Glauben heißt, sich auf Gott zu verlassen

Dass das Leben nicht immer schön ist davon erzählt nicht nur die Bibel, davon erzählt das Leben selbst: Berichte aus Japan, Libyen, Ägypten Jemen, China… Und dazu lauter kleine Episoden aus dem Alltag. Wir wissen das.

Und manchmal teilen wir unser Leben ein. In das Gute, dass zu uns passt und dem Willen unseres Gottes entspricht und das Andere, das Böse ist und irgendwie falsch ist.

Damit aber tun wir Gott und den Menschen Unrecht. Die Bibel redet ganz anders von Gott und den Menschen. Menschen werden hier nicht als einseitig gut oder böse dargestellt. Und auch Gott erscheint hier nicht als klar und unzweideutig. Eine biblische Geschichte macht das besonders deutlich:

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Woody Allen macht aus dieser Geschichte einen Dialog zwischen Abraham und Gott. Gott entgegnet auf den Hinweis Abrahams, dass diese Geschichte doch ein Beweis für seine Gottesliebe sei: Oh, das beweist nur, dass einige Menschen jedem Befehl folgen, ganz egal, wie kreuzdämlich er ist, solange er von einer wohlklingenden Stimme kommt.

Diese Auslegung hat mich überrascht. Sie passt nicht in die Legende vom frommen Abraham. Aber am Anfang steht tatsächlich etwas von Gott, der Abraham auf die Probe stellt. Und es wird nicht erklärt worin diese Prüfung besteht.

Könnte es vielleicht nicht doch so sein, dass Gott prüfen will, ob Abraham noch klar denken kann?

Das wäre mindestens ein Aspekt dieser Geschichte: Abraham hört Stimmen, ordnet sie Gott zu und geht los, obwohl er ja erkennen muss, dass es hier um die Zukunft des Volkes Gottes geht. Auf Isaak ruht Gottes Verheißung von dem großen Volk. Aber ohne Widerworte geht Abraham los. So stur geht er seinen Weg, dass die Mutter Sara hier nicht mal am Rande vorkommt. Er ist ein Bild von einem Mann, der seinen Weg gehet.

Die christlich-jüdische Tradition bewertet diese Geschichte allerdings immer wieder als Beispiel für absoluten Glaubensgehorsam. Woody Allen hat zumindest darin Recht, dass Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes doch nicht heißen kann, sein Gehirn abzuschalten, wie es Abraham hier vielleicht tut.

Die Geschichte ist sehr vielschichtig, auch wenn sie eigentlich eine Geschichte ist, die schnell nacherzählt ist. Aber da geschieht unglaublich viel: Hier wird die Ablösung des Menschenopfers bezeugt. Es ist auf keinen Fall Gottes Wille, dass Menschen geopfert werden, auch wenn das den Menschen jener Zeit etwas abwegig erschien.

Uns ist der Gedanke, dass Gott keine Menschenopfer will vielleicht völlig plausibel, auch wenn unsere Wirklichkeit heute noch anders aussieht: Heute werden Menschen geopfert für das Allgemeinwohl in Fukushima oder Libyen, in Afghanistan oder bei der Polizei. Der Sicherung von Wohlstand und Arbeitsplätzen oder dem Betriebsfrieden fallen ganze Existenzen zum Opfer. So ganz haben wir die Kernbotschaft unserer Geschichte wohl noch nicht verstanden. Darum steht auch heute noch auf Kriegermahnmälern. Sie gaben ihr Leben für ihr Volk: Menschenopfer

Das Menschenopfer ist nicht abgeschafft. Aber es macht einen Unterschied, ob sich ein Mensch freiwillig in Gefahr begibt bei Feuerwehr oder THW oder anderen Hilfsdiensten, oder ob ein Mensch verheizt wird als menschlicher Schutzschild wie bei Gaddafi. Wo wären wir ohne Menschen, die sich selbst aufopfern in häuslicher Pflege oder gefährlichen Einsätzen?

Und auch diese Versuchung gibt es heute noch, sein Kind töten zu wollen, vor der Geburt, weil es behindert werden könnte oder auch nur nicht in die Lebensplanung passt. Nach der Geburt, weil es einen Menschen überfordert, der im Stich gelassen wurde von Familie, Nachbarschaft, Freundschaft.

Führe uns nicht in Versuchung, beten wir im Vaterunser. Menschen, die so beten, wissen, dass das Leben voll Versuchungen ist. Sie wissen wie leicht wir dazu neigen, unsere Überzeugungen, unsere Standpunkt und auch Menschen zu opfern, um selbst mit heiler Haut und unbeschädigt aus einer Situation herauszukommen. Das ist nicht nur bei Politikern so, die ihre Untergebenen entlassen, um selber mit reiner Weste dazustehen.

Bewahre uns in schwierigen Situationen. Das ist der Hintergrund der Bitte des Vaterunser: Führe uns nicht in Versuchung. Diese schwierigen Situationen, diese Gewissensentscheidungen sind Teil unseres Lebens. Es kann sein, dass wir wie Abraham meinen, dass es Gottes Wille ist, wenn wir Opfer bringen, wenn wir uns und andere Menschen opfern. Dann können wir nur noch beten: Bewahre uns in der Versuchung. Oder scheinbar gegen das Vaterunser: Führe uns in der Versuchung.

Glauben heißt, sich in allen Lebenslagen auf Gott verlassen zu können, in der Versuchung darauf zu vertrauen, dass er mich begleitet. Christ sein, heißt aber auch, sich von der Gemeinde nicht allein gelassen zu fühlen. Auch dort wo es schwierig wird, Solidarität zu spüren, diese treue Solidarität von Schwestern und Brüdern, die mir auch Nein sagen kann.

Hat Abraham seine Prüfung wirklich bestanden? Oder wurde sie nur abgebrochen? Ich kann es nicht beantworten. Aber ich weiß, dass Gott nicht will, dass Menschen geopfert werden auf irgendwelchen Altären.

Und ich weiß, dass er mich begleiten will, gerade dann wenn ich in Versuchung gerate. Ich muss nur bereit sein zu hören und zu vertrauen.

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