Ein merkwürdiger Zustand

Liebe Gemeinde,

viele Bilder werden sich Ihnen beim Hören dieser Worte aufdrängen. Welche sind es? Vielleicht die Schlange oder der Baum der Erkenntnis mit der nicht genannten Frucht – meist ein Apfel in unserer Vorstellung? Der Garten Eden, das Paradies, Adam und Eva. Diese Worte bilden, obwohl sie erst an zweiter Stelle im Buch Genesis zu stehen kommen, die ältere der beiden Schöpfungserzählungen. Was leisten diese Erzählungen oder besser: was wollen sie uns erklären? Sie deuten den Zustand der Welt und erläutern, wie es um den Menschen steht. Das darf man, liebe Gemeinde, bitte nicht verwechseln! Sie bieten uns keine Erklärung, wie die Welt zustande gekommen ist, keine wissenschaftliche Sicht der Beschreibung der Dinge und der Materie, sondern sie deuten und erläutern die Beziehung der Menschen untereinander, die Beziehung der Menschen zu Gott und der Menschen zu ihrer Umwelt. Was also ist die Kernaussage dieser Erzählung im Hinblick auf den Zustand der Menschen? Es ist ein ernüchternder Blick, denn es wird festgestellt, dass eigentlich alle drei Bereiche schwer gestört sind. Zunächst die Beziehung zu Gott selbst: Adam wird von Gott gerufen, aber er versteckt sich im Garten. Er fürchtet sich ob seiner Nacktheit vor Gott. Es ist nichts geblieben von dem paradiesischen Zustand der Nähe zu seinem Schöpfer, sondern es ist eine Distanz, ein Abstand eingezogen worden, der es unmöglich macht, unbefangen mit diesem Gott umzugehen, ihm zu begegnen. Die Folge daraus ist die Furcht, das sich-Ängstigen vor Gott. Der Mensch versteckt sich und möchte von Gott nicht wahrgenommen werden.

Aber auch die zweite Beziehungsebene ist zerstört. Hier exemplarisch an Mann und Frau, an Adam und Eva. Sie müssen sich gegeneinander erheben. Einer weist dem anderen die Schuld zu. „Eva war´s, die an mir schuldig wurde.“ Aber ebenso das weitere Verhältnis der beiden. Der Mann soll der Herr über die Frau sein. Als Ordnung nach dem Sündenfall. Kein Zustand der Erlösung, sondern eine Folge gestörter Beziehung unter den Menschen. Einer weist dem anderen die Schuld zu und Menschen schaffen unter sich Hierarchien – es sind gestörte Verhältnisse, die die Schrift hier offen legt.

Und schließlich die dritte Ebene, die Beziehung des Menschen zu seiner Umwelt. Auch hier ein Ringen und Kämpfen, ein Mühen und Scheitern. „Verflucht soll der Acker sein um deinetwillen. Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren!“ Kein Leben im Einklang mit der Natur, kein freundliches und einvernehmliches Geben und Nehmen untereinander, sondern harte und schwere Arbeit: ein Ringen um das tägliche Leben. Auch das, liebe Gemeinde, eine Folge dieser Entzweiung.

Dabei, liebe Gemeinde – ich will es nochmals betonen – ist die Frage nach dem Ursprung der Entzweiung nicht relevant. Es steht nicht im Mittelpunkt der Fragestellung der biblischen Autoren darüber nachzudenken, woher nun die Sünde kam, woher und wieso die Entzweiung ihren Raum so stark einnehmen konnte. Die biblischen Autoren denken gewissermaßen von der anderen Seite her: sie sehen die Entzweiung und beschreiben sie für ihre Leser, damit sie begreifen können, wie der Weg aus ihr heraus gelingen kann.

Ab und an vergessen wir, darüber nachzudenken, was der Mensch eigentlich ist und tun so, als könnten wir ihn von sich heraus „reparieren“ und zu einem uns wichtigen Erfolg führen. Und so leiten uns manche Vorstellungen vom Menschen, die mit den biblischen Bildern kaum mehr etwas zu schaffen haben. Ist es denn wirklich so, dass der Mensch an sich gut ist und fähig, seine Vereinsamung zu überwinden? Ist es wirklich so, dass der Mensch sich im Wesentlichen definiert über das, was er zu leisten vermag, sei es in Schule und Beruf oder durch das, was er in seiner Freizeit zu schaffen in der Lage ist? Unser Predigtwort von heute ist grundsätzlich anderer Auffassung: der Mensch ist verwundet und gespalten, verletzt und krank. Er lebt in Strukturen, die ihm schaden und er kann oft nicht anders von seiner Natur her, als wiederum Schaden zu verursachen. Es wird im Predigtwort als Folge beschrieben: der Mensch ist nicht mehr Bewohner des Garten Edens, sondern seine Welt ist eine gefallene, eine gestörte. Wenn Sie die Schrift weiter lesen, werden sie immer wieder an solche Stellen stoßen, die dieses „Gefallen-Sein“ an Beispielen verdeutlichen: Kain und Abel, der Neid zwischen den Brüdern, der bis zum Mord führt, kommt in der Schrift gleich als Nächstes und vieles mehr, welches dem Leser verdeutlicht: der Mensch ist verletzt, verwundet: er wartet auf Rettung.

