Lass mich an dich glauben, wie Abraham es tat

Gemeindelied EG 184 [5] – Wir glauben Gott im höchsten Thron

Predigt 1. Mose 22,1-13
„Lass mich an dich glauben, / wie Abraham es tat. / Was kann dem geschehen, / der solchen Glauben hat. / Seinen Sohn führt’ er zum Brandaltar, / zu opfern ihn / wie’s ihm von Gott befohlen war. / Lass mich an dich glauben, / wie Abraham es tat.“

Das, liebe Gemeinde, ist eine Erinnerung an meine Zeit an den „Christlichen Verein junger Männer“, damals im Rheinland.
Im Alter von sieben Jahren habe ich angefangen, die Gruppenstunden zu besuchen. Und bin dort etwa drei Jahre regelmäßig hingegangen. Solange, bis unsere Familie nach Schleswig-Holstein umgezogen ist.

Im CVJM habe ich das „Vaterunser“ gelernt und meine erste Coca Cola getrunken.
Das alles ist schon lange her – aber den Namen meines Gruppenleiters weiß ich immer noch – Albert Pitann.
Und ich erinnere mich an viele Lieder, weil wir oft miteinander gesungen haben – z.B. das Lied „Lass mich an dich glauben, wie Abraham es tat“.

Auch die zweite Strophe erinnere ich. Sie handelt von „Daniel“. Die Erzählung von diesem jungen Mann in der Löwengrube, das ist ja auch eine tolle Mutmach-Geschichte – besonders für Jungs im Alter von sieben Jahren. Leicht zu verstehen, mit einem Hauch von Abenteuer.
So wie Daniel zu sein – das wäre echt toll.

Und die Strophe über Abraham und seinen Sohn Isaak? Den der Vater opfern soll, weil Gott es so befohlen hat?
Steht das wirklich so in der Bibel?

Ich lese aus dem 1. Buch Mose, Kapitel 22:
1 Gott versuchte Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich.
2 Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.
3 Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte.
4 Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne
5 und sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen.
6 Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander.
7 Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer?
8 Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander.
9 Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz
10 und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete.
11 Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.
12 Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen.
13 Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin 
und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt.

Diese Geschichte, liebe Gemeinde, ruft bei mir zunächst mehr Fragen als Antworten hervor:
„Lass mich an dich glauben …? – So, wie Abraham es tat?!?

Was ist mit diesem Ehemann und Familienvater los?
Warum wehrt Abraham sich nicht gegen diesen Auftrag?
Was Gott von ihm fordert, ist ja eindeutig genug: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde.

Gott weiß, wie sehr sich Abraham und Sara nach einem Sohn gesehnt haben. Alt waren sie schließlich geworden und hatten den Wunsch, ein Kind zu bekommen, schon längst aufgegeben.
Und dann dieses Wunder: Saras Schwangerschaft, die Geburt eines gesunden Sohnes. Die Freude der Eltern, ihn aufwachsen zu sehen. Ihr Stolz. Ihre fleischgewordene Zukunftshoffnung. Ihr einziger Sohn.

Gott weiß das. Und Gott spricht es in seinem Auftrag auch noch an: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du liebhast …

Und Abraham?
Es ist nur wenige Kapitel her, da haben wir über ihn erfahren, dass er Gott widersprochen hat.
Gott plante die Vernichtung Sodoms. Und Abraham hält dagegen.
Und handelt mit Gott.
Und handelt Gott runter auf die Anzahl von zehn Gerechten in Sodom. Die würden die Stadt retten – hoffte Abraham.
Es kam dann zwar anders.
Aber was mir wichtig ist: Abraham setzt sich ein für andere Menschen. Er kennt sie gar nicht – aber ihr Schicksal lässt ihn nicht kalt.

Jetzt geht es um einen Menschen, den er kennt und liebt – es geht um das Leben seines Sohnes!

Und – einmal abgesehen von der furchtbaren Idee eines Menschenopfers – geht es um noch mehr: Mit dem Tod Isaaks stirbt auch die Zukunftshoffnung seiner Eltern.
Stirbt auch die Verheißung, dass Abraham der Stammvater eines großen Volkes werden sollte.

Und Abraham? Spricht er das an?
Handelt er wieder mit Gott? Das kann er doch! Da hat er doch Erfahrung!
Bittet er wenigstens? Fleht Gott an um Gnade?

