Die Rücklichter Gottes

1. Nur die Rücklichter sehen: Aufbegehren
Liebe Gemeinde,
ein Kommilitone aus Studententagen von mir, der einige Semester mehr studiert hatte als ich, der erzählte mir zu Beginn meines Studiums ausholend und gespickt mit vielen Fremdwörtern vom Wesen Gottes und anderen schlauen Dingen.
Als er merkte, dass ich ihm nicht mehr folgen konnte und nichts mehr verstand, und seine immer weiterführenden Erklärungen auch nichts nutzten, da fing er an zu lachen und sagte: „Jetzt siehst du von mir wohl nur noch die Rücklichter! Keine Sorge, da kommst Du auch noch hin. Ich bin eben schon viel weiter als du.“

Dass diese Anekdote für eine längere Freundschaft nicht unbedingt die beste Voraussetzung war, das könnt ihr euch sicherlich vorstellen. Wer will schon hören, dass man nicht in der Lage sei, Dinge zu begreifen. Wer will schon hören, dass man – egal was man tut – immer nur die Rücklichter des Gegenübers wahrnehmen kann.
Dann soll doch das Gegenüber bitteschön so freundlich sein und die Dinge leichter, einfacher erklären.
Damals hatte ich mich darüber wirklich geärgert, heute weiß ich, dass es Situationen gibt, wo es sich genau so verhält.
In manchen Bereichen des Lebens und des Wissens kommt man einfach nicht weiter, da einem zu viele Grundlagen fehlen. Bei mir ist das heute so gut wie alles, was mit Chemie zu tun hat. Da könnte sich der wohlmeinendste Lehrer mit mir auseinander setzen, über einige Allgemeinplätze käme er mit mir wohl nicht hinaus.
Ein hoffnungsloser Fall!

2. Der Mensch: Ein hoffnungsloser Fall
Der Predigttext am heutigen Morgen führt uns einen ebenso hoffnungslosen Fall vor Augen.
Moses, der Prophet, der Richter, der Heerführer, der Wundertäter, der Gesetzgeber, der Mann Gottes.
Dieser laut biblischem Bericht wirklich auf vielen Gebieten beschlagene Mann Moses wünscht, die „Herrlichkeit Gottes“ zu sehen.
Ich gebe zu: Ich kann nur einfallen in den Wunsch von Moses. Die Herrlichkeit Gottes zu erblicken, direkt von Gott zu Mensch kommunizieren, das würde ich auf jeden Fall auch gerne mal. Ein großer Anspruch, den da der Moses äußert: „Gott, lass mich deine Herrlichkeit sehen!“

Ich unterstelle mal einigen unter uns, dass sich viele da genauso einreihen können wie ich es tue.
Endlich einmal Gott sehen können. Das, was man so viele Jahre geglaubt hat, endlich zu erblicken, mit beiden Augen – und damit endlich auch alle Zweifel beseitigt zu haben.
„Ich habe Gott gesehen“, könnte man dann sagen. „Jetzt glaube und vertraue ich ihm nicht allein, sondern jetzt weiß ich endlich, dass er da ist.“
Und trotz all unsere Zustimmung für Moses führt uns diese Geschichte letztendlich vor Augen, was für ein hoffnungsloser Fall Moses doch ist – und mit ihm wir Menschen.

3. Moses im Kontext
Es ist schon verblüffend. Da befinden sich die Israeliten am Berg Sinai, und Moses begibt sich immer wieder auf den Berg, um mit Gott zu sprechen. An einem dieser Tage kommt er hinab mit den 10 Geboten, und siehe da: Die Israeliten haben sich einen Gott aus Gold gemacht, den sie sehen können. Moses schmeißt vor Wut die Gesetzestafeln hin dass sie zerbrechen und lässt das Götzenbild zerstören. Da führt Gott das Volk all die Wochen und Tage durch die Wüste in Form einer Wolke, in Form einer Feuersäule, es kommt zu gewaltigen Erscheinungsformen Gottes am Berg, man kann seine Stimme hören – und die Israeliten machen sich einen Gott den man sehen und anfassen kann.

