Menschenopfer

Predigt zu Gen. 22,1-13, Sonntag, 10.4. in der Stadtkirche von Heiligenhafen, P. Carsten Sauerberg (ev.) Titel: „Menschenopfer“

Liebe Gemeinde;
Lasst uns heute über Menschenopfer reden. Ja, Sie haben richtig gehört: Menschenopfer. Denn darum geht’s in unserer Geschichte: Abraham, Isaak und der Berg, das Feuer, das Messer. Schon beim Hören der Geschichte vorhin, da wurde uns klamm und bang, schon beim bloßen Hören fanden wir den Inhalt wohl eher abstoßend. Und nun auch noch die Predigt darüber….
Er heißt Ronald, Ronny nennen sie ihn, seine Freunde. Ronny aus Wolgast am Peenestrom. Kurze Bürstenhaare, schwarze Klamotten, Bomberjacke…und nun sitzt er hier in Rendsburg. Heereskaserne. Hat sich freiwillig gemeldet, sich verpflichtet. Man wird ja jetzt nicht mehr eingezogen. Man geht jetzt freiwillig. Kommt mir nun nicht mit Vaterland und Ehre, eher mit Berufsausbildung, gutem Gehalt, freie Heilfürsorge, LKW-Führerschein, Sicherheit. Wenn man aus Wolgast ist und nicht gerade ein Einser-Abi hat, dann hat man nicht soviel Auswahl. Bundeswehr, zur Armee, wie man in Wolgast sagt. Das ist besser als mit Wodka an der Peene zu sitzen und zu warten, das was passiert. Klar, denkt Ronny, das mit Afghanistan kommt jetzt eben auch, haben sie bei der Anwerbung aber auch nicht verschwiegen.
Manches ist anders in der Armee. Manches ist anders in Rendsburg. In Wolgast gab es keinen Gott, der war irgendwann zwischen 1950 und 1970 abgeschafft worden, und hier läuft ein Militärpfarrer rum, der uns lebenskundlichen Unterricht gibt und mit uns in der alten Garnisonskirche Gottesdienste hält. Hier haben sie Gott nicht abgeschafft. Dieser Unterricht, so was Ähnliches wie die Jugendweihestunden damals, denkt Ronny, nur eben mit Religion. Und die Garnisonskirche, das Mahnmal der Gefallenen, „Sei getreu bis in den Tod, dann will ich Dir die Krone des Lebens geben“ steht drüber über dem Mahnmahl, in Gold, goldene Buchstaben…ob er auch mal zu den Gefallenen gehört? Weg…weg mit dem Gedanken.
Heute Früh war wieder Lebenskundestunde beim Pastor. Da haben sie über Opfern und Liebe und sich Aufopfern und über Gehorsam und so geredet. Ob er auch mal zu den Gefallenen gehört? Ach, schon wieder diese sch…Gedanke. Eine Geschichte hat der Pastor ausgeteilt, aus einem alten Buch, einer Bibel rauskopiert. Von so einem Wüstenscheich, wie es sie auch in Afghanistan gibt, der wegen seinem Gott und weil er gehorcht, seinen Sohn opfern will. So richtig krass, ihn schlachten und verbrennen.
Viele lassen den Unterricht beim Pastor einfach dösend über sich ergehen, Ronny bislang auch. Aber das Mahnmahl, die goldene Schrift, die Garnisonskirche, diese komische Geschichte, in ihm rührt es sich, es beschäftigt ihn. Er grübelt. Abends in ruhiger Stunde, da grübelt er drüber nach.
Menschenopfer. Hätte man ihn letztes Jahr in Wolgast nach seiner Ansicht zu Menschenopfern gefragt, er hätte über so einen Quatsch nicht ein Wort verloren. Er redet eh nicht so viel. Wie die beiden in der Geschichte, Vater und Sohn, gehen schweigend zum Berg, Vater, hier ist Feuer und Holz, wo aber ist das Opferlamm? Gott wird sich ein Opfertier ersehen, so die Antwort, mehr nicht. Wie er mit seinem Vater oft als Kind zur Peene ging, auch sehr schweigsam, Vater, haben wir auch die Messer mit? Ja, Jung, alles mit. Mehr nicht. Reichte an Worten. Sie wollten die Reusen leer machen, die Vater im Strom setzte, Aale schlachten. Aale…aber keine Menschen.
Aber die goldene Schrift in der Garnisonskirche. Die Namen der Gefallenen, darunter. Menschen opfern sich, ja bis heute ist das doch noch so. Er wird vielleicht auch, schon wieder dieser sch…Gedanke, aber wenn es sein muss? Wenn es so kommt? Nicht für Volk und Vaterland, aber für die anderen, die mit ihm sind, und die für ihn. Man lässt die Kameraden nicht im Stich, und wenn es einen auch selbst erwischt. Das ist so.
