Jesu Festmahl mit Verrätern

Eine jüdische Spruchweisheit, liebe Gemeinde, lautet so: „Das Leben ist so schrecklich, dass es besser gewesen wäre, nicht geboren worden zu sein. Aber wer hat schon dieses Glück? Nicht einmal einer unter hunderttausend.“ Unausgewogen begegnen uns im Leben Glück und Leid. Im Vergleich ist für die meisten augenscheinlich das Glück der Verlierer. Gut wäre die Welt ohne Leid. Blicken wir nur auf den Sachverhalt, dass unser aller Leben von unerfüllten oder unerfüllbaren Wünschen beherrscht ist und wir alle sterben müssen, so müssen wir anerkennen, dass die Qualität unseres Lebens drastisch hinter unseren Wünschen zurück bleibt. Ein psychologisches Testverfahren, um den Wert der eigenen Lebensgeschichte zu beurteilen, fragt: Vor die Wahl gestellt – würdest Du alles noch einmal von vorn erleben und wieder geboren werden wollen? Ich rechne eher damit, dass die Mehrheit der Befragten mit Nein antworten würde. Und Gott selbst erlebt immer wieder, dass sein Wunsch nach der Liebe der von ihm geschaffenen Menschen brutal zurückgewiesen wird. Im Mk. 12, 1 – 8 wird wie auch im Mtth.-Evg. berichtet, dass Weinbergpächter dem Weinbergeigentümer hartnäckig und bösartig die Pacht verweigerten. Seine Mitarbeiter jagten sie unter Schlägen davon oder töteten sie. Zuletzt riskierte der Weinbergbesitzer seinen Sohn und hoffte, dass die Pächter wenigstens ihm die Pacht entrichten würden. Aber auch den brachten sie ums Leben und warfen ihn hinaus vor den Weinberg. Im Leben geht es schrecklich zu.

Gott, liebe Gemeinde, sandte Jesus zu den Menschen, damit der sie von Gottes Menschenliebe überzeuge und sie sich dann auf Gottes Weisungen für ein gelingendes Leben einließen. Die verweigerte Pacht steht da für die verweigerte Gegenliebe der Menschen. Von einer Absicht Gottes, Jesus zu opfern, um damit die vorangegangene und die zukünftige Schuld der Menschen aufzuwiegen, ist keine Rede. Vielmehr brachten die gegenüber Gott und seiner Einladung misstrauischen Menschen seinen Sohn Jesus und in seiner Person Gott selbst um wie einen Verbrecher. Denn um keinen Preis wollten sie zugeben, dass irgend jemand anderes als sie selbst erkennen könnte, wie Gottes Gebote zu verstehen seien. Sie fürchteten Veränderungen ihrer Lebensverhältnisse. Darum empfahl nach Joh. 11, 50 ein Mitglied der Führung des Volkes in der Ratsversammlung: „Es ist besser für euch, ein Mensch sterbe für das Volk, als dass das ganze Volk verderbe.“

Jesus ist ein Opfer der Menschen geworden, nicht aber seines göttlichen Vaters. Der jedoch bestätigte den Weg der Versöhnung, Solidarität und Menschenliebe, den Jesus gewählt und durchgehalten hat. Deshalb hat er ihn in ein Leben uns noch unbekannter Art auferweckt. Und die Menschen gibt er weiterhin nicht auf. Er wird die bei sich und seinem Sohn aufnehmen, die Jesu Weg vertrauen und so gut es ihnen gelingt ihm nachfolgen.

Diesen Hintergrund der Leidensgeschichte Jesu bedenken wir in der Buß– und Trauerwoche mit. Er lässt auch Freude zu, wenn wir jetzt der Einladung Jesu zu einem Festmahl folgen. Hören wir nun wie Mk. 14, 17 – 26 die Einsetzung des Heiligen Abendmahls berichtet: …

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Mitten in der Karwoche, liebe Gemeinde, feiern wir ein lebenswichtiges Fest. Brot gebrochen, geteilt, für dich, für alle gegeben. Doch ein Schatten fällt auf diesen Fest– und Abschiedsbericht unendlich weit über die ganze Menschheitsgeschichte bis auf den heutigen Tag. Gemeint ist der Verrat, der mit dem Namen Judas verbunden ist und mit vielen Namen – auch meinem. „Bin ich’s?" fragt einer – eine andere folgt. „Bin ich’s?" – Ich frage mit ihnen.

