusammenhang reißt. Sie können missverstanden und im schlimmsten Fall instrumentalisiert werden.
In der Diskussion wollte die Frau, die das Bibelwort zitierte, den Ausspruch Jesu als Argument dafür verwenden, dass es auf der Welt immer Menschen in Armut geben wird und wir nichts daran ändern können, weil es ja schon in der Bibel so steht.
Tatsächlich geht es aber in unserem Bibelwort nicht um den klassischen Gegensatz von Armut und Reichtum. Niemand wird dafür gescholten, dass er reich ist, niemand wird selig genannt, weil er arm ist.
In unserem Predigttext heute geht es vielmehr, um die Erkenntnis, dass es im Leben Momente gibt, in denen wir gefordert sind, unseren vollen Einsatz zu geben, Es gibt Situationen wo es darauf ankommt großzügig und wertschätzend zu sein.
Der Evangelist Markus berichtet uns von einer reichen Frau, die in das Haus Simons des Aussätzigen kommt, der in Bethanien wohnt einem Ort nur wenige Kilometer von Jerusalem entfernt.
Schon der Hinweis darauf, dass sie das Haus eines Aussätzigen betritt, ist ein Hinweis auf ihren Mut und ihre Entschlossenheit. Menschen mit Aussatz wurden zur Zeit der Bibel gemieden, sie galten als „unrein“ und waren damit automatisch auch von den Gottesdiensten ausgeschlossen.
Doch dies alles kann die erwähnte Frau nicht davon abhalten, zu Jesus zu gehen, um ihm das vielleicht das Teuerste zu gegeben, was sie besaß. Kostbarstes Salböl im Wert von 10 bis 15.000 Euro.
Und wie sich die anderen Anwesenden über diese Unvernunft aufregen!
Nicht nur, dass sie lautstrak diese Verschwendung anprangern und aufzählen, was man alles mit dem Geld hätte machen können. Auch die Frau selbst wird verbal attackiert.
Sie können einfach nicht verstehen, dass jemand so leidenschaftlich großzügig sein kann, sich so verschwenderisch dumm verhält.

Doch irgendwie klingt alles was sie sagen unehrlich und heuchlerisch, es geht ihnen doch gar nicht um die Armen. Daher auch die Worte Jesus: „Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.“
Leidenschaftliche Wertschätzung, darf eben nicht mit Verschwendung und Verprassen verwechselt werden, nach dem Motto: „Man gönnt sich ja sonst nichts“.
Dies ist ein gern zitierter Satz, wenn man sich ertappt fühlt. „Man gönnt sich ja sonst nichts“, ist dabei meist nur eine Ausrede, die darüber hinweg täuschen soll, dass man dabei ertappt wurde, Geld in größerem Stile für sich selbst auszugeben. Und da liegt der große Unterscheid zu unserem Bibeltext.
Großzügigkeit verbunden mit Wertschätzung ist keine Verschwendung!
Es geht nicht darum, wie viel jemand ausgibt und ob das vernünftig ist oder nicht, es geht darum, zu spüren, wann es notwendig ist, sich mit Leib und Seele einzubringen, ohne selbst etwas davon zu haben, Hingabe ohne Hintergedanken.
Was diese Frau mit Ausgießen des Öls getan hat, war jedenfalls so ungeheuerlich, dass man sich Jahre später noch an sie erinnerte.
Vielleicht hat man ja auch erst später den tieferen Sinn ihres Handelns erkannt. Indem die Frau das Wertvollste was sie hat für Jesus gibt, hat sie den Kern der Predigt Jesu verstanden. Jesus selbst war nicht reich und konnte daher auch keinen Reichtum verteilen. Sein Wertvollstes Gut, war sein eigenes Leben, das er aufs Spiel gesetzt hat. Er hielt an seiner Predigt fest auch als man ihn mit dem Tod bedroht hat.
Aus Liebe zu den Menschen war er bereit alles zu geben.
Auf ihre Weise machte die namenlose Frau in unserem Predigttext das gleiche und zeigt damit, dass sie den Kern der Botschaft Jesu verstanden hat.
Ich habe lange überlegt, liebe Gemeinde, ob es solche leidenschaftlich großzügigen Menschen auch heute noch gibt.
