Weiß ich den Weg auch nicht …

Liebe Gemeinde,

diese Geschichte gehört zu denen in der Bibel, über die ich mich schon immer aufgeregt habe. Unter anderem erinnere ich mich noch sehr gut an eine Situation während meines Studiums. Da waren wir im Verlauf eines Seminars auf diese Geschichte gekommen. Und ich weiß noch, wie ich mich heftig zu Wort gemeldet hatte. Ich hatte meine kleinen Söhne vor Augen –der eine ein Kindergarten-, der andere ein Grundschulkind, und ich sagte, dass Gott zu mir so viel reden könne wie er wolle, meinen Sohn würde ich ihm nicht opfern. Ich war erfüllt von dem Gedanken, meine Söhne gegen Tod und Übel zu verteidigen und ich trat Gott angriffslustig und unerschrocken gegenüber. Bis heute hat sich grundsätzlich nichts an meiner Haltung geändert. Aber, als ich die Geschichte las, um diese Predigt vorzubereiten, stand ein ganz anderes Bild und somit auch ein ganz anderes Gefühl in mir. Ich sah meinen grossen Sohn. Ich sah ihn vor mir, wie er lachte. Wie er sich über die Schüssel mit Erdbeeren freute, die ich für ihn hingestellt hatte, wie er zärtlich mit seinen Kindern umging. Und ich sah ihn, wie er aufgebahrt im Krankenhaus lag. Sicher, Gott hatte nicht von mir gefordert, dass ich ihn selber töte und als Opfer darbrachte. Aber im Gegensatz zu Abraham war meine Geschichte nicht gut ausgegangen. Es war kein Engel gekommen und hatte meinen Sohn vor dem Herzinfarkt verschont. Es war kein Engel gekommen und hatte uns vor dem Schmerz bewahrt. Und wie viele kennen solche Erfahrungen: Wo Hoffnungen zerstört wurden, Wege abgeschnitten und kein Engel gekommen war, der ein Ersatzschaf mitbrachte. Und wo es lange dauerte, bis durch eine tiefe Trauer das Licht des Lebens wieder hindurchscheinen konnte.

Nun fragen Sie sich vielleicht, wo der Unterschied ist zwischen dem, was ich damals empfand und meiner Situation heute. Denn natürlich würde ich mich immer noch vor meine Kinder stellen. Und es ist mir nach wie vor unverständlich, wieso diese Geschichte in die Schriften der Bibel aufgenommen worden ist. Brauchen wir die Beschreibung, wie die Menschen in der Umwelt Abrahams ihren Glauben lebten? Denn Israel war von Völkern umgeben, für die es normal war, den Göttern Kinder zu opfern: Die Amoriter, Moabiter, Phönizier, Ägypter, Kanaaniter: Sie alle opferten Kinder. Wenn ein großes Haus gebaut wurde, wenn ein König seine Herrschaft antrat: Da wurden Kinder, die eigenen Kinder geopfert, um das Haus abzusichern, um der neuen Königsherrschaft Bestand zu verleihen.

Aber vielleicht teilen wir manchmal die Gefühle der Amoriter, Moabiter, Phönizier, Ägypter und Kanaaniter? Dass wir meinen, Gott würde für irgendetwas, was wir getan oder unterlassen haben, eine Wiedergutmachung von uns fordern? Dass wir meinen, wir könnten Gott mit einem gleichwertigen Opfer zu etwas bewegen, was wir uns wünschen? Dass wir ihm einen Tausch anbieten?

Liebe Gemeinde, mein Blick, und das ist der Unterschied zu dem von vor 20 Jahren, konzentriert sich auf Abraham, wie er mit Gott seinen Weg ging. Ich höre, wie er sich mit seinem Sohn unterhielt. Als Isaak ihn fragte: „Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?“ da antwortete ihm Abraham: „Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer.“

Ich sehe einen Abraham, der in der Tiefe seines Herzens, gegen alles augenblickliche Erleben und gegen jeden äußeren Anschein daran glaubte, dass sein Gott keine menschenvernichtenden Opfer brauchte.

Abraham konnte das glauben, weil er ja schon ganz andere Erfahrungen mit Gott gemacht hatte. Er wusste, dass Gott kein kinderschlachtendes Ungeheuer war. Er war sich sicher, dass Gott ihm das Kind, das er ihm doch geschenkt hatte, nicht auf diese Weise wieder nehmen würde.

Und das, liebe Gemeinde, ist für mich die Erklärung, warum die Geschichte in der Bibel steht und warum sie bis heute in unseren Gottesdiensten gepredigt wird. Damit ich mich in ihr wiedererkennen kann: ich sehe meinen Weg mit Gott, auf dem mir so viel Gutes und viel Trauriges und Schweres widerfahren ist, aber auf dem ich immer erleben durfte, dass Gott bei mir war. Wie Abraham bin ich mir sicher, dass es nicht Gottes Wunsch nach einem Opfer von mir war, mir das Kind, das er mir doch geschenkt hatte, zu nehmen.

Die Geschichte von Abraham und Isaak ist keine Geschichte für Kinder. Ja, sie ist noch nicht einmal eine Geschichte für junge Leute. Es ist die Geschichte eines Glaubens, die schon Höhen und Tiefen hinter sich hat. Es ist eine Geschichte für mich.

Mir ist heute so klar wie nie zuvor, dass Gott keine Opfer will. Was immer mir und ebenso anderen widerfahren ist und vielleicht auch noch widerfahren wird, es mag unendlich traurig sein, es mag uns zutiefst erschüttern, aber – es ist kein gottgewolltes Opfer.

Und so kann ich immer – manchmal auch gegen jeden Anschein – darauf vertrauen, dass Gott mich liebt und dass er es gut mit mir meint.

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