Wir können nur dem Apostel Paulus zustimmen ( Röm. 7, 19. 24–25 ): „Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. … Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe? Gott sei Dank durch Jesus Christus, unsern Herrn.“ Verraten wurde unser Herr nicht nur vor zweitausend Jahren durch den Jünger Judas. Viele Male wurde er verraten, vorgestern, gestern, heute. In unserem Land. In meinem Haus wurde er verraten. „Bin ich’s?" – Ja, ich bin’s! Ich habe ihn verraten durch unterlassene Zuwendung zu denen, die er mir über den Weg schickt. Wie oft habe ich das freundliche Wort unterlassen, einen Gruß für den Bruder, die Schwester an meiner Seite. „Bin ich’s?" – Ja, ich bin’s! Auch dann sind wir Verräter an Jesus, wenn wir uns nicht zu Wort melden, wenn jemandem Schlechtes nachgesagt wird und wir auch Gutes von ihm berichten könnten und wo wir nicht versöhnungsbereit sind. Überall da wird Jesus verraten, wo wir von den Beteiligten nicht Gerechtigkeit fordern für Leistungen und Gegenleistungen in den vielfältigen Lebensbereichen.

Jesus geht ans Kreuz.. Und wir alle haben unseren Platz in dieser Geschichte. Auch auf uns fällt der Schatten von diesem Kreuz. Dennoch setzt Jesus sich mit uns an den Tisch, teilt Brot und Wein aus, gibt sich selbst an alle, auch an die, die im Schatten stehen, selbst an die, die Dunkelheit verbreiten. Alle sind von ihm eingeladen, alle erhalten seine Gaben, auch die, die später nicht wachen, sondern einschlafen und dann fliehen, auch Petrus, der aus Angst später sagen wird: „Ich kenne diesen Menschen nicht." Nicht einmal der Verräter Judas wird ausgeschlossen. Ihn bedauert Jesus sogar. Er sieht für ihn so schwere spätere Gewissensbisse voraus, dass Judas den Strick nimmt. Da wäre er besser gar nicht geboren. Von Jesus fällt Licht in die Geschichte – von dieser einen auf die ganze Menschheitsgeschichte, auf meine kleine Lebensgeschichte, von diesem einen auf uns alle.

All unserem Leben und Tun, liebe Gemeinde, geht etwas voraus: Wir empfangen und werden beschenkt. Als wir heute morgen erwachten haben wir das Leben neu empfangen. Gestern Abend war keineswegs sicher, dass wir das Tageslicht wieder sehen dürfen. Schon mancher ist im Schlaf gestorben. Dass wir zu diesem Abendgottesdienst kommen und ihn miteinander feiern dürfen ist ein Geschenk. Wir empfangen, bevor wir irgend etwas tun können ein Wort der Zuneigung, der Liebe, ein Wort, das uns aufrichtet, das tägliche Brot. Allem Leben und allem Tun geht das Empfangen voraus. Das dürfen wir heute nicht nur hören, sondern in der Feier, die Jesus Christus selbst gestiftet hat, schmecken. Er ist der Gastgeber und lädt uns ein. Er teilt aus – mit Brot und Wein Leben und Freude. Dazu sagt er: Ich bin das, ich bin das Leben. Ich teile mich aus, damit ihr leben könnt. Er ist bei uns in seinem Wort, wo 2 oder 3 in seinem Namen versammelt sind. Über das hörbare Wort hinaus möchte er uns seine Anwesenheit auch sichtbar und schmeckbar erfahren lassen, wenn wir bei Brot und Wein miteinander feiern und uns dabei an ihn erinnern.

Und wieder fällt ein Schatten. Auch ein Verrat an den Gaben nämlich, die wir bekommen, weil uns das Teilen so schwer fällt – unser Brot und alles, was wir bekommen, damit auch andere leben können. Und wieder erkennen wir: „wir sind es.“ Er aber sagt trotzdem: „Nehmt – Blut des neuen Bundes.“ Ein Neuanfang ist möglich; die Alternative wäre, sich aufzuhängen. Von Jesus fällt Licht in das Dunkle, Licht zum Leben.

