Die beste Gabe

Liebe Gemeinde,

ich bin mir nicht sicher, ob Sie wissen, dass es einen Evangelischen Namenskalender gibt. Natürlich geht es dabei – im gut evangelischen Sinne – um Gedenktage: um Vorbilder im Glauben, an welchen man sich für sein eigenes Denken und Handeln orientieren mag.

Heute, am 27.03.2011 wird Meister Eckhardt gedacht, einem berühmten Theologen aus dem 13. Jahrhundert, den meisten bekannt als einer der wichtigsten deutschen Mystiker. Seine Lehre ist nicht leicht zugänglich und hat daher auch großen Unmut hervorgerufen. Er wurde schließlich von der römischen Kirche als Ketzer verurteilt. Vielleicht war es ihr unheimlich, dass jemand aufstehen konnte und die Möglichkeit zum unmittelbaren Gottesverhältnis predigte.

Ohne heute Meister Eckhardt erklären und erläutern zu können, möchte ich ihn doch im Zitat bemühen, wenn wir uns dem Predigtwort von heute nähern. Denn auch dort greift Jesus etwas auf, was mit dieser unmittelbaren Beziehung zu Gott zu tun hat.

Hören wir zunächst das Wort für den heutigen Sonntag aus dem Evangelium nach Markus im 12. Kapitel, die Verse 41-44:

[TEXT]

Es ist, liebe Gemeinde, ein anstrengendes Wort, was wir heute zu hören haben. Denn natürlich stellt sich als erstes das Bild ein, dass wir alle zu wenig zu geben bereit sind. Denn scheint es nicht so zu sein, dass uns die letzten Worte am stärksten nachklingen?: „Alles, was sie zum Leben hatte.“? Dann dürften wir uns freilich noch freuen über die hohen Gaben und Spenden, die auch in unserer Gemeinde gegeben werden, hätten aber immer noch dem Vorbehalt im Kopf, ob nicht ein Reicher eben nur ein Tröpflein von seinem Reichtum abgegeben hätte, aber eben nicht sich so losgelöst hätte vom Gelde, wie es im Gleichnis anklingt. Vielleicht haben Sie es die Tage auch in der Zeitung gelesen. Der z.Zt. reichste Mensch der Erde verfügt über 70 Milliarden Dollar, das sind 70.000 Millionen – eine Summe, die ich mir nicht mehr recht vorstellen kann. Nun hat er ein Kunstmuseum gebaut, zu welchem jederzeit jedermann freien Eintritt hat. Dies hat ein paar Millionen gekostet. Das ist schon schön, aber – zumindest bei mir – bleibt ein Nachgeschmack zurück. Ist er etwa nicht auf Kosten vieler anderer reich geworden? Ist dann diese Gabe im Verhältnis nicht ebenfalls nur ein kleines Tröpflein?

Dennoch ist dieses Jesus-Wort nicht so zu verstehen, dass er meint, wir müssten nun alles hergeben, was wir besitzen. Jesus war kein Utopist für diese Welt, er sagt vielmehr: es wird immer Reiche und Arme geben, solange diese Welt besteht. Ihm geht es vielmehr darum, wie weit sich ein Mensch an das bindet, was er hat oder andersherum: wie sehr ihn sein Besitz hindert, zu Gott zu kommen oder ihn zu empfangen. Die Witwe aus unserem Predigtwort achtet scheinbar das, was sie hat für sich selbst so gering, dass sie es weiter geben kann, ohne sich selbst gefährdet zu sehen. Auch diese Beispiele kennen wir. Ein Kollege erzählte von einer älteren Damen in seiner Gemeinde, die ihn immer wieder anrief, wenn sie genug zusammen gespart hatte und ihm dann als Pfarrer der Gemeinde einen Umschlag, gefüllt mit den gesparten Tausenden Euro, übergab. „Sie hätte alles zu Leben und sei schon alt: warum mit dem Geld nicht Gutes tun?“, so Ihre Argumentation.

Hören wir nun dazu Worte aus einer Predigt des Meister Eckhart: „Fürwahr, nun achtet auf ein wahres Wort. Gäbe ein Mensch tausend Pfund Goldes, auf dass man damit Kirchen und Klöster baute, so wäre das ein großes Ding. Aber doch hätte der viel mehr gegeben, der tausend Pfund für nichts achten könnte: der hätte viel mehr getan als jener. (…) Wer [Gott] (…) ganz empfangen will, der muss sich selbst ganz ergeben haben und aus sich selbst herausgegangen sein. (…) Gottes Natur ist, dass er gibt, und sein Wesen hängt daran, dass er uns gibt, wenn wir demütig sind. Sind wir das nicht, so empfangen wir auch nichts und tun ihm Gewalt an und töten ihn. Wenn die Seele der Zeit und des Raumes ledig ist, so sendet der Vater seinen Sohn in die Seele. Es spricht ein Wörtlein: „Die beste Gabe kommt von oben herab, vom Vater der Lichter.“ Dass wir bereitet seien, die beste Gabe zu empfangen, dazu verhelfe uns Gott, der Vater der Lichter.“

