Kostbar ist der Moment

Liebe Gemeinde,
mit dem heutigen Sonntag, Palmsonntag, beginnt in unseren Kirchen die Woche mit dem Gedenken an das Leiden und Sterben von Jesus Christus. Am Ende seines irdischen Wirkens kommt Jesus ein letztes Mal nach Jerusalem, um mit seinen Jüngern das Passahfest zu feiern. Anders als sonst vollzieht sich sein Einzug nicht in aller Stille. Die Menschen jubeln ihm mit Palmzweigen zu, während die Führer des Volkes bereits seine Hinrichtung geplant und vorbereitet haben.
Doch zwei Tage vor dem Passahfest ereignet sich etwas, worüber man, wo auch immer die frohe Botschaft Gottes weitergegeben wird, auch davon sprechen wird.

Ich lese den Predigttext aus Mk 14:

Gott, sprich zu uns. Gib uns deine Liebe ins Herz, dass sie wirksam werde in aller Welt. Amen.

Betanien ist ein kleiner Ort in der Nähe von Jerusalem. Auf dem Weg dorthin kehrt Jesus mit seinen Jüngern bei Simon, dem Aussätzigen ein. Darüber regt sich keiner besonders auf. Anscheinend hat man sich schon daran gewöhnt, dass er dort hingeht, wo „man“ eigentlich weg bleibt. Aber dann kreuzt eine Frau auf, mit der niemand gerechnet hat. Sie platzt ins abendliche Essen, in eine Tischrunde mit lauter Männern. Das allein ist schon ungeheuerlich, denn eine Frau hat hier nichts zu suchen, es sei denn, sie bedient die Gäste. Sie steuert direkt auf Jesus zu. Bevor noch einer etwas sagen kann, zerbricht sie ein Fläschchen, das sie in Händen hält, dem augenblicklich ein wunderbarer Duft entströmt. Reines, unverfälschtes Nardenöl. Eine Kostbarkeit ohne gleichen. – Sie alle haben am Eingang eine Karte zu diesem Bibeltext bekommen. Sie zeigt die Szene, wie ich finde, in eindrücklicher Weise. –
Die Frau gießt das kostbare Öl Jesus mutig und entschlossen auf den Kopf. Es ist sogar zu riechen. – Schnuppern Sie mal an der Karte. – Die Frau salbt Jesus. An sich ist das nichts Ungewöhnliches. In Israel war es üblich, dem Gast vor dem Mahl Öl zur Salbung darzureichen oder ihm durch einen Sklaven die Füße salben zu lassen. Dennoch sind die Männer zunächst sprachlos, sie halten die Luft an. Diese Frau verstößt nicht nur gegen die Regeln, nein, sie verschwendet auch noch Geld, indem sie das teuerste Öl benutzt, das es damals gab. Der Preis des Öls entsprach in etwa dem Jahreseinkommen eines Tagelöhners. Diese Handlung löst den Unwillen einiger Männer aus. Der Einspruch erfolgt prompt. „Was soll diese Vergeudung des Salböls?“, so heißt es in dem Bibeltext. Wie viele Arme hätte man speisen können! Wie vielen Obdachlosen hätte man eine Unterkunft geben können! Wie viele Bedürftige hätten Hilfe bekommen können?
Ich denke, auch uns ist solch eine Argumentation, wie die der Männer einleuchtend: „Was für eine Verschwendung! – Man hätte doch – man sollte doch – wäre es nicht besser gewesen, wenn…“
Natürlich: das Geld den Armen geben. Ist das nicht auch unser Bild von Kirche: da sein für die Armen und Benachteiligten? Bloß nichts verschwenden, sondern sparen – aufheben für sinnvolle Zwecke.
Ist es eigentlich richtig, Spenden zu sammeln um Kirchen zu sanieren, oder muss man alles den Armen geben?
Oder im privaten Bereich:
Ist es denn wirklich nötig, dass ich meiner Freundin / meinem Freund ein Geschenk mache, einfach so, ohne einen besonderen Anlass wie Geburtstag oder Weihnachten?

Ich bin beeindruckt über den Mut dieser Frau!
War sie eine der Frauen, denen Jesus ihre Würde wiedergegeben hatte?
War sie eine Frau, die Jesus liebte und verehrte, aber sonst nichts galt und nichts zu verlieren hatte?
Der Evangelist Markus gibt dieser Frau keinen Namen und erzählt auch nichts von ihr persönlich. Wir wissen nichts von ihr außer, dass sie getan hat, was sie tun konnte.

