Ganz frisch!

In Jesu Worten vom Brot des Lebens steckt vieles, was uns an vergangene Zeiten erinnert. Es hat gewiß auch mit dem Heute zu tun. Aber die Kostbarkeit des Brotes, hier im Evangelium ist voraufgegangen die wunderbare Speisung der 5000 für Leute, die den ganzen langen Tag nichts zu essen bekommen haben, das kostbare Brot, das erinnert an vergangene Zeit. Ich denke an einen Tunnel in Monte Carlo, meine Tante hat da ein Haus geerbt, als Student war ich für eine Woche dort eingeladen. In der Gosse lag ein Stück Brötchen und mein Onkel stupste mit dem Fuß dagegen. Also mein Schulfranzösisch ist mir abhanden gekommen, aber den schneidenden Befehl meiner Tante habe ich noch im Ohr: "Ne joue pas avec du pain!" Spiele nicht mit dem Brot! Sie wird die Zeit noch in Erinnerung haben, wo man anstehen mußte für ein Stück Brot, wo die Zuteilung reichen mußte für die ganze Familie. Die Zeit kurz nach 45, wo zwei Cousins meines Vaters verhungert sind in Berlin. Die Zeit, als man auf die Frage, was brauchen wir zum Leben, noch geantwortet hat: Genug Brot für den Tag, ein Paar feste Schuhe, ein warmer Mantel, Brennstoff für den Winter.

Beim Stichwort Brot fällt mir die Abendmahlsliturgie ein:
"Wie dies gebrochene Brot zerstreuet war auf den Bergen und zusammen gebracht wurde, so bringe du deine Kirche zusammen von den Enden der Erde in dein Reich.
Natürlich kann jemand kommen und sagen: Das ist die gute alte Zeit, sie kriegt in der fernen Erinnerung romantische Züge. Brot wird heute eben anders hergestellt als wir es in der 1. Klasse im Lesebuch beigebracht bekamen mit dem Bauern, der von Hand aussät und dann mäht und auf der Tenne drischt und dann kriegst der Müller und dann der Bäcker. Gewiß ist das heute industrialisiert. Der weite Weg von der Vorbereitung des Ackers bis das fertige Brot auf den Tisch kommt ist kürzer geworden. Aber es ist immer noch ein weiter Weg.

Und das ist die Situation, die wir voraussetzen müssen, um den Worten Jesu besser nachzuempfinden: Brot kommt immer von weit her. Und mit dem Wort vom Brot holt uns Jesus von weit her ab und vergegenwärtigt, was von weit her auf uns zukommt. Es ist nach wie vor ein weiter Weg von der vollendeten Ähre zum Speicher, auch wenn unsere Zeit ihn verkürzt hat. Weit ist der Weg zu künftigem Brot und immer noch geheimnis umwoben. Der Weg des in die Erde fallenden Weizenkorns, dessen Aufgang im späten Herbst, sein Überleben im kalten Winter, der Weg des Wachsens unter der Sonne bis die Ähre voll ist.
Jesu Wort vom Brot will uns verbinden mit den Generationen vor uns, die ihr Brot mit Seßhaftgewordensein besiegelten. Das Wort vom Brot nimmt uns mit hinein in die tiefere Schicht unseres Daseins, in die Geschichte unseres von weit her kommenden Weges.
Das ist nicht Romantik. Auch die Menge um Jesus denkt bei seinen Worten an uralte Zeiten, als ihre Vorfahren durch die Wüste zogen, 40 Jahre lang. 40 Jahre lang, mitten in der Wüste hatten sie keine Not gelitten. Sollten diese Zustände sich jetzt wiederholen? In einer alten jüdischen Schrift, dem Midrasch zu Pred 1,9 heißt es: Wie der Erlöser, gemeint war Mose, das Manna herabkommen ließ, so wird auch der letzte Erlöser, der Messias, das Manna herabkommen lassen.

Nun hatten sie erlebt, wie Jesus aus 5 Gerstenbroten und 2 Fischen ein Abendessen für eine riesige Menge geschaffen hatten. Das ist er, hoffen sie und wollen ihn zu ihrem König machen. Als sie ihn später in Kapernaum in der Synagoge wieder finden, wollen sie endlich Klarheit: Wirst du jetzt dich als Messias herausstellen? Ist jetzt die Endzeit angebrochen. Kommt jetzt das Reich Gottes, bringst du es? Wir kämpfen mit dir.
Jesus weist das dann ab, und danach verlassen ihn die meisten seiner Bewunderer, nur ein kleiner Haufe bleibt noch, von denen Petrus auf die Frage, warum er denn noch geblieben ist, die wunderbare Antwort geben wird:
"Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens!"