Und was ist mit diesen Japanern. Hat der Pastor auch drüber geredet. Diese Japaner, die da in das zerschmelzende Kernkraftwerk gehen, um nur irgendwas zu retten, zu kühlen. Was da genau los ist, das begreift Ronny nicht. Aber das die da ihr Leben einsetzen, das da schon Tote sind, Verstrahlte, das die das freiwillig tun, dass sie sich opfern, damit andere leben, dass begreift Ronny.
Warum macht man das? Fragt der Pastor. Aus Liebe? Oder aus Gehorsam?
Liebe- so ein Westwort. Liebe hat sich in Wolgast in die Peene gestürzt wegen Wodka und Hartz IV. Gehorsam- Vater, war noch bei den Pionieren als kleiner Junge, allzeit bereit für Sozialismus und so. Gehorsam- betrogen haben sie uns, Junge, erst die Roten, nun die Wessis mit ihren blühenden Landschaften, ja in Heringsdorf an der Promenade blühen die Rosen, hier blühen nur die Hundeblumen.
Nun ist Ronny selbst im Westen, in Rendsburg, bei der Armee, wo sie Gott noch nicht abgeschafft haben, und auch noch von Liebe reden…Aale muss man aus den Reusen holen und schlachten. Für die Kameraden muss man sich in die Bresche werfen, auch wenn es das Leben kostet. In Japan muss man da rein in dieses Strahlending, damit die in Tokio nicht alle sterben, so ist das eben. Man muss das machen. Das ist eben so. Egal warum. Fertig, aus, basta, denkt Ronny. Manchmal muss man sich eben opfern oder opfern lassen.
Muss man, Ronny? Wirklich?
Dumme Frage? Oder? Doch nicht so dumm? Gott wird sich ersehen ein Opfertier. Und dann ist da dieser Widder, dessen Hörner sich im Busch verfangen haben. Und der Wüstenscheich opfert den Widder. So geht die Geschichte doch aus, nicht wahr Ronny.
Jetzt wird’s ganz bunt, denkt Ronny. Gott wird sich ersehen…gibt es diesen Gott überhaupt? In Wolgast gab’s ihn nicht mehr. Aber wenn doch, was ist das für einer? Da ist doch in der Garnisonskirche auch dieses Bild von einem Menschen am Kreuz, aber der Mensch hat einen Widderkopf, oder den Kopf eines Schafes oder so. Er hat dieses Bild immer als seltsam empfunden, irgendwie mysteriös, nicht zu begreifen. Nun schwant ihm was. Ist das der abgeschaffte Gott? Ist er selbst das Opfertier, das wegen mir in die Bresche sich wirft? Müssen diese ganzen Menschenopfer denn wirklich sein? Ohne Strahlen keine Strahlentoten…ohne Krieg keine Gefallenen…ohne Hass keine Geschlagenen.
Ach, Quatsch, denkt Ronny, das sind so Gymnasiastengedanken. Es gibt eben Krieg also auch Gefallene, es gibt Hass, also auch Opfer, es gibt dieses durchbrennende Kraftwerk, also müssen da welche rein. So ist das eben….aber Gott? Wenn es anders sein sollte? Sein könnte? Wenn wenigstens die Namen und der Spruch auf der Gedenktafel nicht in Gold wären, sondern vielleicht schwarz? Wenn wir die, die da in Japan rein gehen nicht bewundern, sondern beweinen würden? Wenn die unter dem Kreuz nicht lästern, sondern weinen würden, wie diese Frau, die da unterm Kreuz steht auf dem Bild in der Kirche. Ronny spürt etwas, ist das die Liebe, mitfühlen können, mit diesem Isaak, statt seinen Vater für seinen Gehorsam zu bewundern? Mitfühlen können mit dem Feuerwehrmann aus Osaka, der wegen Tokio da rein geht in die Strahlen. Mitfühlen können mit dem Kameraden, der sich dazwischen wirft. Schwarze Buchstaben, von mir aus poliert, denkt Ronny, aber nicht Gold. Gold ist falsch. Gold passt nicht zu dem Gott, den man hier in Rendsburg verehrt. Und mit dem Ronny vielleicht doch noch nicht fertig ist.
Aber das ist eine andere Geschichte.
Amen

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