Ich denke, dass sie und ihre Handlung, die eine Zeichenhandlung darstellt, von tiefen Gefühlen begleitet und motiviert gewesen sein muss. Denn mit Logik wäre sie kaum zu erklären. Ein Vermögen für die einmalige Salbung eines besitzlosen Wanderpredigers einzusetzen, der nach eigenem Bekunden Reichtum für gefährlich hält und die Armen selig preist, erscheint wenig bedacht. Trotzdem zerbricht die Frau die Flasche mit dem kostbaren Öl und „vergeudet“ ein ganzes Vermögen auf dem Haupt Jesu.
Wenn es also nicht der Verstand ist, der sie antreibt, so ist es wohl das Herz. Sie will nicht ihren Reichtum inszenieren, sondern ein gutes Werk an Jesus tun. Und dafür ist ihr das Beste gerade gut genug. Sie zeigt ihm, dass sie bereit ist, alles für ihn zu geben. Und sie tut es mit Inbrunst, ohne Kompromisse und ohne Rücksicht. Damit zeigt sie eine kindlich naive Liebe, wie sie Jesus von seinen Anhängern fordert.

Ein gutes Werk tun – damit komme ich zurück auf meine beiden Beispiele:
Spenden sammeln für die Sanierung unserer Kirchen, um Gottesdienste an einem sakralen Ort weiterhin feiern zu können, Gott unsere Liebe zu ihm in diesem besonderen Haus zeigen zu können, ist sinnvoll und wichtig – und das Geld ist nicht verschwendet.
Ich darf meiner Freundin / meinem Freund „außer der Reihe“ ein Geschenk mitbringen, um ihr oder ihm meine Liebe, meine Zuneigung zu zeigen. – Auch das ist sinnvoll und wichtig – und dafür ist das Geld auch nicht verschwendet.
All das – das Tun der Frau, die Sammlung für die Kirchensanierung und das Zwischendurchgeschenk – erinnert mich an einen Vers aus dem Hohen Lied der Liebe. Der Apostel Paulus schreibt in seinem Brief an die Korinther (1. Kor 13): „…und wenn ich all meine Habe den Armen gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht – so wäre mir’s nichts nütze.“
Wenn ich etwas aus Liebe tue, ist es keineswegs Verschwendung!

„Sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis,“ spricht Jesus in unserem Bibeltext. Jesus hat die Salbung sichtlich gut getan. Er ist in diesem Moment der Arme, der Schwache, der Zuwendung braucht. Und diese Frau ist die Einzige, die dies verstanden hat. Diese Frau fühlt mit dem Menschen Jesus. Sie spürt seine Todesangst. Es ist ihr, als trüge sie seine Schmerzen am eigenen Leib, als erlitte sie selbst sein grausames Leiden und Sterben. Deshalb sucht sie nach einem Mittel, die Schmerzen zu lindern. Sie salbt ihn. Sie ist ihm Stärkung und kann ihm Stärkung geben auf seinem Todesweg. Jesus hatte es seinen Jüngern angedeutet. Aber keiner der Jünger wollte sich mit dem Tod Jesu auseinandersetzen. Den Tod will keiner wahrhaben. Denn Abschied nehmen schmerzt. Nur diese Frau teilt mit Jesus das Wissen um das, was auf ihn zukommt. Sie erkennt wie eine Prophetin die „Zeichen der Zeit“ und handelt. Sie lässt Jesus in dieser Nähe des Todes nicht allein. Sie berührt ihn. Sie tut ihm Gutes, salbt ihn mit kostbarem Öl. So wie der Duft des Öls verströmt diese Frau Liebe im Angesicht des Todes. Sie weiß, wie kostbar der Augenblick ist, wenn der Tod bevorsteht. Kostbarer als Ordnungen und Konventionen. Eine hellhörige und hellsichtige Frau. Sie wird mit dieser vorbehaltlosen Hinwendung zu Jesus zum Vorbild für alle späteren Generationen von Christinnen und Christen, die sich bis heute an sie erinnern. Sie gibt uns allen damit ein Beispiel dafür, dass wir die Leidenden und Sterbenden nicht allein lassen. Wer von uns eilt nicht – wenn es ihm oder ihr irgendwie möglich ist – an das Sterbebett eines Angehörigen oder Freundes, setzt sich neben ihn, hält ihm die Hand, betet mit ihm und begleitet ihn auf diesem Weg?

Liebe Gemeinde, der Duft des kostbaren Öls, die Zärtlichkeit der Gesten, die Liebe in der Verschwendung, all das wird Jesus durch die Leidenszeit tragen, mehr als alles andere. Wie wäre Jesus wohl in den Tod gegangen, ohne diese zärtlichen Berührungen? Sie sind der helle Fleck im dunklen Geschehen, in der Trostlosigkeit der Karwoche.
In dieser Geschichte ist bereits die Auferstehung im Keim angelegt. Die behutsamen Berührungen machen Jesus, den Todeskandidaten, zu Christus dem Auferstehenden.
Das ist die verwandelnde Kraft der Liebe.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre darum unsere Herzen und Sinne in Christus, Jesus. Amen.

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