In den Zeltlagern auf Lampedusa oder hinter den Grenzen Libyiens, wo Tausende sich hingeflüchtet haben auf gefahrvollen Wegen, sorgen tüchtige Helfer für das Nötigste. Genauso in den Turnhallen und anderen Notunterkünften, wo die aus der Bannmeile um das beschädigte Kraftwerk Evakuierten Aufnahme gefunden haben. Sie sollen bekommen, was sie brauchen. Das Nötigste. Genauso ist es mit den langfristigen Projekten von Brot für die Welt, wohin die Gaben gehen, die wir im Advent und an Weihnachten sammeln.

Es ist gut, wenn Christen sich beteiligen an diesen Hilfsaktionen an den Brennpunkten dieser Welt. Aber darin darf es sich nicht erschöpfen, wenn es darum geht, das Brot des Lebens auszuteilen. Da musst mehr kommen. Und das geschieht. Nicht so spektakulär, aber sehr wirksam.

Etwa im Soldatenheim Herrenweide in Diepholz. Da war an fünf Abenden Public Viewing, wie man heute sagt. Nicht Fußball, sondern die Jugendwoche Jesus House. Vorgestern waren wir mit 25 Jugendlichen dort. Wir wurden nach Stuttgart durchgeschaltet zu einem Programm mit fetziger Musik, bewegender Predigt. Dazu Lebensberichte von Menschen, die durch den Glauben verändert wurden. In fünf Sprachen wird das gesendet an hunderte Übertragungsorte, wo örtliche Gemeinden ein Rahmenprogramm erstellen und für die Seelsorge sorgen und die Nachsorge.
An all diesen Übertragungsorten wird das Brot des Lebens gereicht. Brot im übertragenen Sinn. Ist es weniger wert als das Brot zum Essen und Anfassen?

So dachten ja die Vielen, die im Anschluss an das Brotwunder von Jesus die Deutung erfuhren. Er sagte ihnen: Das war nur ein Vorgeschmack. Das wahre Brot bin ich selber. Mein Fleisch ist die wahre Speise und mein Blut ist der wahre Trank.
Reaktion vieler: Sie ziehen sich zurück. Die kurze Sättigung genügte ihnen. Mehr wollten sie nicht. Oft habe ich das erlebt, als ich noch in Bremen war. Der Kirchturm war von weither zu sehen und lockte manchen Bittsteller an. Oft kamen sie am Wochenende, wenn die Ämter zu waren. Sie bedankten sich meistens wortreich. Und weg waren sie. Am Sonntag drauf in der Kirche fand sich kaum jemand ein.

Das Evangelium hier zeigt uns: Jesus steht hinter allen guten Gaben. Die Nahrung für das ganze Leben. Nicht nur für einzelne Bedürfnisse. Aber vielen sind die einzelnen Gaben viel wichtiger als ihr Urheber.
Sich umsonst satt essen? Gerne! An Jesus glauben? Da muss ich erst mal in Ruhe drüber nachdenken. Geheilt werden? Ja bitte! Ein neues Leben beginnen? Muss das wirklich sein?
Immer wieder missbrauchen Menschen Jesus: Sie wollen etwas von ihm haben. Beistand. Heilung. Ein gutes Gewissen. Hoffnung für die Zukunft. Erfüllung ihrer Herzenswünsche. Aber ihn selbst, den Ursprung von allem. Den wollen sie eigentlich nicht. Oder sie nehmen ihn halt in Kauf, wenn es ohne nicht geht.
Wirkliche Liebe zu Jesus erkennt man aber daran, dass ich mich an ihm ausrichte. Die Verbindung zu ihm festige. Sie soll so stark werden, dass seine ganze Art auf mich übergeht. Das ist die Grundlage für eine Freundschaft mit ihm. Und nicht seine Gaben. Obwohl er gerne und reichlich schenkt.

Stell dir vor: Zwei Leute haben geheiratet. Sie schauen sich glücklich an und sagen zueinander: Ich bin ja so froh über dich! Endlich weiß ich, wer mir die Strümpfe stopfen wird. Wer für mich Geld verdienen wird. Mit wem ich Kinder haben werde. Wer sich um mich kümmert, wenn ich krank bin. Oder wenn ich schlechte Laune habe. Und endlich weiß ich, mit wem ich ins Altersheim gehe.

