Glaube braucht keine Dome

Glaube braucht keine Dome, weder den Berliner Dom, noch die Dresdner Frauenkirche. Und eigentlich auch gar nicht unsere prachtvolle neugotische Kirche in Elversberg. ‚Gottesdienste kann man auch in einem Schweinestall halten‘ hat Martin Luther gesagt.

Damit hat er nicht gemeint, dass wir alle Kirchen abreißen sollen. Damit wollte er ausdrücken: Es gibt Wesentlicheres als prächtig herausgeputzte Kirchen und Geistliche, Wesentlicheres als kostbare liturgische Geräte und Gewänder. Das ist das Wort Gottes und das Leben der Gemeinde als Schwestern und Brüder. Trotzdem hat er den Wert schöner Gotteshäuser nicht gering geschätzt.

Jesus selber hat ihm die Begründung dafür geliefert, in einer schönen Episode aus der Passionsgeschichte. Kurz vor Karfreitag ist er auf dem Weg vom Palmsonntag nach Gethsemane. Da passiert etwas Unerwartetes:

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Im engeren Umfeld von Jesus gab es Frauen – unzweifelhaft. Und sie verkündeten in Wort und Tat. Sie folgten Jesus nach, waren Jüngerinnen und manchmal überraschend wie diese Frau, von der hier erzählt wird.

Sie geht hin und schüttet den Jahreslohn eines Tagelöhners auf Jesu Haupt. Klar, dass die, die die soziale Botschaft von Jesus ernst nehmen sich empören – empören müssen.

Aber Jesus weist sie in dieser Situation zurück. Über Gründe wurde immer schon heißt diskutiert. Bemerkenswert ist, dass die Männer diese Geschichte überliefert haben, in der die namenlose Jüngerin für ihr Handeln gelobt wird. Ihr stilles Auftreten ist der Gegenpol zu dem gewaltigen Jubel beim Einzug in Jerusalem, vorher. Ihre Tat ist relativ sinnfrei, aber sie geschieht aus Liebe und dafür lobt Jeus sie. Er ist menschlich isoliert, steht vor seinem Leiden und spürt, dass ihn seine Jünger nicht wirklich verstehen, einer will ihn verraten, der andere wird ihn verleugnen, wieder andere werden weglaufen.

In diese Situation trifft die Aktion der Frau. Jesus nennt sie ‚schön‘. Schön wird sie durch die Situation und das Umfeld, in das sie gehört. Es ist schwer auszuhalten, wenn man nichts mehr tun kann, wenn man das tragische Geschehen nicht mehr aushalten kann. Jesus ist für sie in diesem Moment nicht der Starke, sondern der Arme, der Schwache, der Zuwendung braucht. Sie tut wenigstens das Schöne, das sie tun kann. Und sie tut es mit Inbrunst ohne Kompromisse und ohne Rücksicht.

Ihr Tun erinnert mich an einen Vers aus dem hohen Lied der Liebe: 1. Korinther 13: Und wenn ich all meine Habe gäbe und ließe meinen Leib verbrennen und hätte die Liebe nicht – so wäre mir‘s nichts nütze.

Im Hintergrund unserer Geschichte steht auch ein handfester Konflikt zwischen den armen Wanderradikalen und den reichen Frauen der Gemeinde. Denen, die nichts besaßen und denen, die die Gemeinde sponserten.

Diese reiche Frau, die es sich leisten kann, leistet sich in dem richtigen Moment diese schöne Aktion.

Mitten im Leid des Sohnes Gottes ist sie da und tut Gutes. Nur in diesem Zusammenhang ist die Geschichte richtig und nicht ohne weiteres übertragbar. Es geht hier nicht um ein Almosen, sondern darum das Schöne zu tun, das dem Einzelnen Leidenden gut tut.
Wenigstens hat sie den Todgeweihten ernst genommen und sich und ihn auf diesen Tod vorbereitet. Sie hat seine Aussagen gehört und ihm ihre Gemeinschaft über den Tod hinaus bekundet. Nicht ihr Name aber ihre Tat wird darum noch nach 2000 Jahren erzählt.

Der Widerspruch der Jünger (bei Johannes ist es Judas) ist mir sympathisch. Was soll diese Verschwendung? Ich muss für mich lernen: Es gibt wohl auch Momente in meinem Leben, wo Verschwendung sinnvoll ist. Es gibt auch Orte, die einfach nur schön sein dürfen, weil in ihnen das Wort Gottes gehört wird, weil in ihnen gebetet wird und er zu seinem Mahl einlädt.

Dome und schöne Kirchen sind nicht notwendig für den Glauben, da hat Martin Luther recht, aber sie sind schön, weil in ihnen der Glaube gut leben kann. Sie sind so wenig notwendig wie die Salbung. Aber so wie die Salbung Jesus gut getan hat, können uns die schönen Kirchen gut tun.

Wichtig ist, dass wir hören und feiern im Hause des Herrn.

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