Die Passionszeit, liebe Gemeinde, ist eine gute Zeit, unsere Bindungen zu überdenken. An was hafte ich so, dass es mir immer schwerer wird, Gott zu empfangen? Wovon kann ich lassen, was zurückstellen? Immer im Blick auf denjenigen, dessen „Natur ist, dass er uns gibt“, wie Meister Eckhart sagt? Gehe ich in den Gottesdienst, um mit diesen offenen Armen und mit offenem Herzen etwas zu erwarten für mein Leben hier und einst? Wo mache ich mich, von dem, was mich umgibt, so abhängig, dass ich nicht mehr offen bin für das Scheinen der Lichter des Gottesreiches, welches hier schon beginnt, aber erst vollendet sein wird, wenn diese Welt zu einem Ende gekommen ist?

Zu jenen, was und bindet, liebe Gemeinde, gehören aber nicht nur die Dinge, die in dieser Welt als gut und erstrebenswert angesehen werden, wie z.B. Besitz und Geld, Macht und Einfluss, Ruhm und Ehre. Sondern es gehören auch die anderen Dinge dazu, vor denen wir erschrecken: Sorge und Trübsal, Resignation und Verzweiflung, Mutlosigkeit und das Versinken in Krankheit. Es mag seltsam klingen, aber auch von der Sorge muss man lassen können. Darauf achten, dass nicht alles im Leben um sie kreist. Und Sorgen in der Welt haben wir ja wahrlich auch genug. Das heißt nicht, sie klein reden und verharmlosen oder besser noch, sie ignorieren. Aber darauf achten, dass auch sie uns den Blick nicht versperren, dass wir geschaffen sind, um zu empfangen. Angewiesen auf ein Gegenüber.

Das Wort Mystik kommt vom Wortstamm her von der Bedeutung: „schweigen, in sich gehen, verschließen“, damit man eins werden kann – unmittelbar – mit einem höheren Wesen, in der christlichen Tradition: mit Gott.

Ich bin mir gewiss, dass wir alle solche Momente des Eins-Seins mit Gott kennen, auch wenn wir sie vielleicht als solche noch nicht benannt haben. Momente, in denen wir spüren oder erahnen, wie wir aufgehen in etwas Größerem, als wir selbst es sind. Momente, in denen wir tatsächlich befreit sind von den Grenzen und Fesseln unseres Körpers und unseres Verstandes. Am ehesten mögen Sie diese Momente aus der Liebe zweier Menschen kennen: aufzugehen in einem Gegenüber, zu spüren, wie viel man selber geben kann, ohne zu wissen, woher dies einem auf einmal alles zuströmt. Aber auch hier: ehemalige Konfirmanden berichten mir vom Moment der Segnung bei der Konfirmation: als Erfahren jener Größe Gottes für ihr Leben. Anklänge davon, dass nicht der Einzelne mit seinen Gaben und Wünsche im Mittelpunkt steht, sondern offen wird für die große Macht und Liebe Gottes, die von außen in ihn hineinströmt.

Um es etwas zu relativieren: wir sind keine ekstatische Sekte und keine weltabgewandten Spinner, welche dieses Gefühl des Aufgehens in einer höheren Macht wiederum nur egoistisch auf selbst beziehen und damit nicht anderes tun, als fortzufahren, um sich selbst zu kreisen.

Sehen Sie die Schrift dazu an: überall richtet Jesus den Blick auf die Folgen in diesem Leben. Wer von Gott so empfangen hat, wer so eins geworden ist in Unmittelbarkeit mit seiner Macht und Güte zumindest für Momente seines Lebens, hat den Blick frei für seinen Nächsten. Die Witwe hat es in unserem Predigtwort. Und auch, wenn sie nicht viel hat, was sie geben kann: zwei Scherflein sind zusammen gerechnet ein Pfennig. Aber sie gibt um dieses Empfangens willen in einer Freiheit, die der Reiche des Gleichniswortes nicht hat. So bleibt uns die Orientierung auf den Nächsten, aber aus einer anderen Einsicht heraus. Nutzen Sie diese Passionszeit, um sich wieder an jener Einheit zu orientieren, um die Jesus in Joh 17 seinen Vater bittet.

So schließe ich für heute mit den Worten Meister Eckharts: „Wenn die Seele der Zeit und des Raumes ledig ist, so sendet der Vater seinen Sohn in die Seele. Es spricht ein Wörtlein: „Die beste Gabe kommt von oben herab, vom Vater der Lichter.“ Dass wir bereitet seien, die beste Gabe zu empfangen, dazu verhelfe uns Gott, der Vater der Lichter.“

Und der Friede Gottes, der Ruhe schafft in deiner Seele, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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