Moses verurteilt das. Gott will sich nicht ganz und gar zeigen, schon gar nicht als leblose Statue.

Doch genau dieser Wunsch treibt auch Moses an, als er Gott bittet, ihm doch „seine Herrlichkeit“ zu zeigen.
Moses wünscht sich ebenfalls einen handhabbaren Gott. Einen, der nicht ganz so unberechenbar ist, einen, wo man draufschauen kann und dann sagt: Da ist er. Das ist Gott. So wie ihr auf den Stuhl, auf dem ihr sitzt zeigen könnt und sagt: Der steht hier und ich sitze drauf!

Genau der – freilich indirekte – Wunsch nach dem Götzenbild treibt Moses an, Gott zu fragen.
Zeig dich mir einmal. Einmal. Dann aber richtig. Und dann hab ich Ruhe.

4. Der gnädige Gott weicht dem Anspruch des Menschen aus
Anders als mein Studienkollege mit gegenüber weicht Gott dem Moses in unserem Predigttext aus.
Man könnte fast sagen: Gott ist zu höflich, Moses direkt zu sagen: „Bei mir kannst du ohnehin nur die Rücklichter sehen. Wer von euch Menschen mehr sieht, der kann mehr nicht mehr leben.“
Gott ist höflich.
Das ist nun etwas, was ich beim alttestamentlichen Gott Jahwe überhaupt nicht erwartet hätte,
verhält der sich doch gerade im AT wie ein rechter Pascha-Gott, wie ihn sich nur durch und durch patriarchale Gesellschaften sich haben ausmalen können.
Er sagt zu Moses: Ich werde vor dir all meine Güte vorübergehen lassen – man kann es auch übersetzen: Ich werde an dir „meine unermessliche Schönheit“ vorbeigehen lassen.
Also: Gott macht ein Zugeständnis und ist bereit, ihm eine seiner Eigenschaften zu zeigen: Seine Güte, vielleicht auch seine unermessliche Schönheit, je nachdem man es auslegt: Ich kann mir Schönheit vor Augen eher vorstellen als Güte.
Und zusätzlich nennt er ihm wieder seinen wahren Namen: Gott heißt mit wahrem Namen im Alten Testament Jahwe, das wir gewöhnlich mit der „Herr“ übersetzen.
Und er schiebt gleich noch eine Deutung dieses Namens hinterher: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“

Und erst nach diesem freundlichen Zugeständnis wird er deutlicher – man merkt: Gott weiß genau: Das reicht dem Moses alles nicht. Das reicht den Menschen nicht. Denen reichte ja selbst Feuersäule, Wolke und geteiltres Meer nicht aus.
Die wollen mehr. Die wollen Gott zum anfassen haben.
Damit sie ihn, wenn er unangenehm wird, schnell in den Schrank stellen können und zu machen. Oder ihn in die Hosentasche stecken können. Dann ist er ungefährlich.

Nachdem also Gott eine höfliche, ausweichende Antwort gegeben hat, wird er sehr deutlich: „Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“

Also ist eine Bedingung für das „Ins-Angesicht-Gottes-schauen“ das sofortige Ende des Lebens.

5. Der schreckliche obscure Gott
Liebe Gemeinde,
Gott ist schrecklich, so schrecklich, dass wir seinen bloßen Anblick nicht ertragen würden.

Die Forderung des Moses, die Bitte des Menschen nach dem vollständigen Offenbar-Werden Gottes kommt dem Wunsch nach dem Tod gleich.
Das würden wir Menschen nicht aushalten.
Die dunkle Seite Gottes würde uns sofort unseres Verstandes und unseres Lebens berauben.