Wir kennen die Antwort – nichts von alldem geschieht.
Abraham fügt sich.
Er scheint nicht einmal hin- und hergerissen zu sein zwischen Vaterliebe und Gehorsam gegenüber Gott.

Von einem Konflikt, der in Abraham tobt, erfahren wir nichts.
Abraham hat sich entschieden. Und er steht früh auf, nimmt zwei Knechte und seinen Sohn und macht sich auf die Wanderung zum Opferberg, drei Tagesreisen weit.
Er nimmt sogar Brennmaterial von Zuhause mit. Wäre ja auch zu schade, wenn die Opferung seines Sohnes wegen Holzmangels ausfallen müsste …

Drei Tagesreisen weit. D.h., zwei Übernachtungen. Wie hat dieser Mensch denn überhaupt schlafen können?
Seite an Seite mit seinem Sohn, der sich bei seinem Vater sicher fühlt.
Isaak weiß nicht genau, was noch alles kommen wird – aber das macht nichts. Sein Vater wird’s schon richten.

Ja, Isaak, warte noch ein Weilchen, dein Vater wird dich hin – richten!
Und dann stapelt Abraham eine Art Scheiterhaufen auf und fesselt seinen Sohn und legt ihn oben drauf.

Dieser Abraham macht mir Angst.

Aber ist das der Sinn dieser Geschichte?
Ich erinnere noch einmal an das Glaubens-Lied aus meiner CVJM-Zeit. Da gab es ja auch die Strophe über Daniel: „Lass mich an dich glauben, / wie Daniel es tat. / Was kann dem geschehen, / der solchen Glauben hat. / Sie warfen ihn den Löwen hin / er betete zu Gott / und der erhörte ihn. / Lass mich an dich glauben, / wie Daniel es tat.“

Da geht es um Vertrauen. Es geht um Mut. Und darum, dass Gott hilft.

Nun, in der Abrahams-Geschichte ist das ganz genauso – nur eben nicht so offensichtlich wie bei Daniel.

Um das verstehen zu können, hilft das Wissen um die Entstehung der Geschichte von der Opferung Isaaks.
Obwohl sie so weit vorne in der Bibel steht, gehört sie dennoch nicht zu den ältesten Geschichten dieses Buches.
Die Forscher sind sich einig, dass diese Abrahams-Geschichte erst viele Hundert Jahre nach der Zeit entstanden ist, in der sie sich zugetragen haben soll.
Also nicht entstanden in der Zeit, als die Erzväter Abraham und Isaak noch lebten und als Nomaden unterwegs gewesen sind.
Sondern erst viel, viel später – etwa im 6. Jahrhundert v. Chr., in der Zeit der babylonischen Gefangenschaft.

In dieser Exilszeit nämlich, als ein großer Teil der Bevölkerung Israels nach Babylon verschleppt worden war, sollte diese Geschichte Mut machen.
Mut für die Verschleppten.
Mit dem Hinweis auf einen ganz Großen ihres Glaubens, den Erzvater Abraham.
Gott lässt die nicht im Stich, die auf ihn vertrauen – das war die Botschaft.
Gottes Weg mit euch ist nicht immer leicht zu verstehen – aber am Ende wird es gut für euch, ihr werdet es sehen.

Wenn das Volk Israel also das Gefühl hatte, so wie Isaak auf dem Altar der Geschichte geopfert zu werden, dann sollten sie mit dieser Geschichte getröstet werden.

Die Botschaft also lautet für die Verschleppten damals:
Vertraut auf Gott! Er hat euch nicht vergessen! Fasst neuen Mut! Er wird euch erretten! Auch wenn es im Moment schlimm aussieht – Gott findet eine Lösung!

Trost in einer schier ausweglosen Situation – dazu fällt mir auch der folgende Satz ein:
„Immer, wenn du meinst, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her, dass du es noch einmal zwingst und von Sonnenschein und Freude singst, leichter trägst des Alltags Last und wieder Kraft und Mut und Glauben hast.“

Oder mit diesen Worten, die nicht nur siebenjährigen Jungen Mut machen, sondern ein Leben lang Vertrauen geben wollen: „Lass mich an dich glauben, wie Abraham es tat …“
Amen.

Gemeindelied EG 137,1+3 – Geist des Glaubens, Geist der Stärke

drucken