Brief an Gott in unruhiger Zeit.

Liebe Gemeinde.

Ein Brief an Gott in unruhiger Zeit.

I. Falsche Propheten

Herr, dein Heiliges Wort warnt uns vor den falschen Propheten. So sprechen sie, die Lügner im Namen Gottes; das ist die Botschaft der falschen Propheten: Es passiert schon nichts. Euch geht es immer gut. Katastrophen suchen euch niemals heim. Keine Angst! Keine Sorge!

Gerne, Herr, hörten wir solche Rede. Der Herrgott wird´s schon richten. Für uns. Keine Angst! Uns geschieht nichts. Wir sind sicher. Gott behütet uns, der uns behütet schläft und schlummert nicht. Wir aber können schlafen in dieser Zeit und unsere Augen getrost verschließen vor allem, was geschieht.

Über diese Propheten der immerwährenden Sorglosigkeit spricht Jeremia: Sie weissagen Lüge im Namen Gottes. Niemand hat ihnen dazu den Auftrag gegeben. Sie predigen falsche Offenbarung. Sie verharmlosen alles, weil ihr Herz feige ist und sie in aller Frömmigkeit dennoch vor Gott fliehen (nach Jeremia 14,14.

Warum ich Jeremia gelesen habe. Herrgott, ich will es dir sagen. Ich habe das andere Buch aufgeschlagen. Ich lese aus dem Buch des Propheten Jesaja:

(Text)

Dürfen wir das lesen? Fürchte dich nicht. Ich will mich deiner erbarmen. Muss ich etwa annehmen, dass auch Jesaja einer der Lügenpropheten sei? Oder liegt die Gefahr darin, dass ich ihn mit feigem Herzen zu einem solchen mache? Meine Seele giert nach Heilsworten; dass uns nichts geschieht, möchte ich garantiert haben von dir.

Dürfen wir lesen, dass am Ende doch nichts passiert, dass wir leben, dass alles gut wird?

II. Leben in unruhiger Zeit

Warum ich so frage? Ich frage, weil ich so unsicher geworden bin. Wir leben in unruhigen Zeiten. Schlimme, furchtbare Katastrophen suchen die Erde heim. Wir spielen mit den Elementen und werden der Folgen nicht mehr Herr. Was wird noch alles geschehen?

Du bist verborgen, Gott. Müssen wir das, was geschieht als Ausdruck deines Zorns verstehen? Dieser Gedanke erschreckt mich, denn dann wärest am Ende du derjenige, der Atomkraftwerke zerstört. Dass will ich nicht glauben. Es ist mir aber auch zu billig, deine Zusage von Segen und Schutz, von Zukunft und Heil als Decke über all die furchtbaren Dinge zu ziehen. Damit wir nichts mehr sehen, nicht mehr hören, nichts mehr sagen müssen. Der Herrgott wird´s schon richten. Nein, so einfach ist das nicht.

Dürfen wir das lesen: Fürchte dich nicht, denn du sollst nicht zuschanden werden? Finden wir so einfach Schutz in deinem Schwur, die Schöpfung zu erhalten?

Herrgott, du erlebst mich ratlos und Rat suche ich, indem ich mein Ohr auf dein Wort lege. Hören will ich, was du zu sagen hast. Hören wollen wir auf dein Wort in unruhiger Zeit.

III. Gottes Blickrichtung

Ich höre als erstes, was deine Augen sehen. Ich folge also deinem Blick. Deine Worte sagen mir, was du sieht, was du gesehen hast. Deine Augen richten sich auf die Kinder, du bemerkst, wie viele in Bedrängnis, in Angst, ohne Orientierung leben. Du sieht die „Schande“ in der so viele Kinder und Jugendliche leben müssen: Ohne feste Bindung, mit Eltern ohne Kraft, ohne Moral, ohne Halt, ohne Orientierung. Ohne Glauben?
Du siehst die Menschen, die allein leben, ohne Schutz. Du siehst die „Schmach der Witwenschaft“, das Leben ohne Recht. Die hörst das Weinen und Klagen derer, denen alles geraubt wurde: Liebe, Nahrung, Zukunft, Ehre und Ansehen. Wollten wir sie zählen all die gedemütigten, missbrauchten, geknechteten Menschen, wir könnten es nicht.

Du siehst die Not der Menschen in Japan, in Nordafrika und überall dort, wo Leben missachtet wird.

Wollen wir das überhaupt wissen? Der Herrgott wird´s schon richten. Dürfen wir das sagen, dürfen wir so sprechen?

