Richtig peinlich!

Liebe Gemeinde,

das darf doch nicht wahr sein! Das darf doch nicht wahr sein, dass Gott von Abraham verlangt, sein eigenes und einziges Kind abzuschlachten. Und das darf noch weniger wahr sein, dass Abraham gleich am nächsten Morgen seinen Esel packt und seinen Jungen dazu und loszieht. Im Namen der Menschenrechte! Warum um alles in der Welt hat Abraham nicht gesagt: Was zuviel ist, ist zuviel. Hier mache ich nicht mit?

Der Komiker Woody Allan, lässt Abraham in seiner Fassung der Geschichte antworten: „Nu, was soll ich sagen? Ich stehe da um 2 Uhr nachts in meinen Unterhosen vor dem Schöpfer des Universums. Sollte ich da streiten?“ (Woody Allen, Ohne Leit kein Freud, rororo 4746, 1979, S.27) Ja, lieber Abraham, du solltest unserer Meinung nach streiten. Spätestens am anderen Morgen. Denn diese Geschichte verbreitet blankes Entsetzen.

Warum ist diese Geschichte dann weitererzählt worden? Warum hat man sie nicht tunlichst vergessen und verdrängt? Die Geschichten von missbrauchten und gemordeten Kindern, wer kann sie wirklich hören? Wollen wir da auch in der Bibel auf Geschichten von Opferkindern und Kinderopfern stoßen? Sollten wir diese Geschichte nicht „auf dem Sondermüll der Predigtgeschichte“ (D. Hoof, Opfer-Engel-Menschkind, Bochum 1999, S.60) entsorgen. Was für ein Vater, was für ein Sohn, was für ein Gott!

Vielleicht liegt es eben an diesen Personen, dass diese Geschichte weitererzählt wurde. Abraham war ja nicht irgendwer. Und Isaak erst recht nicht. Isaak, an dessen Geburt seine alte Mutter Sarah schon nicht mehr glauben konnte. Sie konnte sich das Lachen nicht verkneifen, als Gott ihr noch einen Sohn verhieß. Isaak unter im wahrsten Sinne des Wortes lächerlichen Umständen gezeugt und geboren. Und vielleicht gerade deshalb für Abraham viel mehr, als sein einziger Sohn. Isaak war für Abraham der sichtbare Beweis, dass sein Glauben an Gott kein Luftschloss war. Wenn es so etwas wie einen Gottesbeweis für Abraham gegeben hat, dann war das sein Sohn Isaak. Nur weil es ihn gab, waren für Abraham Gottes Verheißungen greifbar und tastbar. So konnte er seinen Weg gehen.

An dem Morgen begann für Abraham ein anderer Weg. Ein Weg in die Gottesferne. Mit jedem Schritt, den er machte, brach die verheißene Zukunft mehr und mehr zusammen. Gottes Verheißung galt nichts mehr. Gott war ein Widerspruch seiner selbst geworden. Hier geht jede Erklärung ins Leere. Hier zerbricht jede Rede von Gott. Hier endet alle Theologie. Hier wird Glaube Wahnsinn.

Deshalb gehen sie schweigend, drei Tage lang. Kein Wort weiß die Geschichte über diese drei Tage zu sagen. Hier ist Schweigen nicht Gold, sondern die einzige Möglichkeit. Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen. Wer in solchen Situationen noch das Wort führen zu müssen meint, ist ein Schwätzer. Und die frommen Schwätzer sind die Schlimmsten. Beobachtet euch selbst einmal am Krankenbett, auf dem Weg zum Grab, Aug in Aug mit einem Hiobsbruder, einer Abrahamsschwester. Bringt ihr Trost, oder redet ihr nur beschwichtigend gegen das aufgerissene Löwenmaul euerer eigenen Angst. Gut ist es schweigend zu hoffen auf die Hilfe des Herrn. (Klagelieder 3/26)

Noch qualvoller ist das letzte Stück des Weges. Abraham allein mit Isaak, der das Feuerholz, das Zeichen verlorener Zukunft, auf dem Rücken trägt. Dann ein kleines, aufs Notwendigste geschrumpfte Gespräch, das Abraham mit den Worten beschließt, die der eigentliche Mittelpunkt der Geschichte sind. Die den letzen Grund angeben, warum Abraham nicht längst umgekehrt ist. Warum er nicht gesagt hat: Im Namen der Menschenrechte, was zuviel ist, ist zuviel. Wo ist das Opferlamm, fragt Isaak. Darauf Abraham: Gott wird sich das Opferlamm selbst ersehen, mein Sohn.