Das ist doch ein Grund zum Feiern – das Fest des Lebens. Neben den Zwölf sitzen an diesem Tisch Millionen und mehr und wir mitten unter ihnen. Da sitzt oder steht im Kreis auch der, mit dem ich einen Streit habe. Er gehört dazu wie ich. Hier kommen wir zusammen, obwohl wir sonst kaum noch miteinander reden. Auch jene Frau ist da, die lieber schlecht als gut über andere spricht. Sympathisch ist sie mir nicht. Aber ich trinke mit ihr aus einem Kelch. Wir gehören doch zusammen. Nach Gottes Zuwendung muss keiner hungrig und keine hier durstig bleiben, niemand ist hier ausgeschlossen. Für sich allein kann keiner hier bleiben, sonst wäre es nicht das Mahl der Gemeinschaft, wie es Jesus gewollt hat. Und wie die Sonne aufgeht über Böse und Gute und allen Licht bringt, so muss hier niemand im Schatten der Schuld bleiben.

Gott sei Dank, liebe Gemeinde, sagt mir diese und jede Abendmahlsfeier: Er führt zusammen, was wir trennen, er reißt Mauern ein, die wir aufrichten, er bricht das Brot für alle. Das gilt auch, wenn einige für die Kirche Verantwortliche meinen, nicht zulassen zu dürfen, dass alle mit uns an diesen Tisch dürfen. Schwer lastet die Spaltung der Christenheit gerade hier an diesem einen Tisch und bei diesem einen Gastgeber, der einlädt über alle Grenzen hinweg, auch über Konfessionsgrenzen hinweg. Darum beten und hoffen wir, dass diese Grenzen fallen werden und Licht die Schatten vertreiben wird, wenn wir mit den Geschwistern in anderen Konfessionen an diesem Tisch das Mahl der Gemeinschaft feiern. Unendlich lang ist der Tisch Jesu. Sein Ende ist, dürfen wir uns vorstellen, im Himmel. Darum sagt Jesus doch: „Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich davon aufs neue trinke im Reich Gottes.“ Dann lädt der erhöhte Herr uns dort ein und sitzt am Kopfende des Tisches, reicht Brot und Wein und gibt damit zugleich Anteil an der zukünftigen Gemeinschaft im Reich Gottes.

Mit diesem Mahl, liebe Gemeinde, feiern Christen in der Gegenwart ihre Zukunft. Mit ihm stärken sie sich gegen die Versuchung, sich ohne Rücksicht auf andere von diesem Leben zu nehmen, was man bekommen kann: Das Leben ist kurz. Sieh zu, wo du bleibst, denk an dich zuerst. Das Beste ist gerade gut genug, also worauf wartest du? Greif zu! Wer für dieses Leben keine Zukunft hofft, dem muss es hier alles sein, der muss es ausbeuten und andere dazu, weil es doch bald vorbei ist. Da herrscht die Angst, zu kurz zu kommen. Die Gier zerrt einen nur nichts auszulassen.

Dem wollen wir nicht nachgeben. Darum sind wir heute hier, um uns von der Angst und Lebensgier befreien zu lassen. Dazu hören wir Jesu Einladung: Nehmt, so sagt er, Brot und Wein, das bin ich und das ist das Leben, das ist Gemeinschaft jetzt und in Zukunft. Darauf ist Verlass. Die Schatten in unserem Leben werden im Licht unseres Herrn Jesus Christus aufgehellt und können verschwinden. Darum können auch wir in den Lobgesang auf Gott einstimmen, der in Israel üblich war. Die Teilnehmer am Festmahl antworteten mit Psalmen auf das, was da von Gott geschieht. Und wir tun das auch. „Gelobt sei der Name des Herrn von nun an bis in Ewigkeit" (Psalm 113, 2). „Ich will den Kelch des Heils nehmen und des Herrn Namen anrufen" (Psalm 116, 13). „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich" (Psalm 118, 29).

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