Ist das richtig oder falsch? In einer guten Ehe wird vermutlich all das passieren. Aber wer deswegen heiratet, der muss damit rechnen, er wird genau das alles nicht bekommen. Weil die Grundlage nicht da ist, aus der alles kommen muss.

Heiraten muss man aus Liebe zum Partner. Und nicht aus Berechnung. Glauben muss man aus Liebe zu Jesus und nicht aus Berechnung.
Natürlich gibt Jesus seinen Freunden ganz viel. Er beschenkt uns reichlich. Aber es muss immer deutlich sein, dass er für uns der Freund und der Herr bleibt. Und nicht der Geschenkeonkel wird, an dem selber man gar kein Interesse hat.

So ist es also bemerkenswert, und tiefgründig von Jesus, und er holt uns ab bei unseren Bedürfnissen, wenn er in der Rede vom Lebensbrot auf das allseits beliebte Thema Essen und Trinken eingeht. Dabei lernen wir etwas wichtiges über den Glauben. Den Glauben hat man nicht von Geburt an. Der wird nicht übertragen mit den Genen. Der wird einem auch nicht zu eigen durch ein christliches Umfeld, wenn man das Glück hat, mit Leuten zusammen zu sein, die Jesus kennen und in die Kirche gehen.
Es ist so wie mit dem Brot, daß man anfassen muß, in den Mund stecken, kauen und essen. Du mußt Jesus aufnehmen, wenn du richtig mit ihm verbunden sein willst. Das ist ein Geheimnis. Nicht alles haben es damals verstanden: "Da stritten sie untereinander und sagten: Wie kann der uns sein Fleisch zu essen geben?" Jesus aufnehmen heißt den Glauben in das eigene Leben hineinlassen. Ihn, Jesus, Herr sein lassen über alle Bereiche des Alltags, in den Gedanken, in den Zukunftsplänen.

Und dann entdeckst du: Das Leben wird schöner. Das macht mehr Freude. Da kommt Kraft hinein. Wie das nach einer guten Mahlzeit ja auch ist. "Und als Boas gegessen und getrunken hatte, ward sein Herz guter Dinge." heißt es von einem Bauern im Alten Testament. Vom Propheten Elia heißt es, daß ihn die Raben versorgt haben mit Fleisch und Brot morgens und abends. Gott sorgt für Leib und Seele, und das Beste, was er dir auftischt, ist Jesus. Speise zum ewigen Leben. Wer ihn in sich aufgenommen hat, der kriegt eine Lebenskraft, die auf geheimnis-volle Weise nicht weniger wird. Nicht durch Not. Nicht durch Mangel. Nicht durch Leiden. Nicht einmal durch den Tod.

Bei dem, was Gott uns serviert, gilt wirklich die Einladung: "Greifen Sie bedenkenlos zu!" Da gibt es keinen Grund, bescheiden zu sein. Da dürfen wir nach Herzenslust schlemmen. Wir sollen alles nehmen, was wir von Jesus kriegen können durch die Nähe zu ihm im Gebet, durch das Bibellesen, durch die Gemeinschaft, durch das was in der Kirche geboten wird, durch die Freuden des Lebens, die wir dankbar entgegen nehmen.
Das Brot ist heute da. Ganz frisch für jeden, der hörend Jesu Ruf vernimmt und sich zu ihm auf den Weg macht.

Im Abendmahl werden wir an diese Zusammenhänge erinnert.
Wahrscheinlich kursieren unter uns die unterschiedlichsten Abendmahlsverständnisse. Die einen gehen scheu hin, die andern locker. Die einen verstehen es nur symbolisch, die anderen sehen die Gaben als gewandelt an durch die Zeremonie. Die einen bevorzugen Einzelkelche, andere lieben den großen jahrhundertealten Kelch, die einen nehmen lieber Saft, die anderen Wein. Das hat alles Raum. Die Hauptsache ist, zu wissen: Hier kommen wir Jesus nahe.
Er selbst ist das Lebensbrot. Hier werden wir erfrischt und gestärkt.
Der Weg lohnt sich. Lasst uns beten:

„Herr Jesus Christus! Du siehst unseren Mangel. Unseren Hunger. Unsere Bedürfnisse. Du kannst sie stillen. Bei dir finden wir alles, was wir brauchen. Danke, daß du dich für uns gegeben hast. Hilf uns, dass wir bei dir bleiben und bei dir all das suchen, was wir nötig haben. Amen.“

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