Sie ist verschwenderisch

Predigt zum Sonntag, den 17.4.2011 (Palmsonntag, Stadtkirche Heiligenhafen, Ev., Pastor Carsten Sauerberg) „Sie ist verschwenderisch“

Liebe ist verschwenderisch. Nachzulesen in Markus 14:

Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Glas mit unverfälschtem und kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Glas und goss es auf sein Haupt.
Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls?
Hätte man nicht dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.
Jesus aber sprach: Lasst sie in Frieden! Was betrübt ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.
Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.
Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt für mein Begräbnis.
Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in aller Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie jetzt getan hat.

Sie geht zu Jesus. Sie rührt ihn an, weil sie ihn als anrührend empfindet. Sie gießt Öl über sein Haupt. Sie salbt ihn. Teures Öl, sündhaft teures Öl.
„Unmöglich!“, so die Männer rundum. Moralisch unmöglich. Eine Frau, die sich einem fremden Mann so intim nähert, und dann noch das sündhaft teure Öl! Hätte man das Geld für das Öl doch für Arme spenden können! Gutes Tun, statt verschwenden! Statt Rosen lieber Alpenveilchen auf dem Altar, statt Abendmahlsgeschirr aus Silber und Gold lieber das Günstige aus Steingut. Statt dem Kollier zu Weihnachten lieber „wir schenken uns nichts und spenden dafür etwas.“ Jesus nimmt die Frau in Schutz. Sie hat mich im Voraus zu meinem Begräbnis gesalbt. Lasst sie in Frieden. –
Liebe ist verschwenderisch. Liebe ist nicht moralisch. Es ist keine Sünde für Jesus, Kostbares einfach hinzugeben, scheinbar zu vergeuden.
—Sünde: Sünde ist Gefühlskälte. Sünde ist, nicht mitfühlen zu können. Die, die sich aufregen, die die den Finger heben, die „Hätte man nicht…“ sagen, sie fühlen nicht…oder vielleicht noch schlimmer: Sie haben Angst vor den Gefühlen dieser Frau. Ja, letztlich haben sie Angst vor der Liebe, und die Angst kleiden sie in Moral und Urteil.
Merkt ihr es, liebe Hörer, wie aktuell unsere Geschichte ist. Wie wäre das: Eine Frau, eine schöne Frau, die davon träumt „Für mich soll’s rote Rosen regnen…“ Eine Frau, die sich gerne schön macht, schön kleidet, schmückt, schön riecht, gerne begehrenswert ist, die im Sommer am FKK Strand sich die ganze Bräune holt, die das Licht nicht hinter sich aus macht, die gerne badet und ungern Wasser spart, die liebt und fühlt, aber beim Einkauf weder auf Bio noch auf Öko achtet, die gerne tanzt und flirtet, wie wäre das: so eine Frau in unserer Kirche, in unseren Gemeindegruppen, in unseren Zirkeln…Hätte sie es leicht? Wäre sie uns willkommen, ohne dass wir kommentieren, Nase rümpfen usw.? Jesus ist die Nähe so einer Frau einfach recht. Bei ihm darf sie so sein wie sie ist, sie darf ihn sogar anrühren mit ihrem Öl. Keine Moralvorwürfe, er lässt einfach ihre Gefühle zu.
Jesus kennt etwas von Liebe, denn er ist die Liebe in Fleisch und Blut. Er weiß was vom Gefühl, denn er ist Gefühlswärme in Fleisch und Blut.

Kommt- vergeuden wir jetzt auch: — Zeit, geben wir Raum unserer Seele, singen wir die Gefühlswärme. Ja? Lasst uns. Lasst uns singen: „Stern auf den ich schaue“: 407,1+2

„Arme habt ihr alle Zeit bei euch…mich habt ihr nicht allezeit.“
Ja, Arme haben wir alle Zeit bei uns…..Dich haben wir nicht allezeit.

Jesus weiß es: Die Frau ahnt es wohl. Im Voraus zum Begräbnis gesalbt.
Liebe ist anders. Sie ist noch mehr als nur warmes Gefühl. Sie verschwendet nicht nur süß und wohlriechend, sondern auch kostbar und bitter und blutig, sie gibt. Alles.
Sie gibt sich selbst hin.

Wie die in Japan, die in die Strahlen gehen und alles geben, was sie haben und sind, damit andere leben. Für sie wird es keine roten Rosen mehr regnen…Aber sie verdienen – nicht unsere Bewunderung und Heldenverehrung, aber unser ganzes Mitgefühl, Mitleid, unsere Tränen sind das teure Öl, das ihnen zusteht….

Und am Ende wird es Freitag. Im Voraus zu meinem Begräbnis gesalbt. Da gibt er sich selbst hin. Was soll diese Verschwendung? Hätte er nicht klein beigeben und noch so vielen helfen können! So fliehen sie, die mit dem erhobenen Zeigefinger, mit dem Kreuz wollen sie nichts zu tun haben, diese Herren, da sind nur die Frauen. Sie auch, die sündhaft teure Verschwenderin. Sie hat es verstanden, mehr als nur das warme Wohlfühlgefühl. Sie sieht hin, sie sieht auch dann noch hin, wenn es unwohl, ja wenn es hässlich wird. Sie sieht hin und läuft nicht davon. Sie versteht. Er gibt sich, damit sie leben kann ohne die erhobenen Zeigefinger, damit sie mitfühlen kann ohne schlechtes Gewissen, damit sie lieben kann ohne dieses „Hätte man nicht…“
Sie wird am Sonntag früh zum Grab gehen, um ihn noch mal zu salben. Ganz neu wird da alles werden. Das ist aber eine andere Geschichte. Jedoch so kann sie leben, weil er sie anrührt, weil er Alles gegeben hat. Auch wegen ihr. Liebe ist verschwenderisch.

Pastor Carsten Sauerberg (Heiligenhafen)

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