Mit den Göttern töten – mit Gott ins Leben

Liebe Gemeinde,
wie ist es ihnen gegangen, als Sie die Geschichte gehört haben, vom Abraham, der sein Kind schlachten will. Haben sie es gehört als eine bekannte Bibelgeschichte und dabei gedacht: ja, so ist glauben oder haben Sie gedacht: da bin ich mal gespannt, was der Pfarrer draus macht. Oder haben Sie auch diese Hilflosigkeit und diesen Zorn gespürt, als Sie dieses Unglaubliche hören mussten? Ich kenne noch aus meiner Kinderzeit das Bild aus Schild des Glaubens, wo der Isaak auf dem Holzstoß liegt und Abraham das Messer erhebt. Ich habe es einfach so hin genommen. Später hatte ich Angst, ja wenn das Glaube ist, wenn nun Gott von mir verlangt, einen Menschen zu töten um mich zu testen? Aber die Geschichte war zu weit weg, Abraham war der Vater des Glaubens. Noch später stand ich jeden Sonntag vor der Geschichte. Es ist das Altarbild in meiner früheren Gemeinde. Eine Kollegin sagte: wie hältst du das aus?Und heute ist die Geschichte wieder da. Alle 6 Jahre ist sie kurz vor Ostern Predigttext. Und ich erschrecke, was da so alles in der Bibel steht und wie es kommentarlos immer wieder weiter getragen wird. Ist das wirklich eine so einfache Geschichte? Wie, wenn nun Abraham dieses Schaf nicht gesehen hätte und seinen Sohn erstochen und verbrannt hätte. Wenn er nicht im letzten Moment zu sich gekommen wäre? Wie wäre er nach Hause gekommen, zur Mutter des Kindes, was hätte er den Begleitern erzählt. Wie wäre er damit zurecht gekommen, mit dieser wahnsinnigen Schuld? Hätte er es ein Leben lang mit Gottes Willen entschuldigt.
Gott sei Dank, muss man sagen, ist das alles nicht passiert, messerscharf ging die Geschichte gut aus. Wirklich gut? Wie geht es denn einem Kind, dass schon da lag und über sich das Messer sah, wie geht es mit so einem Vater nach Hause? Und wie denkt ein Kind dann über Gott? Fragen über Fragen, aber sie kommen, wenn man die Geschichte ernst nimmt. Wenn man die Bibel lebendig werden läßt.
Aber, werden einige sagen, Gott hat doch zu Abraham gesprochen, Gottes Wort hat ihn auf diesen Weg geführt.
Ich frage wieder: wie spricht denn eigentlich Gott, ist das ein Traum, eine Vision, woher weiß jemand, dass es Gott ist? Warum fragt der Abraham nicht zurück, hat er keine Freunde, so was kann man doch nicht im Alleingang machen?
Manchmal denke ich, das ist auch unser Problem. Sehr schnell sind Menschen dabei, sich auf Gottes Wort zu berufen und diskutieren dann fast fanatisch. Vor einiger Zeit stand im "Sonntag" die Frage: darf man Tiere essen? Und ausgerechnet ein frommer Jugendpfarrer aus Westsachsen nahm sich Bibelzitate, also Gottes Wort, um sich zu beruhigen, dass er ohne Einschränkung ordentlich Schnitzel einwerfen kann. So einfach ist es. Ich will essen und Gottes Wort hilft mir dabei. Kein Nachdenken über Tiertransporte oder Käfighaltung, kein Wort zu Klonfleisch, kein Mitleid. Eiskalt wie der Abraham. Noch kälter wird es, wenn es darum geht, mit Bibelstellen in der Hand gegen Homosexuelle zu Felde zu ziehen und sie zu Sündern zu machen. Gottes Wort sagt es so. Es gibt aber auch andere Gottes Worte, es gibt die Liebe Jesu. Eiskalt werden heute noch Kinder geschlagen, weil es in der Bibel steht. Wer seinen Sohn nicht züchtigt, der hat ihn nicht lieb. Eiskalt wurden für Gott und Vaterland Menschen in den Krieg geschickt, um sich zu opfern. Ist es wirklich so einfach mit Gottes Wort, Gottes Stimme? Kann man sich da nicht auch vertun und verhören? Ist da nicht oft genug der eigene Eifer dabei?
Abraham hatte eine Stimme gehört. Wollte er seinem Ruf, der Vater des Glaubens zu sein, gerecht werden? Er hatte ja schon, weil Gott es so wollte, die Heimat verlassen, die Stammesgemeinschaft. Das macht kein Beduine.
Vorsicht, sagt die Geschichte, ehe du dich eifrig in eine Idee stürzt und dich auch noch auf Gott berufst. Bei Abraham wäre es beinahe so weit gekommen, dass er getötet hätte. Gott sei Dank war da das Schaf und Gott sei Dank hat Gott ihm im letzten Moment die Augen geöffnet – da, nimm das. So ist Gott, er läßt es geschehen, dass wir völlig verdreht die schlimmsten Dinge angehen. Und versucht, zu retten, was zu retten ist.
Und weil das alles so ist, schließe ich mich denen an, die in der Geschichte etwas ganz anderes entdecken. Es war nämlich tatsächlich so, dass man zu Abrahams Zeiten durchaus Menschenopfer brachte für die Götter. Man wollte sie füttern, besänftigen oder auch dadurch Segen erreichen. Wir finden das oft auch im Alten Testament, aber wir finden auch Stellen, wo genau das verboten ist. Wo sogar die Todesstrafe drauf steht. Man sollte nämlich statt der Erstgeburt ein Tier opfern. Und darum ist diese Geschichte eine Ablösegeschichte. Der Verfasser will sagen: Leute, ihr habt das bisher so gemacht und gemeint, das ist vor den Göttern recht so. Aber das ist Unrecht, darum greift Gott ein. Genau diesen Wechsel vom Menschenopfer zum Tieropfer zeigt die Geschichte.
Vielleicht haben Sie gemerkt: ich habe mal von Göttern und von Gott gesprochen. Anfangs bezeichnet die Bibel Gott mit dem Namen Elohim, die Götter. Abraham glaubte also an einen der vielen Götter, wie es damals üblich war. Und diese Götter Kanaans verlangten tatsächlich Menschenopfer. Und in dem Moment, als Gott Abraham am Kindesmord hindert, heißt Gott so, wie wir ihn kennen: Jahwe. Ich bin der ich bin.
Und durch den Engel wird deutlich: das will der eine Gott. Er will keinen Glauben, der anderen das Lebensrecht bestreitet. Und in solche Veränderungen im Glauben, in den Gottesvorstellungen, nimmt uns die Bibel mit. Sie zeigt uns nicht nur einen Ausschnitt, so ist Gott und so bleibt es, sondern sie zeigt uns eine jahrhundertelange Geschichte der Menschheit mit Gott, auch eines Ringens um Gott. Und entsprechend müssen wir die Bibel lesen, wir können nicht nach Belieben drei Bibelstellen aus ganz verschiedenen Zeiten nebeneinander stellen und sagen: so ist es, es ist Gottes Wort. Abraham hat auf das Wort der Götter gehört. Ingo Baldermann, Professor in Siegen hat mal ein Buch geschrieben: die Bibel, Buch des Lernens. Ja, wir sollen lernen, lernen mit Gott zu leben. Wir sollen die Bibel abklopfen und gemeinsam mit anderen – dazu ist Gemeinde da – die Wahrheit, den richtigen Weg suchen. Das ist spannend, manchmal auch erschreckend, aber es bringt uns weiter und hilft zum Leben. Amen.

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