Das dürfen doch nur dann unsere Worte sein, wenn wir deinem Blick gefolgt sind, wenn wir mit dir in die Abgründe des Lebens geschaut haben. Dann mag unser Glaube stark werden, dann mag unser Glaube an deine Zukunft, an dein Heil uns tragen.

Ob wir, ob ich den Mut habe, deinem Blick zu folgen? Wir ertappen uns dabei, wie wir wegschauen. Fukushima macht keine Schlagzeilen mehr. Aus den Augen, aus dem Sinn. Libyen? Ach ja, da ist Krieg. Fast schon vergessen. Geht mich ja auch nichts an. Wir hören uns sprechen: Haben es ja nicht besser verdient!
Wir wissen doch, wie oft wir weg geschaut haben. Wir hören uns sprechen: Ich kann das alles nicht mehr sehen. Was geht es mich an?

Du aber schaust an, was im Verborgenen geschieht. Du hörst das Weinen, du hörst das Schreien. Du siehst die stumme Verzweiflung, du spürst die Hoffnungslosigkeit. Du weist, wie viele Menschen sich nach dir sehnen und doch den Weg nicht finden. Gott weint über die Welt, sagt Jeremia uns (Jer 14,17). So spricht Gott: „Meine Augen fließen über von Tränen, unaufhörlich Tag und Nacht“.

IV. Gottes Stimme

Deine Stimme erklingt: Der Herr hat dich zu sich gerufen. Mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen.

Dürfen wir das hören? Dürfen wir das lesen? Ja, wenn wir es denn begreifen wollen. Ja, wenn wir dein Wort zu unserem Wort machen. Blieben wir aber stumm, so wäre es offenbar: Wir haben nichts gehört und nichts gesehen.

Dein Wort von der Zukunft, deine Zusage des Erbarmens, dein Ruf sucht mehr als unser Ohr. Es sucht unseren Mund. Umkehr müssen wir predigen und Buße soll unser Wort sein.

Dein Wort von der Rettung, Herr, möge auch unser Wort werden, unsere Gedanken formen, damit wir sprechen können in unserer unruhigen Zeit ohne dass wir als Lügner, als falsche Propheten befunden werden. Dein Wort von der Rettung möge unser Tun leiten und formen: Dass wir reden voll Sorge, mit Bedacht und nüchtern voll Hoffnung für diese Welt.

V. Gottes Hoffnung

Wie wir sprechen können? Ich versuche, Worte zu finden. Es kann ja nur ein Gebet sein.

Halte uns, Herr, in der Hoffnung. Halte uns, Herr, in deiner Zukunft. Denn wir wissen: Leiden werden über uns kommen. Wir leben in dieser Welt. Sind vom Tod umfangen. Wissen auch, welch schreckliche Zeiten geschehen. In falscher Sicherheit wollen wir keine Zuflucht suchen.

Dein Sohn Jesus Christus ist Mensch geworden bis in den Tod hinein. Die grausame Welt hat ihn zerstört, der Liebe gespottet, die Barmherzigkeit mit Füssen getreten, das Leben ans Kreuz geschlagen. Wir wissen, Herr, um Krankheit, um all das Elend dieser Erde. Es ist auch unser Teil, darin sind wir verwoben. Du aber hast Zukunft jenseits des Todes. Daran, Herr, lass uns Anteil haben in Christus.

Voll Angst, in Ohnmacht und zögerlich folgen unsere Augen deinem göttlichen Blick. Gott weint, sagt die Schrift, und gebe du uns die Kraft, diesen Schmerz mit zu ertragen und davon zu reden auch in unserer Zeit.

Voll Hoffnung, in Ohnmacht und zögerlich folgen unsere Ohren deinem Wort. Kehrt um, kehrt um, kehrt um. Gottes Wort ist voll Hoffnung, sagt die Schrift, und gebe du uns Mut, unser Herz dieser Hoffnung zu öffnen damit wir leben können als Zeugen deiner Wahrheit in dieser Welt.

Voll Glauben, in Ohnmacht und zögerlich folgt unser Herz deiner Zukunft: Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.

Dürfen wir das lesen, dürfen wir das hören? Ja, wenn dein Wort uns wandelt, uns wandeln lässt auf neuen Wegen. Auf dein Wort wollen wir hören, Herr, dir wollen wir glauben als wachsame Menschen, die leben in unruhiger Zeit. Dir wollen wir glauben, als Menschen, denen neues Leben verheißen ist: In Buße und Umkehr.

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