Gott wird sich ersehen. Darin liegt das Geheimnis der Schritte Abrahams auf diesem grausigen Weg, auf dem Gott alles, was Abraham lieb war, alles was seinem Glauben Halt gab, zurückzufordern scheint. Gott wird sich ersehen. Und so wird aus der Geschichte, in der Gott Abraham prüft, eine ganz andere Geschichte: Nämlich eine Geschichte in der Abraham Gott prüft. In der Abraham Gott einen Gedanken entgegenhält und ihn wie eine Klammer um all seinen Schmerz und all das Schreckliche legt: Gott wird sich ersehen.

So geht er seinen Weg zu Ende. Bis das Messer schon in seiner Hand ist. Bis alles eigentlich schon geschehen und verloren ist. Da fällt ihm Gott in den Arm. Das Ende unser Fähigkeit zu begreifen und zu verstehen, zu trösten und zu erklären, das Ende der Rede von Gott, das Ende unserer Theologie, die Anfechtung unseres Glaubens ist nicht das Ende der Gegenwart Gottes. Es ist vielmehr der Ort der gespannten Nähe und Aufmerksamkeit Gottes. „Gott sieht“ nennt Abraham folgerichtig diesen Ort.

Ich glaube, dass da ein stärkerer Abraham nach Hause zurückkehrt. Stärker im Glauben daran, dass auch die finsteren Wege, ja selbst der Verlust der Dinge, die dem Leben und dem Glauben Halt geben, von Gottes Gegenwart und Zuwendung umgriffen sind. Gott sieht. Das ist letzter und größter Trost des Glaubens. Nur so wird das dunkle Wort von der Prüfung Abrahams annehmbar und schließlich tröstlich. „Gott sieht“, das kann auch im Dunkeln noch gesagt, oder besser gesungen werden.

Und auch Gott hat etwas dazugelernt. Was dem Theologen so schwer über die Lippen geht, erzählt das Alte Testament ohne philosophische Bauchschmerzen: Gottes Sein ist im Werden. Und so wird aus Gott ein Gott, der keine Kinderopfer und keine Opferkinder, keine Menschenopfer und Opfermenschen will.

Deshalb wird diese Geschichte gerade in der Passionszeit erzählt. Damit wir nicht dem leider unausrottbaren Irrtum auf den Leim gehen, dass das Leiden und Sterben des Christus das geforderte Opfer eines prüfenden, zornigen und strafenden Gottes sei, der das Attribut „himmlisch“ und „Vater“ wohl kaum verdienen würde und wie auf Erden, also auch im Himmel ins Gefängnis gehören würde.

In Abrahams Geschichte beschließt Gott, nicht länger zu prüfen, wie weit die Opferbereitschaft und Gottesliebe von uns Menschen gehen kann. In der Christusgeschichte beschließt Gott uns zu zeigen, wie weit seine Opferbereitschaft und Menschenliebe gehen kann. Sie geht bis zum Letzten. Am Karfreitag wirft Gott selbst sich dem Tod zum Fraß vor. Da ersieht er sich selbst, zugunsten unseres Lebens. Und wer hier wen verschlingt, wird an Ostern entschieden.

Gott sieht auch ins trostlose Dunkel, hat Abraham gelernt. Gott gibt sein Leben für seine Freunde, damit sie leben. Größer kann Liebe nicht sein (Johannes 15/13!, vgl. auch die sträflich unbeachtete Stelle Lukas 13/31-34). Und wenn wir am Ende sind mit unserem Leben, mit unserer Kraft, mit unserem Glauben, mit unsrem Latein; wenn wir nur noch schweigen können und fallen, dann lasst uns das tun. Menschlich ist es und ohne Verlust unserer Menschlichkeit nicht zu vermeiden. Wir fallen ja nicht ins Leere, sondern Gott in die Arme.

Darauf lasst uns mit Abraham vertrauen. Damit wir vor dem Schöpfer des Universums nicht eines letzten Tages dastehen in den Unterhosen unseres Kleinglaubens, weil wir seiner Liebe so wenig zugetraut haben. Das wäre richtig peinlich.

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