Natürlich hinken alle Vergleiche, aber ich möchte wenigstens von einer Frau erzählen, deren Lebensgeschichte und unvernünftige Großzügigkeit mich beeindruckt haben.
Sie wohnte in dem sogenannten Mögeldorfer Hexenhäuschen. Erst vor Kurzen wurde wieder in der Zeitung berichtet, dass es jetzt vollständig abgerissen werden soll.
Natürlich wurde das Haus es zu Unrecht „Hexenhäuschen“ genannt. Einige Zeit vor ihrem Tod konnte ich die Frau, anlässlich ihres Geburtstages, einmal besuchen und bei dieser Gelegenheit hat sie mir auch stolz ihr Häuschen gezeigt.
Das Besondere dabei waren aber nicht die bizarren Kunstwerke ihres Mannes und das schon etwas skurril wirkende Haus, sondern ihre Lebensgeschichte.
Sie erzählte mir von einer großen Erbschaft, die sie vor vielen Jahren machte und dass sie das Geld in Hilfsprojekte vor allem in Indien und Afrika gegeben hat. Riesige Schnitzereien, die in ihrem Wohnzimmer standen, hatte sie damals als Dank für ihre Großzügigkeit erhalten. Auch hatte sie einen handschriftlichen Dankesbrief von Albert Schweitzer, der sich bei ihr persönlich für ihre Großzügigkeit bedankte.
Immer wieder, wenn ich an dem Haus vorbeikomme, muss ich an diese Frau denken, deren Selbstlosigkeit nur wenig bekannt war und die man für verrückt hielt.
Von ihr könnte ich mir vorstellen, dass auch sie zu Zeiten Jesu so etwas gemacht haben könnte, eine Flasche Salböl über den Mann ausgießen, von dem sie wusste, dass er durch seinen selbstlosen Einsatz, die Welt verändern wird.
Liebe Gemeinde, uns evangelischen Christen wird ja oft nachgesagt, dass wir in unserem Glauben so wenig begeisterungsfähig sind. Wir sind eher steif und nüchtern und als evangelische Tugenden gelten Selbstbeherrschung, Mäßigung und Sparsamkeit. Wäre die Frau in unserer biblischen Erzählung evangelisch gewesen, hätte sie sicher nur ein paar Tropfen von dem teuren Öl vergossen.
So will uns das heutige Bibelwort aufrütteln. Es ist ein Aufruf zu leidenschaftlicher Großzügigkeit im Glauben, mehr aber auch ein Aufruf unsere Überzeugung und Wertschätzung öffentlich zu zeigen.
Aktuell bedeutet das für mich, dass wir als Christen und Kirche uns deutlich dafür aussprechen großzügig Flüchtlinge aus Afrika, auch bei uns in Bayern aufnehmen, die auf der Flucht vor Tyrannei und der Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen auf den Mittelmeerinseln Malta, Lampedusa oder in Griechenland stranden.
Gebannt verfolgen wir am Fernseher wie Menschen sich gegen ihre Despoten auflehnen, wir zollen ihnen Achtung und Respekt.
Wir sind betroffen und manchmal auch schockiert, wenn wie Anfang des Monats über 250 Menschen darunter Frauen und Kinder im Mittelmeer ertrinken, aber unsere christliche Großzügigkeit, Menschenfreundlichkeit und Wertschätzung prallt an der Festung Europa ab.
Liebe Gemeinde, wer aus unserem Bibelwort nur den Satz behält: „Arme wird es immer unter euch geben“ oder aktualisiert „Flüchtlinge wird es immer unter euch geben“ hat schon resigniert und unsere Welt schon aufgegeben.
Dagegen möchte ich das Kirchentagslied von Peter Jansen setzten, wo gefragt wird:
Wer befreit die Menschen zum Frieden? Wer befreit sie zur Liebe, zur Hoffnung, zur Gerechtigkeit und zum Gespräch?
Und die Antwort in dem Refrain gegeben wird:
Die Sache Jesu braucht Begeisterte, sein Geist sucht sie auch unter uns, er macht uns frei, damit wir einander befrei’n.
Amen

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