Mit Invokavit beginnt die Passionszeit – violett, übersetzt: die „schwärzliche Farbe“ ist gedeckt, als Hinweis für das Versagen des Menschen und seine Sehnsucht nach Heilung. Gloria und Glorialied entfallen in diesen Wochen, denn es besteht kein Grund zum Jubeln angesichts der Sünde, mit welcher der Mensch behaftet ist. Aber dies alles ist nicht richtungslos, keine deprimierende Beschreibung eines Zustandes, der nicht verändert werden könnte. Hören Sie noch einmal den Spruch für die heute beginnende Woche: „Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.“ Die Passionszeit ist ja der Weg auf Ostern hin. Das Leiden Jesu, seine Hingabe am Kreuz hat einen Sinn, ein Ziel. Nämlich den Weg zu Gott wieder frei zu machen, alle Trennung aufzuheben. Denken Sie daran, was die Evangelien berichten in der Sterbestunde Jesu: der Vorhang im Tempel, der das Allerheiligste vor den Blicken der Menschen verschloss, riss von oben nach unten hindurch: der Blick zu Gott, der Weg zu Gott ist durch Jesus wieder frei gemacht worden! Die Gräber öffneten sich: keiner ist verloren, auch die Toten sind nicht vergessen bei unserem Schöpfer.

Und so leben wir nach dem Zeugnis der Schrift in einem merkwürdigen Zwischenstand: unsere Belastung, unsere Sünde, unsere Verletztheit ist noch da: wir können sie sehen und spüren an den Worten unseres Predigwortes – noch sind die Ebenen der Beziehung gestört zu Gott, zum Mitmensch, zur Natur. Aber gleichzeitig gibt es einen Weg zu Gott in Christus Jesus, als dem Ersten, der den Tod überwand, der sitzt zur Rechten Gottes, dem wir nachfolgen werden in Tod und Auferstehung. In ihm haben wir ein Angeld des Geistes, in ihm sind wir schon frei, ihn ihm sind wir schon erlöst. Beides zugleich im Zustand der Pilgerschaft in dieser Welt, in die wir hineingestellt sind, aber keinen bleibenden Platz haben. So sind wir aufgerufen, zu handeln in dieser Welt als die Botschafter an Christi statt, indem wir von der Güte Gottes erzählen, von seinem Reich künden und seine Liebe versuchen, unter uns zu leben. Aber wir gehen nicht auf in der Welt, sie ist nicht unser Ziel. Zugleich hängen wir aber noch mit einem Bein in dieser Welt, mit unseren Fehlern, unseren Schwächen, ja mit unserer Unvollkommenheit – wir sind somit ein Teil dieser Welt, von der wir nicht loskommen, solange wir leben. Ostern, ja die Geschichte Jesu überhaupt aber erinnern uns daran, dass wir ein Ziel haben jenseits dessen, was wir jetzt sehen können. Eine Hoffnung, einen Traum von einer besseren Welt, die wir verbinden mit den Bildern des Paradieses: die Schau Gottes ohne Furcht, das Zusammenleben der Menschen ohne Hierachie und Kampf, das Leben in der Schöpfung ohne Zerstörung und Distanz.

Jetzt aber in der Passionszeit wenden wir den Blick zunächst geschärft auf das, was nicht vollkommen ist, damit wir gestärkt sind, offenen Auges und offenen Ohres in dieser Welt zu sehen, was im Argen liegt und den Finger in die Wunde legen. Als Mahnung und Hinweis, dass es ein Reich Gottes gibt, zu dem wir alle gehören können.

Jesu erfährt in seinem Weg zum Kreuz diese verwundete Welt. Er bekommt die Distanz zu seinen Mitmenschen, ja zu Gott selber zu spüren bis zu seinem Tod. Aber indem er ihn durchschreitet und besiegt, schenkt er uns einen Weg hinaus, hin zu Gott selbst.
Behalten Sie diese Botschaft im Herzen, wenn Sie Ihr Leben bedenken – gerade in dem, was gescheitert ist, damit die Hoffnung umso lebendiger und kräftiger werde und Sie stärke, wenn Sie gefordert sind, wieder und wieder Zeugnis zu geben, dafür, dass Tod, Leid und Geschrei nicht das letzte Wort haben werden.

Und der Friede Gottes, der aus dem Leiden die Freude schaffen wird, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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