Und es scheint mir so zu sein, dass diese unheimliche, diese geradezu dämonische Seite Gottes auch in dieser Welt hin und wieder aufscheint.
Wenn Menschen sterben, besonders, wenn sie viel zu jung sterben – da fragt man sich doch, was das nun eigentlich für ein Gott ist, der das so zulässt.
Wenn wir vor dem Grauen von Katastrophen stehen, wie dieser Tage gerade in Brasilien und Australien – vielleicht auch mit menschlichem Verschulden, gut – aber dennoch mit der Frage: Warum lässt Gott das eigentlich zu.

Anders übrigens schätze ich unser selbstgemachtes Leid ein: Da schlägt die düstere Seite des Menschen zu!

Es gibt sie, die abgewandte, düstere Seite unseres Gottes.
Sein Angesicht mit allen seinen Furchen und Schrecknissen können wir nicht sehen, solange wir leben.
Wir würden vergehen.

6. Der offenbare Gott in Jesus Christus (+imago die)
Nun zeigt sich Gott dem Mose gegenüber als ziemlich zurückhaltend und höflich.
Der versteht den Wunsch, den er ihm nicht erfüllen kann.
Er kann ihm nur die Rücklichter anbieten.
Oder anders: Er kann ihm nur eine Seite zeigen.

Als Christen können wir das gut verstehen:
Auch wir können nur eine einzige Seite unseres Gottes wirklich sehen – er offenbart sich uns ja dar als der Dreieine.

Von Gott dem Vater wissen und begreifen wir nur wenig; eine echte Vorstellung haben wir nicht von ihm, können wir auch gar nicht haben. Das ist die Seite, die Gott dem Moses verbirgt: Wer den Vater sieht, muss sterben.

Von Gott dem Sohn können wir dagegen einiges sehen: Gott hat sich in und als Jesus Christus uns offenbart.
Wir sehen das Kind in der Krippe, und dann und vor allem den Mann am Kreuz und den Herrlichen, wen er auferweckt ist.
Und sind mit ihm leibhaftig verbunden im Abendmahl.
Liebe Gemeinde, eine Erscheinungsweise Gottes ist unser heiliges Abendmahl, das wir gleich auch miteinander feiern.
Hier, so sagen es die Theologen, hier beim Abendmahl „ereignet sich Gott“.

Anders ausgedrückt: Die engste Verbindung, die Gott und Mensch eingehen können, vielleicht sogar enger noch als die zwischen Moses und Gott in der Felsspalte, ist im Abendmahl zu finden.
In der uns ganz und gar zugewandten Seite Gottes, die eben nicht bloß aus Rücklichtern besteht, die wir nicht einholen können.

Es wird auch in unsere Gemeinde gerade darüber nachgedacht, ob wir diese Gabe Gottes an uns an ein Alter oder ein kirchliches Fest – die Konfirmation – binden dürfen oder ob nicht alle geladen sind, die getauft sind und das Sakrament des Altars empfangen möchten, da sie echte Begegnung mit Jesus begehren.

Und es ist da noch eine dritte Erscheinungsform Gottes in der Welt:
Die des Heiligen Geistes.
Die zeigt sich am deutlichsten in der Gemeinschaft der Christen, der Kirche.
Die Taufe ist das Zeichen dafür.

Gotteserfahrung, Gotteserscheinung ist sichtbar möglich durch den Heiligen Geist, wenn das Ebenbild Gottes, der Mensch (Gen 1,27), dem Nächsten dient und ihn liebt.
Der Mensch selber kann als Getaufter zu einer Erscheinungsweise Gottes werden.

Nicht indem wir uns untereinander nur die Rücklichter zeigen,
(denn so schrecklich sind wir ja gar nicht),
sondern indem wir uns hineinbegeben in den Anspruch des Menschen an Gott:
„Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“

Und diesen Anspruch kraft des Glaubens und im Bewusstsein, dass wir Gottes Ebenbilder sind, ernst nehmen.
Indem wir untereinander Gottes Herrlichkeit sichtbar werden lassen.

Amen.

Und die Gnade Gotte, die höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
LIED EG 398: IN DIR IST FREUDE

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